Erstellt am 15. Oktober 2015, 09:11

Israel schickt Militär in Städte. Die israelische Armee hat nach einer neuen Welle der Gewalt Hunderte Soldaten in den Großstädten des Landes postiert, um neue Anschläge zu verhindern. Außerdem riegelte die Polizei am Mittwoch arabische Wohngebiete im Ostteil Jerusalems ab.

 |  NOEN, APA (AFP)

In Jerusalem wurden am Abend zwei weitere Palästinenser bei Messerattacken erschossen. Eine 70-jährige Frau wurde bei einer Messerattacke schwer verletzt.

Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas rief in einer Fernsehansprache zu einem Eingreifen der internationalen Gemeinschaft auf, um einen neuen Krieg zu verhindern. Er läute die "Alarmglocken", bevor es zu spät sei, sagte er. In seiner ersten öffentlichen Rede seit der Eskalation der Gewalt sprach sich Abbas für einen "friedlichen Volkswiderstand" gegen die israelische Besatzung aus.

Die USA zeigten sich am Mittwoch angesichts der Ausbreitung von Gewalt in Israel "tief besorgt". Außenminister John Kerry sei sehr entschlossen, bald in die Region zu reisen, sagte sein Sprecher John Kirby am Mittwoch (Ortszeit) in Washington. Menschen auf beiden Seiten in dem israelisch-palästinensischen Konflikt seien schuldig, "Akte des Terrorismus" begangen zu haben.

Die USA betrachteten auch die Attacke eines Israelis auf vier Palästinenser in dem israelischen Ort Dimona als solch einen Akt. Das Weiße Haus zeigte sich besorgt über den Verlust des Lebens Unschuliger, seien es Israelis oder Palästinenser. Washington stehe mit beiden Konfliktparteien in Kontakt.

Das israelische Sicherheitskabinett beschloss in der Nacht zum Mittwoch eine Reihe von Straf- und Abschreckungsmaßnahmen. So sollen etwa die nach Anschlägen zerstörten Häuser von Terroristen nicht wieder aufgebaut werden dürfen. Das Eigentum von Attentätern kann ebenfalls beschlagnahmt werden.

Auch palästinensischen Attentätern aus dem arabischen Ostteil Jerusalems entzieht Israel das Aufenthaltsrecht. Justizministerin Ayelet Shaked von der rechtsnationalen Siedlerpartei sagte dem israelischen Rundfunk am Donnerstag, der Prozess sei bereits im Gange. Auch Familien der Attentäter sollten davon betroffen sein, wenn sie die Tat unterstützten.

Israel hatte Ost-Jerusalem 1967 erobert und später annektiert. Die rund 300.000 dort lebenden Palästinenser haben einen israelischen Personalausweis und soziale Rechte, aber meistens keine Staatsangehörigkeit. Sie können sich in Israel frei bewegen. Mit dem Entzug des Aufenthaltsrechts würden die Täter de facto aus Israel und Jerusalem verbannt.

Nach Angaben der Zeitung "Haaretz" stammten bei der jüngsten Gewaltwelle etwa 80 Prozent der Attentäter aus Ost-Jerusalem. Israel wirft Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas vor, er hetze sein Volk zu Gewalttaten auf. Shaked bezeichnete Abbas als "Terroristen" und sprach sich für eine Schließung des palästinensischen Fernsehens aus.

In öffentlichen Verkehrsmitteln in Jerusalem sollen ferner 300 zusätzliche bewaffnete Sicherheitsleute eingesetzt werden. Israel hat auch 1.400 Reservisten der Grenzpolizei per Notverordnung einberufen.

Seit Monatsbeginn erschüttert eine Serie von palästinensischen Schuss- und Messerangriffen das Land. Bei bisher 21 Attacken wurden sieben Israelis getötet. Mehr als 30 Palästinenser wurden getötet, knapp die Hälfte davon Attentäter, die im Zuge ihrer Anschläge erschossen wurden. Die anderen starben bei Unruhen im Westjordanland oder bei Zusammenstößen mit dem israelischen Militär am Grenzzaun zum Gazastreifen.

Befeuert wurde die jüngste Gewaltwelle durch den Streit um die Besuchs- und Gebetsrechte auf dem Plateau des Tempelbergs in der Jerusalemer Altstadt. Prinzipiell dürfen nur Muslime auf dem Tempelberg beten. Die Palästinenser befürchten, dass Israel immer mehr Juden eine Sondergenehmigung für Besuche auf dem Areal erteilt und damit die Kontrolle der Muslime über die drittheiligste Stätte im Islam aushöhlt. Israels Regierung bestreitet das.

Allein bei zwei Attacken am Dienstag waren in Jerusalem drei Israelis und ein palästinensischer Angreifer getötet worden. Mehr als 20 weitere Menschen wurden verletzt, davon sechs schwer. Es war der bisher blutigste Tag während der seit knapp zwei Wochen anhaltenden Gewaltwelle. Nach Angaben des palästinensischen Roten Halbmonds wurden in dem Zeitraum fast 1500 Palästinenser verletzt.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon warf Israel indirekt die Anwendung exzessiver Gewalt vor. Sein Sprecher Stephane Dujarric erklärte, Ban finde "die augenscheinlich übertriebene Gewaltanwendung der israelischen Sicherheitskräfte besorgniserregend" und verlange eine ernsthafte Überprüfung.