Erstellt am 29. Februar 2016, 18:27

von APA/Red

Migranten stürmten Grenze. Eskalation der Flüchtlingskrise in Griechenland: Hunderte verzweifelte Migranten haben am Montag versucht, den Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze zu stürmen und in das Nachbarland durchzubrechen.

 |  NOEN, APA (AFP)

Zwischen Idomeni und Gevgelija rissen sie mit einfachen Werkzeugen Teile des von Mazedonien errichteten Grenzzauns nieder. Eine Öffnung des Tores gelang ihnen aber nicht.

Die mazedonischen Grenzpolizisten setzten Augenzeugen zufolge massiv Tränengas gegen die Flüchtlinge ein, die sich daraufhin teils in Panik auf griechisches Territorium zurückzogen. Etliche von ihnen klagten anschließend über Atemwegsbeschwerden, wie Beobachter der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagten. Die griechische Polizei hielt sich aus Angst vor einer Eskalation zurück.

Am frühen Nachmittag beruhigte sich die Lage etwas. Allerdings schleuderten junge Migranten Steine über den Zaun auf die mazedonische Polizei und beschimpften die Beamten.

Die Länder an der Balkanroute - Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien - hatten sich unter Führung Österreichs darauf verständigt, täglich nur noch bis zu 580 Migranten nach Norden durchzulassen. Zudem lässt das Land fast nur noch Menschen aus Syrien und dem Irak passieren.

Da der Zustrom der Menschen aus der Türkei nach Griechenland anhält, sitzen nach Medienberichten dort schätzungsweise 25.000 Menschen fest - und es werden mehr. Mehr als 7.000 von ihnen harren demnach am Grenzübergang Idomeni-Gevgelija aus. Es fehle an Nahrung und medizinischer Hilfe, hieß es in den Medien weiter.

In der Nacht zum Montag durften 305 Flüchtlinge nach Norden weiterreisen, wie griechische Polizisten sagten. Um etwa vier Uhr am Montag in der Früh wurde der Grenzzaun wieder geschlossen.

Auslöser des versuchten Durchbruchs war dann nach Medienberichten ein Gerücht, wonach Mazedonien angeblich seine Grenze wieder für alle Migranten geöffnet habe. "Frei, frei, wir können rüber", schrie ein Flüchtling im griechischen Fernsehen. Allerdings stimmte das nicht.

Sieben österreichische Polizisten unterstützen laut Innenministerium ihre Kollegen in Mazedonien am Grenzübergang Gevgelija. Allerdings seien diese in einem Registrierungszentrum tätig und nicht direkt am Grenzzaun, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Karl-Heinz Grundböck, am Montag der APA. Bis Mitte April soll die Anzahl der Polizisten auf 20 aufgestockt werden.

In der griechischen Hafenstadt Piräus kamen indes am Montagvormittag an Bord von drei Fähren mehr als 2.000 Migranten an. Sie hatten zuvor von der türkischen Küste aus zu den griechischen Inseln übergesetzt.

Im Zentrum der Hauptstadt Athen spielten sich ebenfalls chaotische Szenen ab: Am zentralen Viktoria-Platz verbrachten Hunderte Flüchtlinge - darunter Familien mit Kleinkindern - die Nacht im Freien, wie Augenzeugen berichteten. Anrainer und freiwillige Helfer versuchten den Menschen zu helfen. Sie brachten Lebensmittel und Medikamente.

Unterdessen gab es in Nordgriechenland einen ersten vermutlich fremdenfeindlich motivierten Brandanschlag auf geplante Flüchtlingsunterkünfte. Zwei ehemals vom griechischen Militär benutzte Hallen in der Kleinstadt Giannitsa (Yannitsa) wurden fast vollständig zerstört, wie das griechische Fernsehen berichtete.

Mazedonien gestattet seit inzwischen mehr als einer Woche nur wenigen Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak die Weiterreise nach Mitteleuropa. Dennoch sind in Griechenland Medienberichten zufolge Tausende Migranten mit allen möglichen Verkehrsmitteln und auch zu Fuß gen Norden unterwegs, in der Hoffnung, doch noch einen Weg etwa in Richtung Österreich und Deutschland zu finden. Auffanglager, mehrere Wartehallen in Piräus und die Hallen eines alten, geschlossenen Flughafens von Athen sind überfüllt, wie das Staatsfernsehen berichtete.

Schlepper versuchen, "auf die Schnelle" Geld zu machen. Sie versprechen den Migranten, sie auf neuen Routen über Albanien nach Mitteleuropa zu bringen. Das sagten mehrere Migranten Reportern.

Der mazedonische Präsident Djordje Ivanov verteidigte indes das Vorgehen seines Landes gegen Flüchtlinge am Grenzzaun zu Griechenland. "Wir haben unsere eigenen Entscheidungen getroffen. In Zeiten der Krise muss jedes Land seine eigenen Lösungen finden", sagte Ivanov am Montag "Spiegel Online". Wenn sein Land auf EU-Vorgaben gewartet hätte, "wäre Mazedonien mit Flüchtlingen überschwemmt worden".

Ähnlich wie andere Staaten entlang der Balkanroute hat Mazedonien Tageshöchstgrenzen für die Einreise von Flüchtlingen eingeführt. Nur noch vereinzelt werden Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak ins Land gelassen.

"Solche Entscheidungen werden zusammen mit Polizeibehörden entlang der Balkanroute getroffen", sagte Ivanov. Sollte Österreich seine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen erreichen, bedeute das die Schließung der Balkanroute. "Immer wenn ein Land weiter nördlich seine Grenze schließt, machen wir hier dasselbe."

Zugleich betonte er: "Geschlossene Grenzen liegen sicher nicht in unserem Interesse." Für die Politik Angela Merkels zeigt Ivanov Verständnis: "Die Entscheidung von Frau Merkel, die deutschen Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, war eine menschliche Geste, die respektiert werden sollte. Die Menschen kommen, weil sie in kriegsgebeutelten Gegenden alles verloren haben."