Update am 15. Juli 2016, 14:28

von APA/Red

Mindestens 84 Tote bei Anschlag in Nizza. Bei der Attacke mit einem Lastwagen auf Passanten in Nizza sind nach neuen Angaben von Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve mindestens 84 Menschen ums Leben gekommen.

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18 Menschen seien sehr schwer verletzt worden, sagte Cazeneuve Freitagfrüh in Nizza. Zudem gebe es rund 50 Leichtverletzte. Zuletzt war von über 80 Todesopfern die Rede gewesen.

Nach den Worten von Frankreichs Staatschef Francois Hollande gibt es eindeutig einen terroristischen Hintergrund. Der "terroristische Charakter" des Angriffs könne nicht geleugnet werden, sagte der sichtlich erschütterte Präsident in der Nacht zu Freitag in einer Fernsehansprache. "Ganz Frankreich ist vom islamistischen Terrorismus bedroht."

Ein Lastwagen war am Donnerstagabend an einer beliebten Strandpromenade in der südfranzösischen Stadt bei den Feiern zum französischen Nationalfeiertag in die Menschenmenge gerast. In der Region um Nizza wurde Terrorwarnstufe ausgerufen. Am Freitag um 9.00 Uhr soll das Sicherheitskabinett im Elyseepalast zusammenkommen.

Laut einem Bericht der Tageszeitung "Le Monde", die sich auf informierte Quellen bezog, soll der 31-Jährige jedoch in Nizza gewohnt haben und eine Aufenthaltsgenehmigung besessen haben. Die Behörden hatten im beim Anschlag benutzten Lastwagen einen Ausweis gefunden. Nach Erkenntnissen der Ermittler war der Lastwagen angemietet.

"Müssen alles tun, um gegen den Terrorismus kämpfen zu können"

"Wir müssen alles tun, um gegen die Geißel des Terrorismus kämpfen zu können", sagte Hollande in seiner Fernsehansprache weiter. Der nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 verhängte Ausnahmezustand solle erneut um drei Monate verlängert werden, kündigte der Präsident an. Das Parlament solle darüber in der kommenden Woche entscheiden. Eigentlich hätte der Notstand Ende Juli auslaufen sollen. Hollande stellte zudem in Aussicht, den Kampf gegen die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak und in Syrien zu verstärken.

Der weiße Lastwagen fuhr kurz nach Ende des Feuerwerks gegen 23.00 Uhr mit großer Geschwindigkeit in die Menschen, die sich auf dem Strandboulevard Promenade des Anglais versammelt hatten. "Wir sahen, wie Leute getroffen wurden und wie Gegenstände umherflogen", berichtete ein Augenzeuge. Die Menschen rannten in Panik auseinander. "Es war das absolute Chaos." Auf der Uferpromenade lagen nach der Attacke Dutzende Tote aufgereiht, bedeckt von weißen Tüchern.

Laut Staatsanwaltschaft riss der Lastwagen auf einer Strecke von zwei Kilometern Menschen um. Der Angreifer wurde erschossen. Fotos zeigten den Lastwagen mit durchschossener Windschutzscheibe. Auch die Reifen des Fahrzeugs waren durchschossen. Laut Hollande gebe es bisher keine Hinweise auf Komplizen.

Der Lkw-Angreifer habe mit einer Pistole das Feuer eröffnet, bevor er von Polizisten erschossen wurde, verlautete am Freitag aus Ermittlerkreisen. Auch Regionalpräsident Christian Estrosi sagte, der Mann habe "mehrfach geschossen". Aus Ermittlerkreisen hieß es zudem in der Früh, es seien eine nicht funktionsfähige Granate und Waffenattrappen entdeckt worden.

"Bleiben Sie bis auf weiteres daheim"

Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft zog umgehend die Ermittlungen zu der Attacke an sich. Ermittelt wird wegen terroristischer Morde und Bildung einer terroristischen Vereinigung, wie die Behörde mitteilte. Angaben zur Person des Täters und zu möglichen Motiven wurden zunächst nicht gemacht.

