Erstellt am 14. September 2015, 20:28

von APA Red und Pia Reiter

Andrang in Nickelsdorf reißt nicht ab. In Nickelsdorf reißt der Zustrom der Flüchtlinge, die von Ungarn nach Österreich kommen, weiter nicht ab.

 |  NOEN, Birgit Böhm-Ritter
Im Laufe des Tages kamen bisher Schätzungen zur Folge 10.000 Menschen in Nickelsdorf an. Gegen 18.00 Uhr machte sich laut Informationen der BVZ eine Gruppe von geschätzten 3.000 Menschen von nahe der Grenze auf eigene Faust in Richtung des Grenzübergangs auf.

Derzeit halten sich also rund 7.000 Flüchtlinge an der Grenznähe Nickelsdorf auf. Die Einsatzkräfte in Nickelsdorf rechnen für heute Montagabend mit der Ankunft von weiteren 5.000 Flüchtlingen.

Polizei: Erst Mittwoch Nachlassen des Flüchtlingsstroms

Von ungarischer Seite seien fünf Züge mit jeweils 1.000 Menschen an Bord avisiert worden, sagte Polizeisprecher Gerald Pangl. Mit einem Nachlassen des Flüchtlingsstrom rechne man erst für Mittwoch.

Schätzungen zufolge könnten damit mit Montag bereits rund 12.000 Flüchtlinge in Nickelsdorf eingetroffen sein, sagte Pangl. Der Zustrom an Menschen, die von Ungarn zu Fuß zum Grenzübergang kommen, habe seit dem Nachmittag merklich nachgelassen.
 



Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil sei bei einem Treffen mit dem Polizeidirektor von Györ am Nachmittag zugesagt worden, dass Ungarn versuchen werde, die Flüchtlingsströme nach Nickelsdorf zu leiten, berichtete Pangl. "Dort sind wir in Sachen Infrastruktur besser aufgestellt als in Heiligenkreuz", fügte der Polizeisprecher hinzu.

Die Flüchtlinge werden nach wie vor in Bussen von Nickelsdorf abgeholt und in Notunterkünfte gebracht.
 
In Hallen in der Umgebung sowie in Bundesheer-Zelten am Grenzübergang können zwar Hunderte Menschen untergebracht werden, die Zahl der zur Verfügung stehenden Plätze ist jedoch bei weitem zu gering. "Die Witterung spielt jetzt auch nicht mehr mit", sagte Pangl.

"Es regnet immer wieder, die Menschen suchen Schutz unter dem Flugdach. Familien mit Kindern hoffen, noch Plätze in einem der Busse zu bekommen." Die Situation könnte in der Nacht "äußerst schwierig" werden
 


„Schön langsam beginnt die Situation zu gären“

"Wir bringen die Leute von hier leider nicht im gewohnten Tempo weg. Es stockt sozusagen", sagte Polizeisprecher Gerald Pangl Montagvormittag vor Journalisten.

Zapfl: „Das ist das, was ich befürchtet habe“

Der Nickelsdorfer Bürgermeister Gerhard Zapfl meinte im Gespräch mit deer BVZ: „Schön langsam beginnt die Situation zu gären. Es werden vor Ort immer mehr Flüchtlinge, diese sehen dann die bereitstehenden leeren Busse. Derzeit fahren aber keine Busse bzw. werden keine Flüchtlinge weiter transportiert. Das ist das, was ich befürchtet habe.“

Man traue sich laut Pangl schon fast keine Schätzungen mehr über die Anzahl der wartenden Menschen abzugeben. Mittlerweile dürften es mehr als 7.000 sein. Wann der Bustransport in vollem Umfang wieder aufgenommen wird, war vorerst nicht absehbar.

Sonderzug in Richtung Wien abgefahren

Ein Sonderzug sei mit rund 500 Personen in Richtung Wien abgefahren. Ob Wien auch das Ziel ist, war nicht bekannt. Ein einzelner Bus mit Flüchtlingen sei ebenfalls abgefahren: "Da werden jetzt die kleineren Quartiere befüllt, die gestern noch angeboten wurden", etwa in Pfarrhöfen.

