Erstellt am 12. Mai 2016, 10:30

von APA/Red

ÖBB-Chef Kern:Turnaround und Imagewandel der Staatsbahn. Seit fast sechs Jahren steht Christian Kern an der Spitze der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), und in dieser Zeit hat er dort einiges bewegt.

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Der studierte Publizist schaffte einen Imagewandel der Staatsbahn und konnte sie weitgehend aus dem tagespolitischen Hick-Hack heraushalten. Darüber hinaus gelang ihm ein wirtschaftlicher Turnaround, statt Defiziten meldete die Bahn Gewinne.

Der Wechsel von Peter Klugar zu Kern ging am 7. Juni 2010 über die Bühne. Der damals 44-Jährige kam vom Energiekonzern Verbund, wo er zuletzt in der Vorstandsetage tätig war. Von der traditionell sehr gut bezahlten Strombranche an die ÖBB-Spitze zu wechseln brachte ihm zwar gehaltsmäßig Verluste ein, allerdings machte er den Schritt in die erste Reihe und stand ab da mitten in der Öffentlichkeit.

Der Wiener ging seine neue Aufgabe mit viel Elan und spürbarem Ehrgeiz an. Die Bahn dürfe keine "Schienen-AUA" werden, warnte er vor einem Ausverkauf. Sie sei ein wichtiger Teil der Infrastruktur des Landes und durch ihre Investitionen ein Konjunkturmotor, verteidigte er den Konzern. Spekulationen werde es in seiner Amtszeit nicht geben, stellte er klar. In der Ägide von Kerns Vor-Vorgänger an der ÖBB-Spitze, von Martin Huber, hatte der Staatsbetrieb ein Spekulationsgeschäft mit der Deutschen Bank gemacht, das den ÖBB letztlich 300 Mio. Euro kostete.

Köpferollen in Güterverkehrssparte

Schnell setzte er seine Personalvorstellungen durch: In der defizitären Güterverkehrssparte RCA kam es zum Köpferollen, im November 2010 traten glücklose Manager zurück. Von Anfang an holte Kern auch Vertraute aus seiner Jugendzeit in seine engste Umgebung. Besonders die Kommunikation war ihm sehr wichtig. Er habe der "geprügelten Eisenbahnerseele" - über 40.000 Mitarbeiter - wieder ihren Stolz zurückgegeben, hieß es. Neben den Werbeoffensiven scheute er auch nicht vor unbequemen Wahrheiten zurück: Mit Sätzen wie "Wenn sich nicht einmal der Eurotunnel rechnet, wie soll dann Horn-Sigmundsherberg schwarze Zahlen schreiben?" verteidigte er die Steuergelder für die Staatsbahn.

Dass ihn Insider als dünnhäutig gegenüber Kritik bezeichnen, ließ er sich bei öffentlichen Auftritten kaum anmerken.

Seine erste Jahresbilanz, die er im April 2011 vorlegte, war mit 330 Mio. Euro Verlust tiefrot. Es handle sich aber um einen "Spiegel der Vergangenheit", denn das Sanierungsprogramm greife bereits, gab sich Kern optimistisch. Schon im Folgejahr verringerte sich der Verlust für das Geschäftsjahr 2011 auf knapp 29 Mio. Euro, der Sprung in die schwarzen Zahlen gelang dann im April 2013: Das Geschäftsjahr 2012 wurde mit über 66 Mio. Gewinn abgeschlossen, alle drei Teilbereiche der Bahn - Personenverkehr, Güterverkehr, Infrastruktur - bilanzierten positiv. 2013 wurde das Vorsteuerergebnis auf 102,5 Mio. Euro gesteigert, das Geschäftsjahr 2014 wurde mit 171,7 Mio. Euro Vorsteuergewinn abgeschlossen.

In seiner letzten Bahnbilanz, die Kern vor wenigen Wochen vorlegte, wurden für das Geschäftsjahr 2015 bereits 192,8 Mio. Euro Gewinn erzielt.

Bahn im neuen Marketing-Gewand

Neben den nackten Zahlen präsentierte Kern die Bundesbahnen gerne im neuen Marketing-Gewand: Problembereiche wie WLAN in den Zügen oder mangelnde Sauberkeit auf Bahnhöfen wurden von ihm nicht negiert, sondern in Angriff genommen. Der "Pensionistendiskussion" konterte er mit Zahlen und Fakten. Politische "Querschüsse" stellte er mit geschicktem Netzwerken weitgehend kalt: Die Anlässe, zu denen der SPÖ-Koalitionspartner ÖVP die "rote Bahn" als Angriffsobjekt nahm, reduzierten sich unter Kern deutlich.

Dazu trug sicherlich auch bei, dass 2012 das schwarze Urgestein Ex-Raiffeisenbanker Ludwig Scharinger in den ÖBB-Aufsichtsrat einzog. Gute Beziehungen pflegt er auch mit konservativen Medienmenschen oder Vertretern der Industriellenvereinigung.

Besonders dankbare Termine in Kerns bisheriger Funktionsperiode waren etwa der Spatenstich für den Semmering-Basistunnel im Frühjahr 2012 sowie die Eröffnung des Wiener Hauptbahnhofs im Herbst 2014 - ohne Bauzeitüberschreitung, wie der Bahn-Chef gerne betont. Weniger bequem verlief die Rivalität mit der mehrheitlich privaten Westbahn, die seit Dezember 2011 auf der Westbahnstrecke den ÖBB Konkurrenz macht.

Keine Zweifel an sozialdemokratischer Gesinnung

Trotz seiner Manager- und damit Arbeitgeberrolle ließ Kern keinen Zweifel an seiner sozialdemokratischen Gesinnung aufkommen. Auf Gewerkschaftsseite bekam er mit Roman Hebenstreit als Konzernbetriebsratschef einen jungen und ambitionierten Sozialpartner, mit dem er - nach etwas Säbelrasseln - im Juni 2013 eine Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden aushandelte.

Über die reine Managementaufgabe hinaus gingen auch gesellschaftspolitische Initiativen wie etwa zur Förderung von Mädchen und Frauen im Konzern oder die Aufarbeitung der Rolle der Bahn im Nationalsozialismus. Bei der Ausstellungseröffnung 2012 erinnerte Kern mahnend daran, dass es in der Wirtschaftskrise in Europa wieder populärer werde, Minderheiten für schlechte Entwicklungen die Schuld zu geben. Bei der Flüchtlingskrise im Vorjahr steuerte er die unbürokratische Hilfe für zigtausende Menschen, die mit den ÖBB an die deutsche Grenze gebracht wurden, und forderte mehr Bemühungen zur Integration jener, die in Österreich blieben. "Die Probleme machen uns nicht die Flüchtlinge, sondern die Maßnahmen zu ihrer Abwehr", meinte der Bahn-Chef.