Erstellt am 24. März 2016, 12:41

von APA/Red

Polizeieinsätze in belgischer Hauptstadt im Gange. In der Nähe des Brüsseler EU-Viertels laufen zwei Polizeieinsätze.

 |  NOEN, APA (AFP)

Die Beamten sperrten ein Gebiet in der Gemeinde Ixelles am Donnerstag, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. Einem Zeugen zufolge war dort in der Früh ein Mann überprüft und sein Wagen durchsucht worden. Die Polizei sei mit vielen Kräften vor Ort, meldete Belga. In geringer Entfernung lief zeitgleich ein weiterer Einsatz, die beiden Operationen sollten aber nicht in Verbindung stehen. Ob es einen Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom Dienstag gibt, war zunächst unklar.

Die Selbstmordattentäter, die am Dienstag 31 Menschen in Brüssel in den Tod gerissen hatten, sind inzwischen identifiziert. Alle drei sind in Belgien geboren und hatten Verbindungen zu den islamistischen Drahtziehern der Anschläge von Paris. Es handelt sich um die Brüder Ibrahim (29) und Khalid (27) El Bakraoui und Medienberichten zufolge um den 24-jährigen Najim Laachraoui, der wegen der Terroranschläge von Paris erst vor kurzem zur Fahndung ausgeschrieben worden war.

Der Selbstmordattentäter in der Brüsseler Metro war unterdessen nach Informationen des belgischen Senders RTBF nicht alleine unterwegs. Auf Bildern einer Überwachungskamera sei ein zweiter Mann mit einer großen Tasche zu sehen, berichtete der öffentlich-rechtliche Rundfunk Donnerstag früh. Unklar sei, ob der Verdächtige bei der Explosion getötet wurde oder ob er auf der Flucht sei. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich zunächst nicht zu dem Bericht. Sie wollte im Laufe des Tages eine Pressemitteilung zum Stand der Ermittlungen veröffentlichen.

Urheber der Anschläge: Brüder El Bakraoui

Die Urheber der Anschläge vom Dienstag, das Brüderpaar El Bakraoui, hatten unterdessen laut einem Zeitungsbericht auch belgische Atomkraftwerke als Anschlagsziel. Nach Informationen der Zeitung "La Derniere Heure" vom Donnerstag handelt es sich bei den beiden Personen, die einen belgischen Nukleardirektor per versteckter Videokamera filmten, um die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui.

Die Zeitung nennt in ihrem Bericht keine Quelle. Das Video zeigt heimliche Aufnahmen vor dem Zuhause eines belgischen Nuklearforschungsdirektors. Es sei von den beiden Männern kurz nach den Pariser Anschlägen vom 13. September 2015 aufgenommen worden.

Ermittler hatten bei einer Hausdurchsuchung in der belgischen Hauptstadt nach der Terrorserie in Paris im November 2015 ein verdächtiges Video gefunden. Darauf war der Direktor des Zentrums für Nuklearenergie im belgischen Mol zu sehen. Es umfasste zehn Stunden und dokumentierte den Tagesablauf des Mannes. Obwohl der Forscher nicht direkt mit einem Atomkraftwerk in Verbindung stehe, sei die Existenz dieses Videos "ziemlich heftig", sagte der Sprecher der Atomaufsichtsbehörde AFCN am Mittwoch.

Der vergangene Woche in Belgien festgenommene Verdächtige der Pariser Anschläge, Salah Abdeslam, stemmt sich nicht mehr gegen eine Auslieferung nach Frankreich. Abdeslam wolle "so schnell wie möglich" an die französischen Behörden überstellt werden, sagte sein Anwalt Sven Mary am Donnerstag nach einer gerichtlichen Anhörung in Brüssel.

Abdeslam in Verbundung zu Brüssel-Terror

Abdeslam war nach langer Fahndung am Freitag festgenommen worden, er soll auch Verbindungen zu den Attentätern der Brüsseler Anschläge gehabt haben. Über die Anschläge selbst sei sein Mandant jedoch "nicht informiert" gewesen, betonte Mary. Er werde die Auslieferung Abdesalams mit einer Untersuchungsrichterin besprechen, damit sie dieser zustimme, sagte Mary. Eine Entscheidung zur Haftprüfung seines Mandaten in Belgien wurde demnach vorerst auf den 7. April verschoben.

