Erstellt am 28. November 2015, 15:38

Luc Bondy 67-jährig gestorben. Von einem "geglückten Fang" sprach Wiens Kulturstadträtin und Festwochen-Präsidentin Ursula Pasterk (SPÖ), als sie den "Weltregisseur" und "internationalen Theaterzauberer" Luc Bondy 1997 an Bord der Wiener Festwochen holte.

Bis 2013 blieb der Schweizer Theatermacher und Autor Wien erhalten und Österreich bis zuletzt eng verbunden. Nun ist er im Alter von 67 Jahren in Paris gestorben.

"Die Wurzeln der Bäume gehen tief unten noch in die k.u.k-Erde hinein, und ein Teil von mir fühlt sich austro-ungarisch", betonte der Theatermann einmal seine Verbundenheit mit Österreich. Am 17. Juli 1948 in Zürich als Sohn des österreichisch-ungarischen Publizisten und Essayisten Francois Bondy und einer jüdisch-deutschen Mutter geboren, hatte Bondy bis zu seiner Wien-Tätigkeit bereits eine beachtliche internationale Karriere absolviert, u.a. an der Berliner Schaubühne.

In Wien war man stolz, den Künstler, der sich mit gefeierten Gastspielen wie "Der Triumph der Liebe" von Pierre Marivaux in der Stadt vorgestellt hatte, fest an die Wiener Festwochen binden zu können - zunächst als Schauspieldirektor und ab 2001 als Intendant.

Bondy wuchs in einem südfranzösischen Kinderheim auf, absolvierte die Pariser Pantomimenschule von Jacques Lecoq und wurde 1969 Regieassistent am Hamburger Thalia Theater. 1971 zeigte er in Göttingen seine erste eigene Inszenierung, bereits 1973 gelang ihm mit Edward Bonds "Die See" am Residenztheater München der Durchbruch.

Er erhielt die erste Einladung zum Berliner Theatertreffen - zwölf weitere sollten folgen und ihm hinter Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann und Christoph Marthaler Platz 5 (ex aequo mit Jürgen Gosch) im Ranking der eingeladenen Regisseure bescheren. Mitte der 70er-Jahre arbeitete er als Hausregisseur in Frankfurt, inszenierte u.a. in Berlin und Köln und machte mit "Wozzeck" und "Lulu" von Alban Berg in Hamburg seine ersten von zahlreichen Opernregien.

1984 wurde seine erste Regie in Frankreich, Arthur Schnitzlers "Das weite Land" in Nanterre, ein großer Erfolg. 1985-88 gehörte Bondy dem Direktorium der Berliner Schaubühne an. Er inszenierte u.a. die Uraufführungen der Botho-Strauß-Dramen "Die Zeit und das Zimmer" (Berlin, 1989) und "Das Gleichgewicht" (Salzburger Festspiele, 1993), von Yasmina Reza die Uraufführungen von "Drei Mal Leben" (Akademietheater, 2000) und "Ein spanisches Stück" (Theatre de la Madeleine, 2004) sowie von Peter Handke "Die schönen Tage von Aranjuez" (Akademietheater, 2012).

Seine Funktion als Festwochen-Intendant ermöglichte es Luc Bondy immer wieder, auch als Koproduzent eigener Inszenierungen auftreten zu können - für die einen eine schöne Möglichkeit, auch seine internationalen Inszenierungen regelmäßig in Wien zu sehen, für die anderen eine Vernachlässigung der Intendanten-Arbeit zugunsten des Regiesessels. So kam Wien etwa in den Genuss von Koproduktionen wie Ionescos Klassiker "Les Chaises", "Sweet Nothings" nach Schnitzlers "Liebelei" oder Jean Genets "Die Zofen". "Ich hasse Inszenierungen von Leuten, die in jeder Sekunde ihre Fantasie beweisen müssen", meinte Bondy einmal im "Spiegel". Als Regisseur war er ein Verführer und Animateur seiner Darsteller. In seinen Arbeiten hat Ivan Nagel eine "Unordentlichkeit, die uns zwingt, genau hinzusehen" entdeckt, Bondy breche Schubladen auf und schüttle "durch seine Menschensucht Dogmen ab". Bondy interessierte der Mensch, nicht die Theorie.

Auch die Oper hat Bondy nie aus den Augen verloren: 2009 inszenierte er am Theater an der Wien Philippe Boesmans "Princesse de Bourgogne", das Libretto nach dem Gombrowicz-Stück hatte Bondy mit seiner Frau Marie-Louise Bischofberger, mit der er die Zwillinge Eloise und Emmanuel hat, verfasst. Von Buhrufen begleitet war seine im selben Jahr an der Metropolitan Oper herausgebrachte Inszenierung von Puccinis "Tosca", mit Verdis "Rigoletto" startete Bondy 2011 die Verdi-Trilogie am Theater an der Wien, die Deborah Warner ("La Traviata") und Philipp Stölzl ("Trovatore") schließlich abschlossen. Zuletzt wurde er 2014 für seine Inszenierung von "Charlotte Salomon" bei den Salzburger Festspielen bejubelt. Richtig zufrieden haben den Regiemeister seine großen Erfolge aber nicht gemacht, wie er bei seinem Festwochen-Abschied im Juni 2013 beteuerte: "Ich bin froh, zufrieden werde ich nie sein. Dazu macht mich die nahe Zukunft immer zu nervös."

Schwere Erkrankungen sowie ein schmerzhaftes Wirbelsäulenleiden haben dem Intellektuellen, der nicht nur eine Vielzahl von Theater-und Operninszenierungen geschaffen sondern auch Filme gedreht (u.a. "Die Ortliebschen Frauen" und Schnitzlers "Das weite Land") und Bücher veröffentlicht hat (u.a. "Meine Dibbuks" 2005 und "Am Fenster", 2009), Steine in den Weg gelegt, aber nie dauerhaft seine große künstlerische Produktivität beeinträchtigen können. Eine für Jänner 2016 angesetzte Inszenierung von "Othello" in Paris" musste er kürzlich aber ebenso verschieben wie vergangenen Sommer "Die Eroberung von Mexiko" bei den Salzburger Festspielen.

Sein Interesse an der Intendanz der Festspiele hatte Bondy 2013 kurzzeitig angemeldet und dann wieder abgesagt. "Ich habe es mir überlegt: Ich muss noch inszenieren und vielleicht schreiben. Meine Zukunft wäre jetzt schon blockiert", sagte er damals der APA. "Es wäre mir zu viel. Die österreichische Presse hat sicher recht: Ich war lang genug da!" Die heimische Politik und Branche jedenfalls ehrte den Theatermann mehrfach: Als Festwochenintendant wurde er im Juni 2013 mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien verabschiedet, im selben Jahr wurde ihm der "Nestroy" für sein Lebenswerk zuerkannt.

Ab 2012 leitete Bondy das Odeon-Theatre de l'Europe in Paris. Seine Ernennung hatte Kontroversen um die Nichtverlängerung des Vertrags von Olivier Py ausgelöst. Die legten sich, sobald Py zum Direktor des Theaterfestivals von Avignon ernannt wurde. In Paris feierte Bondy in den vergangenen Spielzeiten u.a. Erfolge mit seiner Inszenierung von "Die falschen Geständnisse" von Marivaux mit Isabelle Huppert oder der Wiederaufnahme von "Iwanow".