"Es laufen ständig Gespräche und man versucht, in allen möglichen Richtungen Unterkünfte freizubekommen oder eben Plätze, wo man die Leute wenigstens einmal fürs erste unterbringen kann." Die wartenden Menschen seien trotz stundenlanger Wartezeiten immer noch sehr diszipliniert.

Aus Ungarn sei weiterhin nur zu hören, wenn ein weiterer Sonderzug ankomme, und das nur sehr kurzfristig. Welche Lager jetzt wirklich geleert oder geöffnet würden und wie groß der zu erwartende Zustrom sei, dazu habe man bis jetzt keine offiziellen Informationen. Wann der Andrang seinen Höhepunkt erreiche, lasse sich derzeit nicht sagen, so Pangl.

Suche nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten

Denkbar sei, dass man versuchen werde, nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten wie Sporthallen und Veranstaltungssälen zu suchen. Das nächste Problem sei, dass die Flüchtlinge dort nicht bleiben wollten: "Die machen sich dann wieder selbstständig. Die Koordinierung wird auch immer schwieriger."

Der Bahnhof Nickelsdorf sei gerade "relativ frei", die Lage sei relativ ruhig, wenn nicht gerade ein Sondertransport laufe. Mittlerweile stehen Polizisten bei den Zufahrten zum abgezäunten Bereich an der Grenze: "Man möchte damit verhindern, dass die Leute wieder die Straße (die B10, Anm.) belagern. Die Sperre der Ostautobahn (A4) im Bereich der Grenze sei mittlerweile aufgehoben. Die Sperre war erforderlich geworden, weil sich wieder Flüchtlinge auf der Fahrbahn befunden hatten.

Stimmung in Nickelsdorf - noch - gut

Die Lage am Grenzübertritt Nickelsdorf ist laut Helfern - noch - gut. "Es ist zwar eine Herausforderung, aber zehntausend Menschen zu versorgen sind wir mittlerweile gewöhnt", sagte Tobias Mindler vom burgenländischen Roten Kreuz gegenüber der APA. Die große Sorge ist allerdings, dass die Stimmung unter den Flüchtlingen kippen könnte.

7.000 Flüchtlinge - Tendenz stark steigend

In Nickelsdorf waren nach aktuellen Schätzungen mehr als 7.000 Flüchtlinge untergebracht - Tendenz stark steigend. Am Nachmittag erwartete das Rote Kreuz zusätzlich 20.000 Menschen aus der Flüchtlingsunterkunft Röszke, die offenbar von den Ungarn geöffnet worden ist. "Die Menschen werden sich wahrscheinlich auf Nickelsdorf und Heiligenkreuz aufteilen", sagte Mindler.

Falls tatsächlich eine derartig hohe Anzahl an Flüchtlingen zu den Grenzstationen kommen wird, ist die Logistik allerdings erschöpft. "Mit Nahrungsmittel können wir die Menschen versorgen, das wäre kein Problem, aber es gibt einfach nicht genügend Schlafstätten", erklärte Mindler. In Nickelsdorf könnten etwa rund 10.000 Personen nächtigen, Heiligenkreuz würde mit größere Mengen von Personen überhaupt nicht fertig werden.

Stimmung unter den Flüchtlingen könnte kippen

Das größte Problem dürfte aber sein, dass die Stimmung unter den Flüchtlingen kippt. "Derzeit sind sie noch beinahe fröhlich", sagte Mindler. Er wisse aber nicht, ob es sich unter den Migranten schon herumgesprochen hat, dass eine geordnete Weiterreise nach Deutschland nicht länger möglich ist. Dann könnte sich eine "depressive Stimmung ausbreiten", die dazu führt, dass sich die Migranten selbstständig machen und trotz geschlossenen Grenzen zu Fuß weitergehen wollen.

Nach den chaotischen Zuständen am Vormittag war die Lage am Grenzübergang Heiligenkreuz im Burgenland gegen Mittag ruhig. Laut Berichterstattern waren rund 1.000 Flüchtlinge anwesend, die vor allem auf ihre Weiterreise warteten.

Immer wieder - wenn auch eher selten - würden Busse vorfahren, um Flüchtlinge aufzunehmen. "Die Menschen warten extrem geordnet in Reih und Glied", hieß es.