Die Urheber der Anschläge von Brüssel benötigten nach Ansicht eines führenden Experten "mehrere Wochen", um jene Bomben zu bauen, die sie am Flughafen Zaventem und in der U-Bahn einsetzten. Diese Einschätzung vertrat Jimmie Oxley, ein US-Spezialist für den Sprengstoff TATP, jener Substanz, die nach den Anschlägen in einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek gefunden wurde, in der Zeitung "La Libre Belgique".

Dies würde bedeuten, dass die Anschläge lange vorbereitet waren und die Bomben nicht unmittelbar nach der Festnahme des Top-Terrorverdächtigen Salah Abdeslam am vergangenen Freitag produziert wurden. "Wenn wir annehmen, dass jedes Gerät 15 Kilogramm TATP enthielt, haben sie mehrere Wochen gebraucht, um sie herzustellen", sagte der Chemieprofessor der Universität Rhode Island in dem Zeitungsinterview vom Donnerstag.

"In unseren Labors testen wir Sprengstoffe von fünf Gramm der Reihe nach, um zuverhindern, dass die Studenten zu großen Risiken ausgesetzt sind. Die Terroristen kümmern sich weniger um ihre Sicherheit und gehen schneller vor", zitierte die Zeitung Oxley. Offiziell ist von den belgischen Behörden noch nicht erklärt worden, welcher Sprengstoff bei den Anschlägen zum Einsatz kam. In einer Wohnung in Schaerbeek wurden allerdings große Mengen von TATP sichergestellt.

Donnerstagnachmittag: Sondertreffen in Brüssel

Die für Innere Sicherheit zuständigen EU-Minister wollen am Donnerstagnachmittag zu einem Sondertreffen in Brüssel zusammenkommen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wies darauf hin, dass konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit in Europa seit Monaten auf dem Tisch lägen. Ein ähnliches Sondertreffen gab es auch nach den Anschlägen von Paris.

EU-Experten wollen in der kommenden Woche darüber beraten, wie Flughäfen sicherer gemacht werden können. Für den 31. März sei ein Treffen von Flugsicherheitsexperten der 28 Mitgliedsstaaten geplant, teilte ein EU-Vertreter am Mittwoch mit. Am 11. April würden Fachleute für Transportsicherheit zusammenkommen. Eine konkrete Agenda sei noch nicht festgelegt.

Nach jüngsten Zahlen wurden bei den Attentaten in Brüssel 300 Menschen verletzt. Die Hälfte von ihnen lag am Mittwoch noch in Krankenhäusern, 61 auf einer Intensivstation, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Es ist zu befürchten, dass sich die Zahl von 31 Toten noch erhöht. Aus Sorge vor neuen Anschlägen blieb die höchste Terror-Warnstufe in Kraft. Der Flughafen Zaventem bleibt bis einschließlich Freitag weitgehend geschlossen.

Landesweite Schweigeminute: 14:30 Uhr

Belgien will am Nachmittag um 14.30 Uhr mit einer landesweiten Schweigeminute der Opfer der Terroranschläge gedenken. Am Mittwochmittag hatte es bereits eine Schweigeminute in Brüssel gegeben, an der unter anderem das Königspaar teilnahm.

Am Freitag wird US-Außenminister John Kerry in Brüssel sein. Nach Angaben des Außenministeriums in Washington werde er nach den Anschlägen persönlich das Beileid der USA bekunden. Kerry werde auch Vertreter Belgiens und der Europäischen Union treffen.

Der türkische Staatspräsident Erdogan sagte in Ankara, einer der Brüsseler Angreifer sei im Juni festgenommen und ausgewiesen worden. Die belgischen Behörden seien am 14. Juli informiert worden. Laut Medienberichten handelte es sich um Ibrahim El Bakraoui, der aber von den belgischen Behörden freigelassen wurde. Justizminister Geens betonte, El Bakraoui habe in Belgien keine terroristischen Straftaten begangen. Seines Wissens sei er auch nicht nach Belgien, sondern in die Niederlande abgeschoben worden, sagte Geens dem Sender VRT.