Erstellt am 13. Mai 2016, 12:02

Doping in Russland: Neue Enthüllungen. Zwölf Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro scheint Russland angesichts neuer Doping-Enthüllungen vollends seine Glaubwürdigkeit zu verlieren.

"NYT" erhebt schwere Vorwürfe gegen russische Sportler  |  NOEN, APA (AFP)

Grigori Rodschenkow, ehemals Chef des Moskauer Doping-Kontrolllabors, spricht öffentlich über ein ausgeklügeltes, staatliches Dopingsystem, das bei den Winterspielen in Sotschi 2014 maßgeblich zum Erfolg beigetragen haben soll.

Während russische Sportpolitiker, Funktionäre und mutmaßlich involvierte Sportler die neuen Anschuldigungen empört zurückweisen, ist die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) alarmiert. Sie will den jüngsten Vorwürfen umgehend nachgehen. Aus Frankreich kommt angesichts der neuen Enthüllungen die Forderung, Russland komplett von den Sommerspielen im August auszuschließen.

Rodschenkow bezeichnet sich selbst als Vater des staatlichen Dopingprogramms. Bei den Winterspielen 2014 in Sotschi seien 15 russische Medaillen-Gewinner gedopt gewesen. Mithilfe gefälschter Urinproben sei das Doping verschleiert worden, sagte Rodschenkow in der "New York Times".

Er schilderte, wie Monate vor den Spielen Athleten saubere Urinproben abgegeben und dann begonnen hätten zu dopen. Während der Spiele seien dann die Urinproben von Dopingsündern gegen saubere ausgetauscht worden. Seine Aussagen können bisher nicht unabhängig bestätigt werden.

Keiner der russischen Athleten war in Sotschi des Dopings überführt worden. Das Team holte bei den Winterspielen 33 Medaillen und gewann damit vier Jahre nach dem Debakel in Vancouver (11. Platz) den Medaillenspiegel.

Rodschenkow sagte weiters, er habe viele Jahre mit Dopingmitteln experimentiert. Schon vor den Olympischen Sommerspielen in London 2012 habe er einen Cocktail aus drei verbotenen, leistungssteigernden Substanzen entwickelt. Seither sei dieser russischen Sportlern gegeben worden. Zwei Jahre später, in Sotschi, lag die Überwachung der Dopingproben dann beim russischen Kontrolllabor. Das Sportministerium habe die Chance gesehen, einen systematischen Dopingplan zu erstellen.

Im Herbst 2013 habe der russische Geheimdienst FSB begonnen, Rodschenkows Labor Besuche abzustatten, schreibt die "New York Times". Das sei offensichtlich geschehen, um sich genau über die Behälter von Dopingproben und deren Verschlusssysteme zu informieren.

Nach den Doping-Enthüllungen durch die ARD im vergangenen Jahr sei Rodschenkow unter Druck geraten. Er sei dazu gezwungen worden, seinen Job aufzugeben, bekam Angst um seine Sicherheit und ging nach Los Angeles. In den USA schilderte er nun die Ereignisse dem Filmemacher Bryan Fogel in einem Interview.

Kronzeuge Rodschenkow bot dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) seine Hilfe bei der Aufklärung an. Er schrieb einen entsprechenden Brief an das IOC und die WADA. Nur er selbst könne die gefälschten Urinproben identifizieren und damit den mutmaßlichen Betrug beweisen. Er schlug vor, diese Überprüfung filmen zu lassen.

Mit Fogel arbeitet er derzeit an einem Dokumentarfilm über Doping in seiner Heimat. "Russische Athleten, die mit großer Wahrscheinlichkeit gedopt waren, kamen unentdeckt im wohl größten Betrug im Sport aller Zeiten davon", hieß es in seinem Brief.

Den neuen Vorwürfen folgten prompt heftige Dementis aus Russland. Sportminister Witali Mutko wies die Anschuldigungen als "Unsinn" zurück. Der russische Präsidentensprecher Dimitri Peskow sprach von einer "Verleumdung eines Überläufers". Die Aussagen von Rodschenkow seien völlig haltlos.

Die Olympiasieger Alexander Subkow und Alexander Legkow dementierten die Einnahme verbotener Substanzen. "Das ist eine absolute Verleumdung der Sportler der russischen Nationalmannschaft und auch von mir", betonte Subkow, der 2014 in Sotschi im Vierer-und Zweierbob Gold gewonnen hatte, der russischen Zeitung "Sport Express".

Langlauf-Olympiasieger Legkow sieht die Vorwürfe gelassen. "Rufen Sie meine Trainer an und fragen Sie, wie wir in jenem Jahr trainiert haben", sagte Legkow. Die WADA versicherte indes, dass sie sich "umgehend mit diesen zusätzlichen Anschuldigungen beschäftigen wird".

Aus Frankreich kommt die Forderung nach drastischen Maßnahmen. "Die internationalen Sportbehörden, ich denke insbesondere an das IOC, müssen sehr, sehr hart zuschlagen. Das kann so nicht weitergehen", sagte der Chef des französischen Leichtathletik-Verbandes (FFA), Bernard Amsalem, am Freitag dem Radiosender France Info. "Ich empfehle, dass man die Russen daran hindern muss, an den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen, egal in welcher Sportart." Andere internationale Kritiker hatten sich schon zuvor für den Ausschluss Russlands ausgesprochen.

Russlands Leichtathleten stehen ohnehin seit Monaten unter verschärfter Beobachtung. Im November hatte die IAAF Russlands Leichtathletikverband mit all seinen Athleten suspendiert und auf einen WADA-Bericht über systematisches Doping reagiert. Die RUSADA, Russlands Anti-Doping-Behörde, steht im Verdacht, bei der Vertuschung von Manipulationen beteiligt gewesen sein. Am 17. Juni will der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) in Wien darüber entscheiden, ob der Olympia-Bann gegen Russland aufgehoben wird.