Erstellt am 22. März 2016, 19:56

von APA/Red

IS bekennt sich zu Anschlägen in Brüssel. Vier Tage nach der Festnahme eines Hauptverdächtigen der Attentate von Paris sind in Brüssel mindestens 30 Menschen bei zwei Bombenanschlägen getötet worden.

 |  NOEN, BELGA

Die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich zu den koordinierten Anschlägen auf den Flughafen und eine zentrale Metrostation mitten im Berufsverkehr am Dienstag in der Früh. Die Justiz fahndete nach einem der Attentäter.

Belgien rief die höchste Alarmstufe aus, mobilisierte Soldaten sowie zusätzliche Polizisten. Österreich und viele andere Staaten verschärften Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen und Bahnhöfen. Flug- und Bahnverkehr von und nach Brüssel wurden vorübergehend eingestellt. US-Präsident Barack Obama und zahlreiche andere führende internationale Politiker verurteilten die Angriffe scharf.

Die belgischen Behörden hatten Racheakte nach der Festnahme Salah Abdeslams in Brüssel befürchtet. Der gebürtige Brüsseler soll maßgeblich an der Anschlagsserie in Paris am 13. November beteiligt gewesen sein. 130 Menschen wurden damals getötet, der IS übernahm die Verantwortung.

Zu den Anschlägen in Brüssel erklärte die Miliz, die "Kreuzritter-Allianz" werde wegen "ihrer Aggressionen" gegen den IS "schwarze Tage" erleben. Belgien beteiligt sich mit Kampfjets an Einsätzen gegen den IS, der in Syrien und im Irak große Landesteile kontrolliert.

Die belgische Polizei veröffentlichte am Abend ein Fahndungsfoto, das einen jungen Mann mit einem Trolley am Flughafen zeigt. Er war Medienberichten zufolge offenbar mit zwei weiteren Männern unterwegs, die sich vermutlich in die Luft sprengten. Staatsanwalt Frederic Van Leeuw sagte am Abend vor Journalisten, der Mann mit einer hellen Jacke und einem dunklen Hut sei beim Wegrennen aus dem Flughafen gesehen worden.

Van Leeuw berichtete von Hausdurchsuchungen an mehreren Orten in Belgien. Bei einer seien eine IS-Flagge, ein Sprengsatz und chemische Substanzen gefunden worden. Laut dem Staatsanwalt ist es noch "zu früh", um etwas zu einer Verbindung mit den Paris-Anschlägen vom November zu sagen.

Auch die Bekennernachricht des IS habe noch nicht eindeutig verifiziert werden können. Berichte, wonach es auch in der flämischen Stadt Antwerpen zu einer Schießerei gekommen sein soll, dementierte die belgische Polizei. Es habe einen "Vorfall" mit einer Person gegeben, die Situation sei unter Kontrolle.

Allein in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens wurden nach Angaben der Behörden zehn Menschen getötet und rund 100 verletzt. 20 Menschen starben und etwa 130 wurden verletzt, als eine weitere Bombe im morgendlichen Berufsverkehr einen Zug der Metro an der Station Maelbeek zerfetzte. Ganz in der Nähe liegen Einrichtungen der Europäischen Union.

Am Flughafen bot sich ein Bild der Verwüstung. Heruntergefallene Deckenplatten und Scherben geborstener Fensterscheiben bedeckten den Boden, dazwischen Anschlagsopfer und verstreutes Gepäck. Über dem Gebäude standen dunkle Rauchwolken. Ein Augenzeuge sagte, er habe kurz vor den Explosionen Rufe auf Arabisch und Schüsse gehört. Hunderte Passagiere flüchteten durch einen Seitenausgang.

Neben einem toten Attentäter fand die Polizei nach einem Bericht des Senders VRT ein Kalaschnikow-Sturmgewehr. Solche Gewehre waren bei islamistischen Anschlägen in Belgien und Frankreich benutzt worden. Auch ein nicht explodierter Sprengstoffgürtel sei gefunden worden. Die Behörden teilten am Nachmittag mit, eine dritte Bombe sei unschädlich gemacht worden.

Der Sprengsatz in der Metro explodierte, als der Zug aus der Station Maelbeek Richtung Innenstadt abfuhr. Ein U-Bahn-Waggon wurde völlig zerstört. Auf dem Gehweg vor der Metrostation auf der Rue de la Loi kümmerten sich Sanitäter um die Verletzten. Der gesamte öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt. Der Flughafen bleibt auch am Mittwoch geschlossen.

Der öffentliche Verkehr in der EU-Hauptstadt, in der auch Tausende Österreicher leben, kam zunächst völlig zum Erliegen. Am Nachmittag nahmen zwei Metrolinien wieder den Betrieb auf, der schwerbeschädigte Flughafen sollte noch am Mittwoch geschlossen sein. Damit werden zwölf Flüge zwischen Brüssel und Wien ausfallen, die Fluglinien boten Gratis-Stornos und -Umbuchungen an. Am Wiener Flughafen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

Belgiens Ministerpräsident Charles Michel sagte, sein Land durchlebe "eine schwarze Zeit". "Was wir befürchtet haben, ist eingetroffen. Unser Land wurde von blindwütigen, brutalen und feigen Angriffen getroffen." Zugleich betonte er, dass er alles tun werde, um die Freiheit Belgiens zu verteidigen. Die Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Die belgische Polizei und Armee waren aus Furcht vor Racheakten nach der Festnahme Abdeslams in höchster Alarmbereitschaft. "Wir wissen, dass die Ergreifung einer Zelle andere zum Handeln animieren kann", hatte Innenminister Jan Jambon erst am Montag gewarnt.

Der belgische König Philippe verurteilte die blutigen Anschläge als "feige und widerlich". In einer kurzen Ansprache an die Nation rief er am Dienstag dazu auf, auf die terroristische Bedrohung "mit Entschlossenheit, Ruhe und Würde" zu antworten. "Behalten wir Vertrauen in uns selbst", sagte der Monarch. "Dieses Vertrauen ist unsere Kraft." In Belgien ist es ausgesprochen selten, dass sich der König nach aktuellen Ereignissen direkt an die Bevölkerung wendet.

Zahlreiche Politiker in aller Welt verurteilten die Attentate. "Wir sind im Krieg", sagte der französische Ministerpräsident Manuel Valls. "Das Entsetzen ist ebenso grenzenlos wie die Entschlossenheit, den Terrorismus zu besiegen", sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. "Wir werden uns dieser Barbarei entschieden entgegenstellen", sagte Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP).

"Diese Ereignisse haben uns getroffen, aber sie machen uns keine Angst", sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Obama rief dazu auf, im Kampf gegen "die Geißel des Terrorismus" zusammenzustehen. Der ungarische Außenminister Peter Szijjarto machte die Aufnahme von Flüchtlingen verantwortlich für die Anschläge. Es gebe kaum noch einen vernünftigen Menschen in Europa, der infrage stelle, dass die Terrorgefahr wegen der unkontrollierten illegalen Einwanderung gestiegen sei.