Erstellt am 15. Juni 2016, 15:25

Lebenslang für Mord an Kindermädchen. Ein Wiener Schwurgericht hat am Mittwoch einen 24-jährigen Gambier wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

 |  NOEN, APA

Die Geschworenen gingen ungeachtet der Unschuldsbeteuerungen des Angeklagten einstimmig davon aus, dass Abdou I. am 24. Jänner 2016 ein aus den USA stammendes Kindermädchen in ihrer Wohnung in der Wiedner Hauptstraße vorsätzlich zu Tode brachte.

Laut gerichtsmedizinischem Gutachten wurde Lauren M. erstickt, indem der Täter ihren Kopf kraftvoll mehrere Minuten gegen Bettzeug drückte und somit ihre Atemwege verlegte. "In diesem Fall ist nur die Höchststrafe tat- und schuldangemessen", stellte der vorsitzende Richter Ulrich Nachtlberger in der Urteilsbegründung fest. Der Angeklagte habe "die Hilfsbereitschaft des Opfers schamlos ausgenutzt" und die 25-Jährige "aus niedrigsten Motiven" getötet. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Verteidigerin Astrid Wagner meldete dagegen Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an.

Der Angeklagte hatte sich zuvor "nicht schuldig" bekannt. "Dass das Mädchen verstorben ist, tut mir wirklich leid. Sie war eine gute Frau zu mir", sagte Abdou I. Dann fügte er noch hinzu: "Ich habe sie nicht getötet. Ich hatte keinen Grund dazu."

Die Leiche der 25-jährigen Lauren M. war am 26. Jänner in Bauchlage auf einer Matratze in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in der Wiedner Hauptstraße entdeckt worden. Mehrere Freunde hatten die US-Amerikanerin tagelang nicht erreichen können und schließlich eine Abgängigkeitsanzeige erstattet. Die Polizei ließ die Wohnungstür schließlich von der Feuerwehr öffnen.

Die junge Frau war einige Jahre zuvor als Au-Pair-Mädchen nach Wien gekommen und hatte eineinhalb Jahre für die Familie eines Rechtsanwalts gearbeitet. Nachdem sie in ihre Heimat zurückgekehrt war und dort die Schule abgeschlossen hatte, kam sie zum Studieren wieder nach Wien. Der Anwalt besorgte ihr eine Wohnung, und indem sie wieder für ihn als Kindermädchen arbeitete, verdiente sie sich ihr Geld fürs Germanistik-Studium.

Die 25-Jährige engagierte sich zudem ehrenamtlich als Flüchtlingshelferin. Sie gab beispielsweise Asylwerbern Deutschunterricht. So lernte sie schließlich auch Abdou I. kennen, der im Frühjahr 2014 nach Europa gekommen war.

Der Flüchtling stellte zunächst in Italien einen Asylantrag und wurde daher nach der Dublin-III-Verordnung wieder dorthin abgeschoben, als er im Dezember 2015 in einem Wiener Flüchtlingsquartier aufgegriffen wurde. Er kehrte sieben Tage später illegal nach Wien zurück, rief Lauren M. an, ließ sich von ihr am Hauptbahnhof abholen und kam in weiterer Folge in ihrer Wohnung unter.

Zwischen den beiden entwickelte sich ein sexuelles Verhältnis, das seitens der Studentin aber nicht auf den 24-Jährigen beschränkt war. Bei ihr dürfte sich um eine aufgeschlossene junge Frau gehandelt haben, die gern mit verschiedenen Männern verkehrte. "Ihre sexuelle Offenheit war ihm ein Dorn im Auge", meinte Staatsanwältin Christina Schnabl.

Als Abdou I. am 24. Jänner gegen 4.00 Uhr von einem Disco-Besuch in ihrer Wohnung einlangte, die auch seine Wohnung war, fand er die Studentin in den Armen eines jungen Burschen auf einer am Boden ausgelegten Matratze vor. Für die Staatsanwältin steht fest, dass die 25-Jährige deshalb sterben musste: "Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht."

Der Angeklagte behauptet demgegenüber, er wäre nach seiner Abschiebung am 11. Dezember gar nicht mehr nach Österreich gereist, sondern habe sich von Italien in die Schweiz begeben, wo er Anfang Februar auf Basis eines Europäischen Haftbefehls festgenommen worden.

Dem widersprechen nicht nur Zeugenaussagen und die Ergebnisse einer Rufdatenüberwachung, derzufolge sein Handy und das Smartphone der Getöteten Stunden nach der Bluttat jeweils gleichzeitig an den unterschiedlichsten Sendebereichen in Wien geortet werden konnten, sondern vor allem ein DNA-Gutachten.

An der Leiche wurden Spermaspuren des Gambiers sichergestellt, die laut DNA-Expertin Christina Stein eindeutig dem Angeklagten zugeordnet werden konnten. Auf die Frage, ob es zumindest theoretisch auch einen anderen Spurenverursacher geben könnte, meinte Stein: "Das müsste ein eineiiger Zwilling sein."