Erstellt am 24. November 2015, 14:18

von APA/Red

Experten sehen bei Pensionen enormen Handlungsbedarf. Experten sehen im österreichischen Pensionssystem enormen Handlungsbedarf und die Notwendigkeit zu mehr Diversifikation.

"Die Möglichkeiten der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge bleiben derzeit noch weitgehend ungenutzt", meinte Univ. Prof. Gottfried Haber von der Donau Uni Krems am Montagabend in Wien bei einem Hintergrundgespräch.In allen drei Säulen der Altersvorsorge, sowohl beim staatlichen Umlageverfahren als auch der kapitalgedeckten betrieblichen und privaten Pensionsvorsorge, werde mehr professionelle Expertise benötigt, hieß es.

"Die zweite und dritte Säule sind sinnvolle Ergänzungen zur staatlichen Pension und müssen in die laufende Pensionsdiskussion einbezogen werden. Nur so kann von 'Reform' gesprochen werden", forderte Andreas Zakostelsky, Obmann des Fachverbandes der Pensionskassen und ÖVP-Finanzsprecher.

In Österreich hätten erst 860.000 Personen oder 22 Prozent der Arbeitnehmer Anspruch auf eine Firmenpension. Es gehe nicht um ein reines Umlage- oder kapitalgedecktes Verfahren, sondern um eine "intelligente Mischung", meinte IV-Chefökonom Christian Helmenstein.

Jede Säule mit eigener Aufgabe

Jede Säule könnte ihre eigene Aufgabe haben, so wie etwa in Schweden und der Schweiz: Die erste Säule könne zur Existenzabsicherung, die zweite zur Aufrechterhaltung des gewohnten Lebensstandards und die dritte zum "Auffetten" des Lebensstandards gesehen werden, wurde betont.

Der Bestand der Vermögensgegenstände für die Pensionsvorsorge beträgt laut Helmenstein in Österreich nur 4,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Österreich liege damit auf dem Niveau von "Transformationsvolkswirtschaften" wie Tschechien und der Slowakei. In der Schweiz seien es dagegen 110 Prozent, in Großbritannien 95 Prozent. "Das sind völlig andere Dimensionen", so der IV-Ökonom. Nicht zu vergessen seien die damit verbundenen gesamtwirtschaftlichen Effekte. "Die Akkumulation von Kapital ist sinnvoll für Investitionen und damit Wachstum".

Nachteile eines kapitalgedeckten Systems

Die Nachteile eines reinen kapitalgedeckten Systems sehe man derzeit in Japan, wo es aufgrund einer jahrelangen Stagnationsphase am Kapitalmarkt zu einer deutlichen Verarmung der Bevölkerung gekommen sei. Jetzt, wo es praktisch keine realen Renditen mehr für Staatsanleihen gebe, werde man sich auch über die Renditeerwartungen in kapitalgedeckten Systemen auseinandersetzen müssen. "Das ist eine enorme Herausforderung".

Die zweite große Herausforderung sei der "enorme Alterungsprozess". In Österreich habe es 60 Jahre gedauert, bis man eine Dreiviertel Million Menschen im nicht mehr erwerbstätigen Alter hatte. In den nächsten knapp 20 Jahren - bis 2033/34 - werde eine weitere Dreiviertel Million dazukommen, bei gleichzeitiger Abnahme der Erwerbsbevölkerung um 200.000 - unter der Annahme eines Status Quo, was Migrationsbewegungen betrifft. Dem gegenüber stehe ein Pensionssystem, das wesentlich Elemente aus den 50er und 60er Jahren aufweise und immer noch keine automatisch Berücksichtigung der steigenden Lebenserwartung vorsehe, so Helmenstein.

"Kurzfristig sind die Pensionen natürlich gesichert, aber langfristig, wenn nicht korrigiert wird, dann ist die erste Säule nur insofern gesichert, als dass man irgendeine Pension bekommen wird", so Haber. Nicht gesichert sei, dass man das bekommen wird, was jemand bekommt, der jetzt in Pension geht.

Verhältnis hat sich verschoben

So habe sich etwa das Verhältnis von Erwerbsjahren zu Nicht-Erwerbsjahren (Jahre bis Arbeitsbeginn und Pensionsjahre) seit dem Jahr 1971 von 48:25 auf 38:43 im Jahr 2011 verschoben hat. Per 2011 mussten also 43 Jahre, in denen nicht gearbeitet wird, mit 38 Erwerbsjahren finanziert werden. "Das zeigt, dass die Nachhaltigkeit eines Pensionssystems, dass auf einer anderen Demografie und wachsenden Ökonomie aufgebaut hat, langfristig nicht gesichert ist".

Die Pensionen sind laut Haber im Budget mit einem jährlichen Wachstum von 4,2 Prozent die größte Zuwachskategorie. Im Wesentlichen gebe es drei Stellschrauben, um das staatliche Pensionssystem abzusichern: die Erhöhung des Pensionsantrittsalters, die Angleichung des Frauenpensionsalters, und die Senkung der Nettoersatzrate.

Für "sichere" Pensionen werde es nicht ausreichen, nur an den ersten beiden Schrauben zu drehen, da es nur einen gewissen Kuchen zwischen Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen zu verteilen gebe. Von den 26 Mrd. Euro, die jährlich ausbezahlt werden, seien 20 Prozent nicht durch Einzahlungen gedeckt. "Rein ökonomisch gibt es nur zwei Optionen: Erhöhung der Einzahlungen oder Reduzierung der Auszahlungen. Auch darüber wird man sich unterhalten müssen", so Haber.