Erstellt am 03. Februar 2016, 16:45

von APA Red

Chance für neues Happel-Stadion "gut wie nie". Die VIP-Bereiche von Sportveranstaltungen sollen nicht zum bevorzugten Revier des neuen Verteidigungs- und Sportministers Hans Peter Doskozil (SPÖ) werden.

Sportminister Doskozil ist für ein neues Stadion in Wien.  |  NOEN, APA

Wie der 45-jährige Burgenländer eine Woche nach seiner Angelobung im APA-Interview erklärte, geht es ihm vor allem um die Wechselwirkungen von Breiten- und Spitzensport. Die Chancen für ein neues Happel-Stadion sieht er zudem "so gut wie nie".

APA: Anlässlich Ihrer Bestellung ist die inzwischen altbekannte Klage über den geringen Stellenwert des Sports in der Politik laut geworden. Ein Eindruck, der sich nicht zuletzt angesichts der drängenden Aufgaben im Verteidigungsressort noch verstärkt. Inwieweit ist der Sport mehr als ein Anhängsel?

Hans Peter Doskozil: "Mir tut es leid, dass dieses Thema in den ersten Tagen so in den Hintergrund geraten ist. Das Thema Asyl ist derzeit leider die Causa Prima, da haben wir im Bereich Verteidigung eine Riesenaufgabe. Aber ich wäre froh, wenn es weniger Asyltermine und mehr Sporttermine gäbe. Wenn man sich anschaut, was man aus den Themenfeldern machen kann, was sich nach den ersten Gesprächen die Verbände zum Teil erwarten, ist das schon eine Herausforderung und sicherlich mehr als ein Anhängsel. Ich hatte schon intensive Gespräche mit der Sportsektion und habe bereits bei Veranstaltungen den Kontakt zu Sportlern und Verantwortlichen genutzt. Da nehme ich viel mit. Ich freue mich auf diese Aufgabe."

APA: Wo wollen Sie im Sport die Schwerpunkte setzen? Muss sich ein Sportminister mehr um den Breiten- oder den Spitzensport kümmern?

Doskozil: "Mein persönlicher Zugang nach den ersten Gesprächen in meiner neuen Funktion ist, dass es das Wichtigste ist, Wechselwirkungen zu erzeugen. Thomas Muster hat damals in den Neunzigerjahren einen Boom ausgelöst. Da sind im ganzen Land Tennisplätze entstanden. Beim Fußball muss man jetzt auch diese positive Stimmung für den Breitensport ausnützen. Weil man genau weiß, welche Wirkung das hat. Das kann man mit viel Geld nicht machen, das entsteht bis zu einem gewissen Grad aus der Stimmung heraus."

APA: Gesundheit und Sport - ist das nicht gerade für einen sozialdemokratischen Minister ein wichtiges Anliegen? Haben Sie sich in diesem Bereich ein spezielles Ziel gesetzt?

Doskozil: "Das ist für mich ein ganz zentraler und wichtiger Punkt, den ich im Breitensport besetzen will. Da liegt der Fokus ganz klar auf der Gesundheitsvorsorge. Ich habe da schon einige Ideen, will aber nicht vorgreifen."

APA: Die tägliche Turnstunde war ein ambitioniertes Unterfangen, das allerdings außerhalb des Ministeriums lanciert wurde. Gekommen ist schließlich eine Rumpfvariante in den Ganztagsschulen. Haben Sie die Petition für die tägliche Turnstunde unterschrieben? Ist das ursprüngliche Projekt tot oder werden Sie versuchen, ihm neues Leben einzuhauchen? Und wenn ja, wann?

Doskozil: "Das ist ein schwieriges Thema, weil die Kompetenz dazu ja nicht im Sportressort gegeben ist. Die Frage ist, wie wir das verbessern können, dass wir gemeinsam mit dem Bildungsressort und den Ländern ein Modell kreieren. Aus Sicht des Sportressorts ist man sicher sehr weit gegangen, dass man da (bei der Initiative "Kinder gesund bewegen", Anm.) 7 Millionen Euro im Jahr investiert. Das ist aber vorsichtig formuliert noch ausbaufähig. Wir rollen das zumindest aus, überall wird es eh nicht gelingen. Das grundsätzliche Ziel muss sein, dass sich Kinder täglich bewegen."

APA: Vielerorts wird eine langfristige Vision für den Sport in Österreich vermisst. Das von ihrem Vorgänger Gerald Klug in Angriff genommene Projekt "Strategie 2018" klingt gut, ist aber auch nur auf zwei Jahre anberaumt. Wird es unter ihrer Ägide einen noch viel weiter in die Zukunft reichenden Fahrplan geben?

