Erstellt am 03. Juni 2016, 14:15

Schiff mit Hunderten Flüchtlingen bei Kreta gekentert. Nach einem schweren Bootsunglück im Mittelmeer werden vor der griechischen Insel Kreta Hunderte Flüchtlinge vermisst.

 |  NOEN, APA (AFP)

Ein Boot, das nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mindestens 700 Menschen an Bord hatte, kenterte am Freitag vor der Südküste Kretas. Wie die griechische Küstenwache mitteile, wurden bisher vier Leichen geborgen. 340 Menschen konnten gerettet werden.

"Die bange Frage ist, wie viele Menschen tatsächlich an Bord des rund 25 Meter langen Kutters gewesen sind", sagte ein Offizier der griechischen Küstenwache. Das Unglück ereignete sich 75 Seemeilen (knapp 140 Kilometer) südlich von Kreta. Das Boot sei gekentert und zur Hälfte untergegangen, sagte eine Sprecherin der Küstenwache. Ein vorbeifahrendes Schiff habe die griechischen Behörden alarmiert.

Wie die italienische Küstenwache mitteilte, hatte am Donnerstagnachmittag bereits ein italienisches Handelsschiff Alarm geschlagen. Es meldete demnach, dass im Grenzgebiet zwischen den ägyptischen und griechischen Hoheitsgewässern ein Flüchtlingsboot in Seenot geraten sei. Vier Schiffe, die sich in der Nähe befanden, seien zu dem Flüchtlingsboot gefahren. Freitag früh habe eines der Schiffe dann gemeldet, dass das Boot gekentert sei.

Behörden starteten großen Rettungseinsatz

Die griechischen Behörden starteten einen großen Rettungseinsatz. Die Küstenwache schickte zwei Patrouillenboote, ein Flugzeug und einen Hubschrauber los. Fünf Schiffe, die in der Region unterwegs waren, beteiligten sich ebenfalls an dem Einsatz. Sie warfen Rettungsbojen aus, an denen sich die Flüchtlinge festhalten konnten.

Die meisten der geretteten Migranten sollen nach Italien gebracht werden. Nach dem Untergang eines Fischkutters wurden die Menschen von einem Frachter aufgenommen, der nach Italien unterwegs ist. Er werde seinen Kurs nicht ändern, berichtete das staatliche griechische Fernsehen (ERT) unter Berufung auf die Küstenwache. Es handle sich um 241 Menschen. Der Rest der geretteten Migranten soll an Bord anderer Frachter und eines Tankers nach Ägypten, Malta und in die Türkei gebracht werden.

Boot kam vermutlich aus Afrika

Zur Nationalität der Flüchtlinge konnten die Behörden zunächst keine Angaben machen. Sie äußerten sich auch nicht dazu, wo das Boot in See gestochen sein könnte. Wie die IOM in Genf mitteilte, kam das Boot vermutlich aus Afrika. Auch der Sprecher der griechischen Küstenwache, Nikos Lagadianos, erklärte, er habe von Geretteten gehört, dass der Kutter in Nordafrika in See stach.

Wegen des guten Wetters und der ruhigen See wagen derzeit besonders viele Menschen die Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa. Bisher kamen in diesem Jahr 205.509 Personen über das Mittelmeer in die EU, 2.443 starben dabei, 376 davon in der Ägäis, wie aus Daten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) am Freitag hervorging. Im vergangenen Jahr kamen bei der gefährlichen Überfahrt zu den griechischen Inseln in der Ägäis, auf der sogenannten östlichen Mittelmeerroute, 806 Menschen ums Leben.

Seit der Schließung der sogenannten Balkanroute versuchten zuletzt weniger Flüchtlinge, über die Türkei und Griechenland in die EU zu gelangen. Stattdessen waren wieder mehr Flüchtlinge über Libyen nach Italien gekommen. Am Freitag stieg die Zahl der aus der Türkei ankommenden Schutzsuchenden wieder an. In den vergangenen 24 Stunden kamen 152 Menschen auf den griechischen Inseln im Osten der Ägäis an, teilte der Stab für die Flüchtlingskrise Freitag früh mit.

Ende Mai hatte die griechische Küstenwache vor der Küste Kretas ein Flüchtlingsboot abgefangen, auf dem zwei mutmaßliche Schlepper 65 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Pakistan transportierten. Nach Angaben der Passagiere war das Boot in der Türkei losgefahren. Die Küstenwache äußerte sich nicht dazu, ob es auf dem Weg nach Italien oder Griechenland war. Möglicherweise hatte es die Route über Kreta gewählt, um den NATO-Patrouillen in der Nord-Ägäis auszuweichen.

In den vergangenen Tagen wurde aber seitens Griechenlands die Sorge geäußert, dass nach der Schließung der Balkanroute, jener Weg südlich von Kreta über Italien vermehrt von Schleppern genutzt werden könnte. Erst am Dienstag waren 113 Flüchtlinge nach einer Havarie eines kleinen Schiffes an einem Strand in Kreta angekommen.

Angesichts der neuen Tragödie im Mittelmeer forderte die grüne Menschenrechtssprecherin Alev Korun in einer Aussendung die österreichische Regierung dazu auf, "Leadership" innerhalb der EU zu übernehmen, um "verbindliche Aufnahmequoten für Schutzsuchende" festzulegen. Bisher gibt es lediglich eine Quote zur Verteilung von Flüchtlingen aus Griechenland und Italien (Relocation) bzw. aus Jordanien und dem Libanon (Resettlement) - ihre Umsetzung erfolgt aber äußerst schleppend.