Erstellt am 14. Oktober 2016, 09:55

von APA Red

Kern: Drei-Tage-Woche, voller Lohn "nicht machbar". "Eine einseitige Arbeitszeitverkürzung auf drei Tage pro Woche bei vollem Lohnausgleich ist in einer globalisierten Welt realistisch nicht zu schaffen", sagte Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) am Donnerstagabend in Wien: "Jeder der ihnen das verspricht ist ein Scharlatan".

Kern: "Jeder, der das verspricht, ist ein Scharlatan"  |  APA (BKA/Aigner)

Beamten-Gewerkschaftschef Norbert Schnedl hatte am Donnerstag eine Arbeitszeitverkürzung auf 3,5 Tage gefordert.

Im Interview mit dem "Kurier" (Freitagsausgabe) präzisierte frischgebackene Beamten-Gewerkschaftschef Schnedl, dass aus seiner Sicht die Verkürzung so stark wie möglich ausfallen solle und zwar mit vollem Lohnausgleich.

Schnedl will mit der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt die Verteilungsfrage neu stellen. Wenn es stimme, dass in den nächsten 15 Jahren bis zur Hälfte aller Jobs durch computerunterstützte Maschinen oder Software ersetzt werden, "dann muss man natürlich die Arbeitszeitverkürzung ansprechen", so Schnedl im "Kurier".

Auch Kern verwies bei einer Diskussion im Kreisky-Forum am Donnerstagabend darauf, dass "die Mischung aus Digitalisierung, Technologieentwicklung und Globalisierung dazu führen wird, dass sich die wirtschaftlichen Sektoren massiv verändern werden". Schon heute gingen viele Menschen nicht mehr in die Bank oder in die Buchhandlung. "In Wahrheit ist jeder der einen Schreibtisch vor sich hat, potenziell eine gefährdete Spezies."

Das treffe die einfachen Tätigkeiten in der Industrie am wenigsten. Kern glaubt aber nicht, dass die Arbeit in der Gesellschaft ausgehen wird, in Sektoren wie der Gesundheit würden Jobs entstehen. Man müsse aber die Digitalisierung managen, damit es nicht zu einer Umverteilung von unten nach oben kommt. "Wir werden die Technologie nicht in eine Box stellen, zusperren und auf den Dachboden räumen, so wird das nicht gehen", sagte Kern.

Deutlich optimistischer war Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), in der Diskussion mit Kern. Schon seit 50 Jahren werde gesagt, dass es nicht genug Arbeit gibt und dass die Menschen weniger arbeiten müssen. "Ich glaube, wir werden nie einen Rückgang der Arbeit sehen. Denn solange der Mensch kreativ ist, Wille hat etwas zu tun, wird es Wachstum geben und Arbeit geben." Allerdings werde sich das Tätigkeitsprofil massiv ändern, kreative Arbeit werde gefordert sein - und man müsse darauf Rücksicht nehmen, dass die Menschen unterschiedlich lange arbeiten wollen.

Die Globalisierung hat den Menschen Wohlstand gebracht, aber der Glaube an den sozialen Aufstieg ist verloren gegangen, sagte Kern. Das könne Parteien an die Macht bringen, die nicht mehr an die Menschenrechte glauben und letztlich das europäische Einigungsprojekt zerstören.

"Dass die Globalisierung das größte Wohlfahrtsprojekt in der Menschheitsgeschichte war, das kann man ja auch aus linker Sicht gar nicht anders betrachten", so Kern. Aber der Ausgleich für diejenigen, die davon nicht profitieren, geschehe nicht in ausreichendem Ausmaß und das sei "eine Frage, die in der Lage ist, unsere Gesellschaft zu zersetzen".

In die gleiche Kerbe schlug auch der DIW-Präsident Fratzscher. Es werde zwar oft geklagt, dass die Globalisierung an der Ungleichheit in Deutschland oder Österreich schuld sei. Bei genauerer Betrachtung zeige sich aber, dass dies in beiden Ländern nicht gelte. Denn die niedrigen Löhne würden nicht in jenen Firmen gezahlt, die im internationalen Wettbewerb stehen. "Exportfirmen zahlen gut", so Fratzscher. Wenig gezahlt werde in inländischen Dienstleistungsfirmen, in Branchen "wo es zu viel Regulierung, zu viele Monopole und zu wenig Wettbewerb gibt". Es sei zwar bequem zu sagen, "die Globalisierung ist schuld", in Wahrheit seien es aber fehlende Bildung und Berufsabschlüsse, die die Menschen vom Mindestlohn abhängig machten. Problem an der Globalisierung sei nicht das Konzept, sondern dessen Missbrauch, dass sich Großunternehmen den Steuerpflichten und der Regulierung entziehen.

Deutschland habe heute ein Problem, Chancengleichheit zu schaffen, warnte Fratzscher. Es werde immer schwerer sich hochzuarbeiten, "immer häufiger heißt es: arm bleibt arm, reich bleibt reich". In keinem andern Land hänge das Einkommen der Kinder stärker vom Bildungsgrad und Einkommen ihrer Eltern ab. Das führe dazu, dass weniger Menschen ihre Talente nutzen können - womit der Wirtschaft wieder Wachstumspotenzial entgehe.

Gründe für die starke Ungleichheit und den geringen Anteil der ärmeren Hälfte des Landes am Gesamtvermögen liegen unter anderem darin, dass Deutsche wie Österreicher seltener ein Eigenheim besitzen als etwa Südeuropäer. In beiden Ländern würden Arbeitseinkommen hoch und Vermögen, insbesondere Erbschaften, gering besteuert. In Summe sei die Ungleichheit in Deutschland heute doppelt so groß wie vor 40 Jahren. Dabei sei nicht die Ungleichheit an sich das Problem, sondern die fehlende Chancengleichheit.

Kern verwies auf den Zusammenhang zwischen dem fehlenden Vertrauen in die eigenen Zukunftschancen und dem Aufstieg der FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich, Trump in den USA. Er habe zuletzt viel mit FPÖ-Wählern gesprochen. Und wenn er diesen gesagt habe, dass die FPÖ nichts besser machen würde, käme sie einmal an die Macht, dann hätten die FPÖ-Wähler geantwortet: 'das erwarte ich eh nicht'. "Die Leute wollen bloß das System und die Eliten auf den Knien sehen", weil sie alles, was sie in ihrem eigenen Leben vermissen, auf die Systemparteien zurückführen, so die Schlussfolgerung Kerns.