Erstellt am 22. Oktober 2015, 13:59

Global 2000 kritisiert Zulassungsverfahren von Pestiziden. Vor Kurzem hat eine Studie der Universität für Bodenkultur Wien negative Effekte des Pflanzenschutzmittels Glyphosat auf die Fortpflanzung von Regenwürmern aufgezeigt.

 |  NOEN, APA (AFP/Archiv)

Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien übte die Umweltorganisation Global 2000 Kritik an den Zulassungsverfahren von Pestiziden. Die Interessengemeinschaft der Pflanzenschutzmittelproduzenten (IGP) wies die Kritik zurück.

Weil Glyphosat (das unter anderem im Pflanzenschutzmittel "Roundup" enthalten ist) Stoffwechselprozesse stört, die es nur in Pflanzen gibt, galt das Mittel lange als unbedenklich für alle nichtpflanzlichen Organismen. Die Feld-Untersuchung der Boku zeigte jedoch, dass das Pestizid langfristig das Fortpflanzungsverhalten und die Aktivität von Regenwürmern um 60 Prozent reduziert.

"In der offiziellen Risikoeinschätzung ist Glyphosat nie als regenwurmschädlich aufgefallen. Aber mit den realitätsfernen Versuchsanordnungen im Zulassungsverfahren ließen sich auch in hundert Jahren noch keinen negativen Auswirkungen der untersuchten Produkte auf Regenwürmer nachweisen", sagte Global 2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher.

Zur Bewertung des Risikos für Regenwürmer wurden 2002 im europäischen Zulassungsverfahren neun Studien angestellt. Die Kritik Burtschers: Bei acht der neun Studien habe es sich lediglich um die Testung der akuten Giftigkeit des Mittels gehandelt. "Glyphosat ist aber nicht problematisch, was die akute Toxizität angeht, die Langzeitfolgen sind aber - wie die Boku-Studie gezeigt hat - bedenklich", sagte der Umweltchemiker.

Nur eine der EU-Studien habe sich eben diesen chronischen Folgen gewidmet, die Konditionen der Untersuchung seien laut Burtscher aber nicht zufriedenstellend. Unter anderem deshalb, weil das Mittel an Kompostwürmern erprobt wurde. "Diese kommen im Acker oder auf Wiesen aber gar nicht vor", betonte der Biobauer und Regenwurmexperte Alfred Grand.

Zudem wurde das Glyphosat auf ein künstliches Erd-Substrat aufgetragen und nicht, wie es in der Boku-Studie der Fall war, auf Pflanzen. "Das ist entscheidend, denn tote Pflanzenreste sind die Hauptmahlzeit der Würmer. Wenn die Pflanzen totgespritzt werden, haben sie also von heute auf morgen einen gedeckten Tisch.

Durch die Aufnahme des Pestizides über die Pflanzen, also über die Nahrung, ist die Konzentration ganz anders, als wenn sie nur über den Hautkontakt zustande kommt", erklärte Burtscher. Für ihn sei es daher an der Zeit, die Zulassungsverfahren von Herbiziden zu überdenken.

Roland Achatz, Vertreter der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), wies darauf hin, dass auch bei der Boku-Studie ein "Schönheitsfehler" unterlaufen sei: In einem getesteten Pflanzenschutzmittel wäre auch ein zweiter Wirkstoff enthalten gewesen. Grundsätzlich würde es bei der Zulassung viele "Sicherheitsringe" geben.

Zuerst werden die Einzelwirkstoffe in der gesamten EU zugelassen. Für die Produkte an sich, die auch mehrere Einzelwirkstoffe enthalten können, würde es wieder eigene zonale Zulassungen innerhalb der EU geben. Danach bestehe noch die Möglichkeit der nationalen Zulassung. "Hier testen wir, wie sich die Produkte tatsächlich auf heimischem Boden verhalten", betonte Achatz.

Angesichts eines offiziellen Berichts der Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO, in dem Glyphosat nach Auswertung zahlreicher Studien als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wurde, nimmt sich auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) mehr Zeit für ihre anstehende Bewertung einer neuerlichen Zulassung. Um die tatsächliche Giftigkeit von Glyphosat beurteilen zu können, müsse man diese Gesamtzusammenfassung laut Achatz nun abwarten.

Die Interessengemeinschaft der Pflanzenschutzmittelproduzenten (IGP) wies die von Global 2000 geübte Kritik zurück. Bei der Regenwurm-Studie sei "mit dem Zehnfachen der empfohlenen und einer in der Praxis nicht verwendeten Dosis gearbeitet" worden, sagte IGP-Obmann Christian Stockmar laut einer Aussendung.

Das habe nichts mit der Realität der landwirtschaftlichen Praxis zu tun, hielt Stockmar weiter fest. Der Untersuchung fehle "jede kritische Aussagekraft". Die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln seien einem strengen gesetzlichen Zulassungsverfahren unterworfen. "Diesen Studien vorzuwerfen, sie blenden bestimmte Gesichtspunkte aus, ist ein Hohn, wenn man selbst mit realitätsfremden Studien argumentiert, die wichtige Aspekte bei der Betrachtung ausklammern und Dosierungen verwenden, die in der Praxis nicht angewandt werden", kritisierte Stockmar.