Regionalpolitiker Estrosi rief indes die Bürger auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. "Bleiben Sie bis auf weiteres daheim", schrieb er auf Twitter. Auch die Präfektur des Departements Alpes-Maritimes rief die Bürger auf, aus Sicherheitsgründen zu Hause zu bleiben. Der Tatort wurde weiträumig abgeriegelt.

Im französischen Außenministerium wurde indes eine Notrufnummer (+33143175646) für Angehörige eingerichtet. Das Soziale Netzwerk Facebook aktivierte eine Funktion, mit der Menschen in der Region ihren Freunden mitteilen können, ob sie in Sicherheit sind. Mit dem Schlagwort PortesOuvertesNice (offene Türen Nizza) können Internet-Nutzer nach Zuflucht in Nizza suchen. Unter anderem auf Twitter wurde der Hashtag in der Nacht zum Freitag tausendfach verbreitet.

Kurz: "Schreckliche News.. Wir stehen Frankreich bei"

International verurteilten Staats-und Regierungschefs die Tat. US-Präsident Barack Obama sprach von einem offenbaren "schrecklichen Terroranschlag" und bot Frankreich Unterstützung an. EU-Ratspräsident Donald Tusk zeigte sich erschüttert: "Wir stehen vereint mit den Menschen und der Regierung Frankreichs in ihrem Kampf gegen Gewalt und Terrorismus." EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sprach von einem "Terror-Akt".

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich betroffen. "Schreckliche News aus Nizza (...) Wir stehen Frankreich in diesen schwierigen Zeiten bei", teilte er via Kurznachrichtendienst Twitter Freitag früh mit. Der Terror müsse "global bekämpft" werden, bekräftigte Kurz, der noch am Vormittag in den Nordirak reisen wird, im Ö3-Wecker. Man müsse nun gemeinsam gegen den Terrorismus vorgehen, "damit sich nicht noch mehr junge Menschen vom Terrorismus verführen lassen".

Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zeigte sich entsetzt über den "barbarischen Akt" von Nizza. "Unsere Herzen und unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir stehen in voller Solidarität zu Frankreich", sagte Kern in einer gemeinsamen Erklärung mit SPÖ-Klubchef Andreas Schieder und dem roten Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler am Freitag.

Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil betonte, die Terrorgefahr werde "immer mehr zur größten Bedrohung" für Europa. "Wir haben massive Investitionen in die Ausrüstung des Heeres eingeleitet. Die Bevölkerung erwartet sich zu Recht, dass sich das Bundesheer im Bereich Terrorbekämpfung einbringt", sagte Doskozil laut Aussendung.

"Es wird dringend empfohlen, die betroffene Region zu meiden"

Betroffen zeigten sich auch Vertreter der Parlamentsparteien. Grünen-Chefin Eva Glawischnig betonte in einer Aussendung, es gelte gerade jetzt, die "gemeinsamen demokratischen Werte" hochzuhalten. NEOS-Parteivorsitzender Matthias Strolz erklärte, es handle sich um einen Anschlag auf Europa und seine Werte.

Team-Stronach-Klubobmann Robert Lugar sprach sich dafür aus, die Sicherheitsvorkehrungen in Österreich an sensiblen Orten und an den Außengrenzen zu stärken. "Zudem sind die Kontrollen im Inland zu verstärken, um die Tausenden illegalen Migranten aufzuspüren, die als 'U-Boote' bei uns leben. Immerhin wurden im vergangen Jahr über 92.000 Illegale aufgegriffen."

Bisher gebe es keine Auskunft über die Nationalitäten der Opfer.  Das Außenministerium in Wien rät indes allen Urlaubern in Nizza, in ihren Unterkünften zu bleiben. "Es wird dringend empfohlen, die betroffene Region zu meiden. Folgen Sie daher den Anweisungen des lokalen Sicherheitspersonals", heißt es auf der Website des Ministeriums.

In Österreich sei die Sicherheitslage aber unverändert, erklärte Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck im Interview mit dem ORF Freitagfrüh. Nach bisherigen Erkenntnissen gebe es keinen Österreich-Bezug.