Erstellt am 09. April 2017, 14:55

von APA Red

Wiederauferstehung der "Walküre". Ja, sie lebt noch, die "Walküre", auch wenn sie seit 1967 ganze 50 Jahre im Dornröschenschlaf gelegen hat: Die Zeitreise der Osterfestspiele Salzburg im Jubiläumsjahr zurück zu ihrer Inaugurationsinszenierung war am Samstagabend erfolgreich.

Osterfestspiele wurden mit "Walküre" eröffnet  |  APA

Die Wiederauferstehung zu Ostern ist geglückt. Und doch galt der größte Jubel am Ende der musikalischen Interpretation.

Klar ist jedenfalls, dass die Wiederbelebungsmaßnahmen keine Untote haben auferstehen lassen - noch nicht einmal besonders mitgenommen sieht die "Patientin" Walküre aus. Die Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen, die in der Zwischenwelt von Abstraktion und Naturalismus angesiedelt sind, lassen zwar vor allem im 2. Aufzug die Weltraum- und Raumschifffaszination der 1960er erahnen.

Dennoch könnte die minimalisierte Raumästhetik, bei der die Figuren auf einem gigantischen Stegoval agieren, dank neuer Hintergrundprojektionen anstelle der Schneider-Siemssen'schen bemalten Glasscheiben ohne weiteres auch eine originäre Bühnenkonstruktion des Jahres 2017 sein. Hundings Haus im 1. Aufzug ist da von der Materialität her noch klarer im traditionellen Formenkanon verankert, bevor sich die kosmische Ästhetik entfaltet.

Als Erbin Herbert von Karajans, der damals die Regie nach seinen Vorstellungen gestaltete, tritt Vera Nemirova gewissermaßen in die Fußstapfen des legendären Festivalgründers. Ihre Personenführung ist in den teils schwierig zu bespielenden Aufbauten oftmals schlüssig und schafft berührende Unterszenen im Geschehen. Immer wieder gibt es jedoch auch erratische Momente und Phasen der Statik.

Wenn etwa Siegmund vom Lichtstrahl singt, der auf das Schwert Nothung hinter ihm fällt, sich aber kein einziges Mal nach diesem wendet, kommt man ins Grübeln: Hat der Augen im Hinterkopf? Und wenn Brünnhilde von Wotan ein Steckenpferd anstelle ihres Schlachtrosses Grane bekommt, stellt das einen im Gesamtkontext verlorenen, unpassend humoristischen Ausbruch dar, bei dem man sich Wetteinsätze a la "Das traust Du Dich nie auf die Bühne zu bringen!" vorstellt.

Der größte Jubel am Ende wurde denn auch nicht dem Regieteam zu Teil, sondern den Musikern und Sängern des Abends. Christian Thielemann gelang als künstlerischem Leiter des Festivals das Kunststück, am Pult die eigene Präsenz gerade dadurch bewusst zu machen, dass er sich und seine Staatskapelle Dresden zurücknahm und vor allem die Textverständlichkeit in den Vordergrund stellte.

Das Residenzorchester des Festivals spielt Wagner hier näher bei Beethoven als bei Bruckner und präsentierte die "Walküre" gleichsam als Kammerspiel, bei dem die Sänger gänzlich das Sagen hatten. Als wolle Thielemann tunlichst vermeiden, allzu viel Aufmerksamkeit von der Bühne abzulenken, kommt hier nichts wuchtig daher, und selbst "Showpassagen" wie der Walkürenritt entsprechen eher streng abgezirkeltem Dressurreiten.

Stimmlich perfekt in diese Stilistik der Dresdner passt Anja Harteros mit ihrem fein geführten und feingliedrigen Sopran, der ihrer Sieglinde eine Stärke gibt, bei der die Verletzlichkeit stets durchscheint. Kongenial in diesem Zusammenhang auch der Ukrainer Vitalij Kowaljow, der seinen Wotan auch schon an der Scala sang.

Edel schimmernd und geschmeidig statt wuchtig, überzeugte auch er mit frappanter Wortdeutlichkeit. Anja Kampe, die 2013 bei der Premiere des Castorf-Rings in Bayreuth die Sieglinde gesungen hatte, ist eine burschikos-agile Brünnhilde, die mit ihrer Präsenz das große Bühnenrund zu bespielen weiß und sich nahtlos in den Chor der eleganten, aber nicht durchschlagenden Stimmen einreiht.

Wagner-Veteran Peter Seiffert ist mit seinen 63 Jahren hingegen in der hohen Lage nach wie vor beeindruckend wirkmächtig, muss sich in der Tiefe aber teils deutlich mühen. Hinzu kommt, dass Kostümbildner Jens Kilian ihn in einem alten Bundesheerparker über die Bühne tapsen lässt.

Die großen Solistenpartien komplettieren Salzburg-Stammgast Georg Zeppenfeld als Hunding, der mit seinem schmelzigen Bass und seiner Aura beinahe zu erotisch für den alten, misogynen Miesepeter wirkt, während Christa Mayer, im Vorjahr bei den Osterfestspielen im "Otello" mit von der Partie, trotz Lispelns als zickige Fricka überzeugt.

Wer nun auch nach der Premiere noch nicht genug vom Schwelgen in der Vergangenheit hat, für den ist seit dem heutigen Sonntag im Salzburg Museum eine begleitende Ausstellung geöffnet, zu der sich am Montag ein Symposium zur Schneider-Siemssen/Karajan-Inszenierung gesellt. Schließlich reiht sich Salzburg mit der "Walküre" in einen Retrotrend ein, der die Opernbühnen Europas heuer erfasst hat.

Den bisherigen Höhepunkt markierte Intendant Serge Dorny in seiner Opera de Lyon, wo er unter dem Festivaltitel "Memoires" gleich drei alte Regiearbeiten wieder aufleben ließ. Und nach Salzburg ist am 8. Juni Katharina Wagner am Zug, wenn die Bayreuth-Chefin den "Lohengrin" ihres Vaters Wolfgang - ebenfalls aus 1967 - am Prager Nationaltheater revitalisiert. Die Frage ist dabei lediglich, ob das Motto dieser europäischen Bewegung eher "Zurück in die Zukunft" oder doch "Vorwärts in die Vergangenheit" lautet.