Erstellt am 30. März 2016, 18:23

von APA/Red

Belgiens Premier Michel könnte auch Terrorziel gewesen sein. Die Brüsseler Terrorzelle könnte nach belgischen Medienberichten auch ein Attentat auf Premierminister Charles Michel geplant haben. Auf der Festplatte eines sichergestellten Computers seien Pläne und Fotos vom Amtssitz und einer Wohnung des Regierungschefs entdeckt worden, berichteten die Zeitungen "De Tijd""L'Echo" und "Le Soir" am Mittwoch.

 |  NOEN, APA (AFP)

Ein Sprecher bestätigte lediglich, dass es für die Gebäude seit einiger Zeit besonders strenge Sicherheitsvorkehrungen gebe. Der Computer mit den Fotos und Plänen war nach den Anschlägen am Dienstag vergangener Woche in einem Müllbehälter nahe einem Unterschlupf der Terrorzelle gefunden worden. Bestätigt ist bereits, dass sich auf dem Rechner auch eine Art Testament des Selbstmordattentäters Ibrahim El Bakraoui befand. Er werde "überall gesucht", notierte El Bakraoui den Ermittlern zufolge vor seiner Terrortat, und sei deshalb "in Eile".

Am Dienstag vergangener Woche hatten sich Ibrahim El Bakraoui und ein weiterer Selbstmordattentäter, Najim Laachraoui, am Flughafen Brüssel-Zaventem in die Luft gesprengt. Kurz danach verübte Khalid El Bakraoui einen Selbstmordanschlag in der U-Bahn-Station Maelbeek. Nach neuen Angaben der belgischen Regierung wurden 32 Menschen getötet. 94 der 340 Verletzten werden derzeit noch in Krankenhäusern behandelt.

Fahndung läuft

Die belgische Polizei fahndet außerdem noch nach einem dritten Flughafen-Attentäter, dem sogenannten Mann mit Hut. Ein Verdächtiger, der 30-jährige Faycal C., wurde am Montag wieder freigelassen, weil sich der Verdacht gegen ihn nicht bestätigte. Wie sein Anwalt Olivier Martins dem Sender BRTF sagte, ergab eine Telefonauswertung, dass C. während der Anschläge zu Hause war.

Im niederländischen Rotterdam, wo im Zusammenhang mit einem vereitelten Anschlag in Frankreich am Sonntag vier Verdächtigte festgenommen worden waren, gab es in der Nacht auf Mittwoch eine neue Razzia. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gab es aber keine weiteren Festnahmen.

Der bei den Anschlägen am 22. März schwerbeschädigte Flughafen von Brüssel bleibt vorerst dicht. Nach einem Test für einen Teilbetrieb am Dienstag wurden die für Mittwoch anvisierten ersten Starts verschoben. Die Testauswertung dauere "mindestens bis Donnerstagnachmittag", teilte der Flughafenbetreiber auf Twitter mit. "Bis dahin keine Flüge."

Provisorische Abfertigungshalle

Die Detonationen im Flughafen verursachten schwere Schäden an dem Gebäude. Der Betreiber Brussels Airport will nun mit einer provisorischen Abfertigungshalle zumindest einige kommerzielle Flüge wieder ermöglichen. Allerdings müssen dafür auch die Sicherheitsbedenken der Fluggesellschaften ausgeräumt werden. Bis zur Wiederaufnahme des normalen Betriebs wird es nach Einschätzung des Betreibers noch Monate dauern.

Die Brüsseler U-Bahn nahm unterdessen ihren Betrieb mit Einschränkungen wieder auf. Die U-Bahnen fahren vorerst aber nur tagsüber und halten nicht an allen Stationen, wie die Betreibergesellschaft STIB mitteilte. Die Station Maelbeek bleibt zunächst geschlossen. Busse und Straßenbahnen verkehren inzwischen wieder normal.

Gut eine Woche nach den Anschlägen von Brüssel gibt es indes neue Hinweise auf Pannen bei den belgischen Sicherheitsbehörden. Die niederländische Regierung wurde nach eigenen Angaben sechs Tage vor den Anschlägen von den USA über die späteren Attentäter Ibrahim und Khalid El Bakraoui informiert - und leitete diese Hinweise auch an Belgien weiter.

Belgische Polizei weist Angaben zurück

Die belgische Polizei, die bereits wegen angeblich ignorierter Warnungen der Türkei in der Kritik steht, wies die Angaben zurück. Die niederländische Regierung wurde am 16. März von der US-Bundespolizei FBI über den "kriminellen Hintergrund" der Bakraoui-Brüder und den "terroristischen Hintergrund" von Khalid El Bakraoui informiert, wie Justizminister Ard van der Steur am Dienstag im niederländischen Parlament sagte. Am 17. März seien die Informationen bei einer Polizeibesprechung an Belgien weitergegeben worden. "Über den radikalen Hintergrund der beiden Männer wurde gesprochen", sagte der Minister.

Die belgische Bundespolizei bestritt die Angaben. Bei dem Treffen am 17. März sei es nicht um die Bakraoui-Brüder gegangen, sondern um eine Razzia in Brüssel am 15. März, bei der ein algerischer Terrorverdächtiger festgenommen wurde. Der Mann wurde in einer Wohnung gefasst, die Khalid El Bakraoui unter falschem Namen angemietet hatte.

Zuvor hatte schon die Türkei den belgischen Behörden vorgeworfen, sie hätten Warnungen ignoriert, dass Ibrahim El Bakraoui ein "terroristischer Kämpfer" sei. Er war im Juni in der Türkei festgenommen und in die Niederlande abgeschoben worden. Nach Angaben der niederländischen Regierung stand Ibrahim el Bakraoui seit September auf einer Überwachungsliste.

Für Besorgnis sorgten unterdessen Berichte, nach denen Jihadisten nach den Anschlägen von Brüssel aktiv um Terror-Nachwuchs werben. Den Angaben eines belgischen Kommunalpolitikers zufolge wurden am Osterwochenende Propagandanachrichten mit eindeutigem Inhalt an junge Menschen in der als Islamisten-Hochburg bekannten Brüsseler Gemeinde Molenbeek verschickt. Ein Beispiel ist demnach eine SMS mit den zwei Sätzen "Mein Bruder, warum folgst Du uns nicht in den Kampf gegen die Westler? Triff die richtige Wahl in Deinem Leben."