Erstellt am 21. September 2015, 13:19

Dieselskandal: Rücktrittsforderung an VW-Chef Winterkorn. In der Affäre um manipulierte Abgaswerte bei VW in den USA legt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dem Konzernchef Martin Winterkorn einen Rücktritt nahe.

Druck auf VW-Chef Martin Winterkorn wächst  |  NOEN, APA (Archiv/epa)

Als direkter Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung habe der Vorstandsvorsitzende entweder von den Manipulationen gewusst oder sei ahnungslos und habe seinen Geschäftsbereich nicht im Griff, sagte Dudenhöffer der "Frankfurter Rundschau".

"In beiden Fällen würde ich sagen, dass Winterkorn an der Konzernspitze nicht mehr tragbar ist", so der Autoexperte zur "FR" (Montag). Der "Westdeutschen Allgemeinen" (WAZ) sagte er: "Jeder Politiker könnte bei einer solchen Angelegenheit nicht in seinem Amt bleiben."

Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag, die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, erklärte, eine "so umfassende Softwaremogelei" müsse mit dem Wissen der Führung in Wolfsburg passiert sein. "Alles andere würde mich wundern." Ihrer Auffassung nach könnten auch noch andere Automarken im Ringen um die Einhaltung von Abgasvorschriften in Europa und den USA bei Manipulationen erwischt werden. Sie würde sich darüber "nicht wundern".

Die US-Umweltbehörde EPA hatte am Freitag mitgeteilt, dass der deutsche Konzern eine Software entwickelt habe, die Vorgaben zur Luftverschmutzung zwar bei Tests, nicht aber beim normalen Betrieb der Autos erfülle. Die betreffenden Vorschriften seien bewusst umgangen worden. Der Behörde zufolge stoßen die betroffenen Autos im Ergebnis größere Mengen an Schadstoffen aus als erlaubt. Insgesamt geht es demnach um 482.000 Dieselfahrzeuge in den USA, die nun nachgebessert werden sollen.

Der Autoexperte Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen schloss in der "FR" nicht aus, dass auch hiesige Modelle mit der Software ausgestattet sein könnten. "Wenn ein Weltkonzern auf einem so wichtigen Markt wie dem nordamerikanischen die Werte manipuliert, dann sollte dringend überprüft werden, ob das nicht auch bei uns geschehen ist", sagte Dudenhöffer der Zeitung. Vorsätzlich falsche Herstellerangaben in umwelt- und gesundheitspolitisch sensiblen Bereichen müssten in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden, forderte er. "Der Justiz- und der Umweltminister müssen gemeinsam dafür sorgen, dass solche Praktiken unter das Strafrecht fallen." Bisher seien nur zivilrechtliche Klagen möglich.

Der Skandal ist für VW laut Dudenhöffer eine "Imagekatastrophe par exellence". Der Konzern hat nach eigenen Angaben inzwischen eine externe Untersuchung in Auftrag gegeben. Winterkorn äußerte am Sonntag zudem sein Bedauern, "dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben".

Daimler ist nach eigenen Angaben nicht von den Ermittlungen der US-Umweltschutzbehörde betroffen. "Es gibt nach unseren Erkenntnissen keine Untersuchungen zu Mercedes-Benz", teilte der Stuttgarter Konzern am Montag mit. Der in der Presse beschriebene Sachverhalt treffe auf Mercedes-Benz-Pkw nicht zu.

Auch BMW ist nach eigenen Angaben nicht von der Affäre ubetroffen. Der Konzern sei nicht von US-Behörden kontaktiert worden, sagte ein BMW-Sprecher am Montag. Die US-Umweltschutzbehörde EPA habe Dieselmodelle von BMW getestet und befunden, dass die Regeln eingehalten worden seien.

In Europa werden die Auto-Abgaswerte nach Angaben des deutschen TÜV Süd bereits während der Produktion streng überwacht. "Da gibt es klare Regeln", sagte ein Sprecher am Montag in München. Für alle Fahrzeuge, die in der EU zugelassen werden sollen, müssten die Hersteller externe Kontrollen sicherstellen.

"Die Fahrzeuge werden nach dem Zufallsprinzip vom Band genommen und nachkontrolliert", sagte er. Allein der TÜV Süd nehme pro Jahr mehr als tausend dieser Kontrollen vor.

Der Skandal um Volkswagen ist nach Angaben des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) dennoch nur "die Spitze des Eisbergs". Der VCD habe den Verdacht, dass die Abgaswerte bei offiziellen Tests viel niedriger sind als im realen Verkehr, schon 2013 geäußert und in den Folgejahren immer wieder Nachprüfungen gefordert, erklärte der VCD am Montag in Berlin.

"Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass neben Volkswagen auch andere Konzerne die Abgaswerte manipulieren und das nicht nur in den USA", erklärte der verkehrspolitische Sprecher des VCD, Gert Lottsiepen. Auch der deutsche Umweltschutzverband Nabu hält es für naheliegend, dass neben VW auch andere Hersteller manipulierten, und zwar auch in Europa.