Doskozil: "Im Fußballbereich hat es die ersten aber inhaltlich nicht vertiefenden Gespräche gegeben. Einer meiner ersten Kontakte muss zudem mit Peter Schröcksnadel (ÖSV-Präsident und Projekt-Rio-Koordinator, Anm.) sein. Er hat im Winter- und hoffentlich auch im Sommersport Ideen und ist auch ein Umsetzer. Eine Vision kann man haben, aber man wird wahrscheinlich nie sagen können, dass wir 2030 Fußballweltmeister sind oder bei Olympia drei, vier Goldmedaillen machen. Man kann aber die Ausrichtung festlegen. Die wird davon abhängig sein, welches Potenzial sich irgendwo entwickelt. Diese Ausrichtung muss man im Spitzensport verschärfen und herausarbeiten. Es ist halt in Österreich evident, dass wir in ein paar Sportarten keine großen Chancen haben, Olympiasieger oder Weltmeister zu werden. Die Frage ist, wie wir fördern, damit wir den Sportlern in jenen Bereichen das beste Umfeld schaffen, wo wir auch Erfolge erwarten. Wenn es uns nicht gelingt, im Spitzensport Persönlichkeiten zu entwickeln, dann werden wir auch im Breitensport Probleme haben. Das sollte die Strategie sein, so einfach sie auch klingt."

APA: Nach der Pleite in London 2012 ist das Projekt Rio recht schnell umgesetzt worden, dennoch droht im Sommer eine Medaillenflaute. Ist das Projekt gescheitert oder war der Name ohnehin nur eine Mogelpackung, weil in dieser Zeitspanne substanzielle Leistungssteigerungen nicht zu erwarten waren? Wird es fortgesetzt?

Doskozil: "Jetzt zu sagen, dass es gescheitert ist, ist ein Wahnsinn unseren Sportlern gegenüber. Das ist auch vom Ansatz her falsch. Wirklich beurteilen wird man es nach Rio können. Wir dürfen den Sportlern nicht den Druck auferlegen, dass wir z.B. fünf Goldmedaillen holen müssen. Im Wettkampf treten so viele Faktoren zutage, die man in der Vorbereitung niemals beeinflussen kann. Ich glaube zudem schon, dass wir Medaillenchancen haben. Zum Beispiel bei den Seglern oder im Tischtennis. Es wäre jedenfalls unseriös jetzt zu sagen, das hat nicht gepasst. Ich habe noch kein Gespräch mit Peter Schröcksnadel gehabt, ich verlasse mich da auf seine Expertise."

APA: 60 Fachverbände, drei Dachverbände, ÖOC usw. Die heimische Förderlandschaft ist unübersichtlich und birgt die Gefahr von Ineffizienz. Ist da alles in Ordnung oder besteht Handlungsbedarf?

Doskozil: "Hinsichtlich der Strukturen und Strukturverflechtungen im Sportbereich hat es in der Vergangenheit die eine oder andere Diskussion gegeben. Im Großen und Ganzen bin ich für klare Strukturen und spreche mich gegen Doppelgleisigkeiten aus."

APA: Die Spitzensportförderung hat mit dem Bundessportfördergesetz 2013 zuletzt eine prominente Änderung erfahren, die u.a. auch die viel beschworene Leistungsorientierung berücksichtigt. Einmal wurde bei den Vergabekriterien bereits nachgebessert. Naturgemäß sind nicht alle Verbände zufrieden, nicht zuletzt was den Abrechnungsaufwand betrifft. Muss hier weiter an Schrauben gedreht werden? Wo wollen Sie hier den Schwerpunkt setzen?

Doskozil: "Im Detail möchte ich mich da zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht festlegen. Der eingeschlagene Weg geht jedenfalls in die richtige Richtung. Wir dürfen beim Spitzensport nicht mit der Gießkanne drüberfahren. Die Frage ist, wie wir Akzente setzen können, um Spitzensportler, technokratisch gesprochen, zu produzieren und zu fördern. Da verlasse ich mich auf meine erfolgreichen Experten."

APA: Ihr Vorgänger Gerald Klug hat einen Sportstätten-Masterplan in Aussicht gestellt. Angesichts einer recht traurigen Infrastruktur - in Wien fehlt etwa eine Multifunktionshalle für mehrere tausend Zuschauer - eine doch drängende Angelegenheit. Was ist daraus geworden? Glauben sie noch an eine Multifunktionshalle? Und was passiert mit dem Happel-Stadion?

