Erstellt am 26. Februar 2016, 18:58

Infantino neuer FIFA-Präsident - "Ich will eine neue Ära". Die FIFA bleibt in Schweizer Hand: Gianni Infantino hat in einem spannenden Finish den Machtkampf um den FIFA-Thron gewonnen. Als Nachfolger seines gestürzten Landsmanns Joseph Blatter muss der 45-Jährige nun den Fußball-Weltverband nach unzähligen Affären und Skandalen aus der Mega-Krise führen. "Ich will eine neue Ära", sagte Infantino unmittelbar nach seiner Wahl in einer kurzen Rede.

Hayatou: "Die Augen der ganzen Welt ruhen auf uns."  |  NOEN, APA (AFP)

Der bisherige UEFA-Generalsekretär und Zögling des gesperrten UEFA-Chefs Michel Platini setzte sich beim außerordentlichen Kongress am Freitag in Zürich im zweiten Wahlgang gegen den lange als Top-Favorit gehandelten Scheich Salman bin Ibrahim al Chalifa aus Bahrain durch. Infantino ist der neunte FIFA-Präsident in der 112-jährigen Geschichte des Weltverbandes und der zweite aus der Schweiz.

Nach nervenzehrendem Kongress über achteinhalb Stunden, davon über vier Stunden Wahl-Prozedere, erhielt Infantino um 17.59 Uhr das für ihn erlösende Ergebnis im Zürcher Hallenstadion: 115 Stimmen bedeuteten die nötige einfache Mehrheit, 88 Delegierte stimmten für Scheich Salman. "Das ist ein guter Tag für den Weltfußball. Er garantiert am meisten von allen Kandidaten, dass das Vertrauen in die FIFA wieder zurückkehrt", erklärte ÖFB-Präsident Leo Windtner, der Infantino unterstützt hatte.

Als erstes Präsent bekam Infantino einen weißen Blumenstrauß und klopfte sich als Geste der Dankbarkeit vor den Delegierten auf das Herz. Sichtlich gerührt brachte er nur ein "Uff" als erste Reaktion hervor.

An der FIFA-Spitze muss er nun für einen Ausgleich mit der Salman-Fraktion sorgen und das bei ungewöhnlich knapper FIFA-Kasse und mit den Ermittlungen der Justiz als großer Drohkulisse. Infantinos erste Amtszeit geht bis 2019. Dann kann er wegen der neuen Statuten maximal noch acht Jahre bleiben und nicht die Dauer-Führung seiner Vorgänger Joao Havelange (24 Jahre) und Blatter (18) kopieren.

88 Stimmen für den geschlagenen Scheich Salman, der - für viele überraschend - nicht zum ersten asiatischen FIFA-Chef gewählt wurde, machen deutlich, dass die Infantino-Mehrheit nicht bequem war. Blatter hatte bei fünf Wahlen nie in die zweite Runde gemusst.

Sofort will Infantino mit seiner Arbeit beginnen. Sein Wahlspruch, den Fußball zurück zur FIFA zu bringen, muss er mit Leben füllen. Für seinen Plan, die WM auf 40 Teams aufzustocken, kritisieren ihn sogar viele seiner europäischen Verbündeten. Eine große Frage wird sein, ob der im System Blatter-Platini sozialisierte Jurist in der Lage ist, für eine neue Kultur in der maroden Funktionärskaste zu sorgen.

Im ersten Wahlgang hatte Infantino mit 88 Stimmen schon die Nase vorn gehabt. Ein Raunen ging durch die Halle, als nur 85 Stimmen für den Scheich verkündet wurden. Da Prinz Ali bin al-Hussein (27) und Jerome Champagne (7) nicht zurückzogen, ging es in die zweite Runde. Scheich Salman musste seine Niederlage schließlich einräumen.

Infantino hatte eine engagierte Schlussrede gehalten. Großen Applaus bekam er vor allem für seine finanziellen Versprechungen. "Ich frage Sie alle: Wenn die FIFA fünf Milliarden einnimmt, können wir dann nicht 1,2 Milliarden reinvestieren. Das Geld der FIFA ist Ihr Geld. Das Geld der FIFA muss der Entwicklung des Fußballs dienen." Diese Aufstockung der Zuwendungen war von Scheich Salman als unseriös kritisiert worden.

Sein Wahlkampf im Turbomodus hatte Infantino in den letzten Wochen von einem Außenseiter zum ernsthaften Präsidentschaftsanwärter gemacht. Nun ist er in der Fußball-Hierarchie ganz oben und das nur, weil sein Ziehvater Platini in den Strudel der Skandale geraten war und seine Ambitionen auf den FIFA-Thron begraben musste. "Ich habe vor fünf Monaten noch gar nicht daran gedacht, überhaupt zu kandidieren", sagte er.

Scheich Salman war im Vorfeld stark kritisiert worden. Es gibt Vorwürfe, dass er bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung in seiner Heimat 2011 oppositionelle Fußballer denunziert haben soll. Vor der Halle demonstrierten Menschenrechtsgruppen gegen Folter und Gewalt durch die Herrscher in Bahrain. Am frühen Vormittag hatte eine kleine Gruppe Anhänger sich für den Scheich engagiert.

Kurz vor Beginn der Abstimmung war das Bewerberfeld auf vier Kandidaten geschrumpft. Der chancenlose Außenseiter Tokyo Sexwale gab am Ende einer launigen Rede seinen Rückzug bekannt.

Einen wichtigen Schritt aus der Krise hatte die FIFA kurz zuvor gemacht. Bei der Abstimmung über die dringend notwendigen Reformen votierte die notwendige Drei-Viertel-Mehrheit für das Paket, das unter anderem eine Machtbeschränkung für den Präsidenten und die Exekutivmitglieder vorsieht. Insgesamt 179 von 207 Verbänden stimmten für die Reformen, 22 lehnten diese ab, sechs gaben kein Votum ab.

Ohne die Umstrukturierungen der Statuten wäre die Amtszeit des neuen Präsidenten mit großen Makel belegt gewesen. Hätte sich die FIFA den Reformen verweigert, wäre in der Korruptionsaffäre vor allem der Druck der US-Behörden gestiegen. Mit der Reform will der Verband die politische von der ökonomischen Entscheidungsebene trennen.

Die Krise hat bereits ernste Konsequenzen für die FIFA. Die sonst so glänzende finanzielle Situation ist plötzlich prekär. Finanzdirektor Markus Kattner sprach von einem derzeit zu erwartenden Defizit für den Zyklus bis 2018 von 550 Millionen Dollar (498,78 Mio. Euro) im Vergleich zu den Prognosen aus dem Jahr 2014. Dies würde die Rücklagen des Fußball-Weltverbandes von rund 1,5 Milliarden Dollar (1,36 Mrd. Euro) aus dem Jahr 2014 um rund ein Drittel reduzieren.