Erstellt am 11. Mai 2016, 22:55

Mehr als 90 Tote bei drei Bombenanschlägen in Bagdad. Es war der blutigste Tag in der irakischen Hauptstadt seit Jahresbeginn: Bei einer Anschlagserie sind am Mittwoch in Bagdad über 90 Menschen getötet worden.

 |  NOEN, APA (AFP)

Allein bei einem Autobombenanschlag im schiitischen Stadtteil Sadr City starben nach Behördenangaben über 60 Menschen. Später gingen noch in zwei weiteren, überwiegend von Schiiten bewohnten Stadtvierteln Autobomben hoch.

Zu den Anschlägen bekannte sich die sunnitische Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Die Autobombe in Sadr City im Norden Bagdads explodierte am Vormittag in der Nähe eines Marktes, mindestens 64 Menschen starben. Umliegende Geschäfte gerieten in Brand, überall lagen Trümmer verstreut. Auch das ausgebrannte Auto des Attentäters stand auf der Straße.

Am Nachmittag explodierte eine weitere Autobombe im schiitischen Stadtteil Kadhimiya im Nordwesten der Hauptstadt, der wie Sadr City schon mehrfach Ziel von Anschlägen war. Mindestens 17 Menschen wurden getötet, darunter auch mehrere Sicherheitskräfte.

Die dritte Autobombe explodierte im Viertel Jamea im Westen Bagdads, wo neben vielen Schiiten auch Sunniten leben. Dort wurden nach Angaben von Rettungskräften mindestens 13 Menschen getötet. Rund 150 Menschen wurden bei der Anschlagsserie verletzt.

Die IS-Miliz erklärte, alle drei Anschläge seien von Selbstmordattentätern verübt worden, für jeden von ihnen nannte sie einen Kampfnamen.

Die sunnitische Miliz, die im Jahr 2014 weite Teile des Irak überrannt hatte, betrachtet Schiiten und damit die Mehrheit der irakischen Bevölkerung als Abtrünnige. Sie verübt regelmäßig Anschläge auf schiitische Viertel und Märkte und nimmt auch immer wieder Moscheen und Pilger ins Visier.

Die irakischen Streitkräfte hatten zuletzt mehrere Gebiete vom IS zurückerobert. Die Jihadisten kontrollieren aber noch immer weite Regionen im Westen des Landes. Auch gelingt es ihnen immer wieder, Attentate in Gebieten zu verüben, die von der Regierung kontrolliert werden.

Dutzende wütende Anrainer versammelten sich am Anschlagsort in Sadr City und gaben der irakischen Regierung, die derzeit in einer tiefen politischen Krise steckt, die Schuld. "Der Staat wird von einem Konflikt beherrscht, und die Menschen sind die Opfer", rief ein Mann namens Abu Ali. Auch Abu Muntadhar machte die Staatsführung für die "Bombenangriffe auf Zivilisten" verantwortlich und forderte die Regierung zum Rücktritt auf.

Der Irak ist seit Monaten politisch nahezu blockiert. Angesichts von Massenprotesten und immer lauteren Reformforderungen versucht Ministerpräsident Haider al-Abadi seit Wochen, sein Regierungsteam durch ein neues Kabinett aus Fachleuten zu ersetzen, die nicht nach konfessionellen oder parteilichen Kriterien ausgewählt werden. Dabei stößt er auf heftigen Widerstand. Tausende Anhänger des einflussreichen Schiitenführers Moktada al-Sadr organisierten angesichts der Lähmung wiederholt Protestkundgebungen und stürmten sogar das Parlament.