Doskozil: "Grundsätzlich ist es so, dass das Sportministerium finanzielle Rücklagen zu diesem Zweck gebildet hat. Hier wäre aus unserer Sicht mehr möglich, als tatsächlich umgesetzt wird. Aber wir können ja Förderungen nur anstoßen und die finanzielle Belastung nicht alleine tragen. Ich bin ein Fan von Drittel-Lösungen (Bund/Land/Gemeinde, Anm.). Was das Happel-Stadion betrifft, ist das bereits mehrmals an mich herangetragen worden. Das dürfte die Causa Prima im Bereich des Fußballs sein. Die Chance, da etwas zu machen, ist derzeit so gut wie nie. Das Nationalteam ist stark wie nie und erzeugt eine irrsinnige Akzeptanz in der Bevölkerung, wenn es um dieses Thema geht. Das Zeitfenster ist das richtige. Ich bin dem auf jeden Fall positiv gegenüber eingestellt. Es ist aber die Frage, was man dort genau macht. Es muss ja nicht nur ein Fußballstadion sein, das man dort baut. Man muss das Thema auch kommerziell überdenken. Was verträgt der Prater dort an Infrastruktur? Man muss sich Modelle und Machbarkeitsstudien anschauen. Es kann dadurch auch viel mehr entstehen, ohne das jetzt konkret zu sagen. Die Bandbreite reicht von einer Renovierung zu einem Zentrum des Sports, wo mittendrin halt das Stadion in einer Multifunktionsvariante steht. Alles ist möglich. Ein sehr wichtiger Mann in dieser Frage ist auch der Wiener Bürgermeister. Ich werde das Thema bei ihm aktiv ansprechen."

APA: Ohne adäquate Sportstätten scheinen Bewerbungen für Großereignisse recht aussichtslos. Muss das angesichts großer Kosten für die Allgemeinheit und zumindest fraglicher Umwegrentabilität überhaupt ein Ziel des heimischen Sports sein? Halten Sie eine Bewerbung für Olympia für sinnvoll?

Doskozil: "Ich glaube schon, dass es das Ziel sein muss, Großereignisse nach Österreich zu bekommen. Man kann sich schon exzellent präsentieren. Bei der Umwegrentabilität ist über Jahrzehnte hinweg der Skisport das beste Beispiel. Das hat einen irrsinnigen Effekt darauf gehabt, dass man sich auch als Tourismusregion präsentieren konnte. Ich kann jetzt aber nicht seriös beurteilen, ob wir uns wieder für Olympische Spiele bewerben sollen. Das ist eine Riesenentscheidung. Emotional sage ich 'ja', aber rational sage ich, dass man sich das anschauen muss."

APA: Die Öffentlichkeit steht der Veranstaltung solcher Großereignisse anscheinend sehr skeptisch gegenüber.

Doskozil: "Da bin ich mir gar nicht so sicher. Und es hängt auch von der Frage ab, welche Erfolge wir haben. Wenn ich jetzt hypothetisch sage, wir veranstalten die Fußball-WM zum nächstmöglichen Zeitpunkt, wird man nur wenige finden, die sagen: 'Das wollen wir nicht.'"

APA: Das Thema Integration und Sport hat derzeit besondere Brisanz: Welche ganz konkrete Rolle kann der Sport bei der Integration von Asylwerbern leisten?

Doskozil: "Sport hat einen hohen Integrationsfaktor. Ich habe das selbst miterlebt in der letzten burgenländischen Fußballklasse. Plötzlich hat bei uns ein Georgier mitgespielt, ein Asylwerber aus dem Nachbarort. Der ist ganz herzlich aufgenommen worden. Mir hat man im Verein dann Vorwürfe gemacht, als er einen negativen Asylbescheid bekommen hat, quasi weil ich ja in dem Bereich tätig bin. Das bedingt die Öffnung der Asylwerber selbst und auch die Akzeptanz seitens der Bevölkerung. Im Sport ist das sicher leichter als in anderen Bereichen. Da gibt es Ideen, da werden wir in den nächsten Wochen etwas präsentieren. Da muss man aber auch aktiv auf die Grundversorgungsquartiere zugehen."

APA: Ist die heimische Dopinggesetzgebung ausreichend oder besteht die Notwendigkeit punktueller Verschärfungen?

Doskozil: "Bei Doping gibt es null Toleranz. Österreich und die Schweiz haben die schärfsten Dopinggesetze in Europa. Wir werden uns das aber im Detail mit den Experten anschauen und gegebenenfalls Anpassungen diskutieren, um auf die weiteren Entwicklungen im Dopingbereich reagieren zu können."

APA: Werden Sie Österreichs Sportlern bei der Fußball-EM in Frankreich bzw. Olympia in Rio vor Ort die Daumen halten?

Doskozil: "Bei solchen Großereignissen, die die ganze Nation bewegen, sollte der Sportminister auch seine Anerkennung und Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Ich sehe es als Verpflichtung, bei speziellen Anlässen präsent zu sein. Aber mein grundsätzlicher Zugang ist der, dass ich so wenig wie möglich in VIP-Bereichen gesehen werden möchte."

(Das Interview führte Günther Lehner/APA)