Erstellt am 26. Februar 2016, 12:22

Schlepperei wird laut Polizei neu organisiert. Bedingt durch Grenzkontrollen auf den Flüchtlingsrouten am Balkan stehen Schlepper vor der Aufgabe, ihr Geschäft neu zu organisieren, indem sie für viel Geld nicht nur Transportmöglichkeiten zur Verfügung stellen, sondern sich um Ausweichrouten und falsche Dokumente kümmern.

 |  NOEN, APA

Das sagte Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität im Bundeskriminalamt.

"In den vergangenen Tagen war zu beobachten, dass eine Ausweichroute von Griechenland über Albanien führt. Ungarn rückt wieder verstärkt in den Fokus der Schlepper, eine andere Route wird auch über die Ukraine und die Slowakei führen", sagte Tatzgern am Freitag zur APA. Er konstatiert bei den Schleppern auch eine steigende Nervosität: Jüngst sei es in Ungarn zu einer Schießerei mit einem Konvoi serbischer Schlepper gekommen.

Durch die Kontrollen an den Grenzübergängen wird für Schlepper auch die "Grüne Grenze" wieder aktuell. Auch in Österreich habe es in den vergangenen Tagen mehrfach Aufgriffe gegeben, sagte Tatzgern ohne Zahlen zu nennen. Diese Veränderung stellt die Ermittler vor neue Herausforderungen. Europol hat bereits mit der Gründung eines Zentrums gegen Menschenschmuggel reagiert.

Auf operativer Ebene soll Ende April in Wien ein Büro für gemeinsame Ermittlungen offiziell seinen Betrieb aufnehmen, in dem Beamte jener Staaten flexibel zusammenarbeiten, durch welche die Schlepperrouten führen. Die Gründung erfolgt auf Initiative Österreichs.

Europol hat den Profit, den Schlepperbanden im vergangenen Jahr gemacht haben, auf drei bis sechs Milliarden Euro geschätzt und vor einer Verdoppelung oder sogar Verdreifachung für den Fall gewarnt, dass der Zustrom von Flüchtlingen anhält.

"International heißt es zwar, dass die Preise in den vergangenen Monaten zurückgegangen sind. Das ist aus unserer Sicht allerdings nicht ganz richtig", sagte Tatzgern. "Schlepper verkaufen Gesamtpakete. Für eine dreiköpfige Familie verlangen sie 30.000 Euro für die Schleppung von der Türkei bis Schweden. 8.000 bis 12.000 Euro pro Person sind ein gängiger Preis."

Nach den Erkenntnissen der Ermittler haben die Netzwerke zum Teil sogar Unterstützungsmaßnahmen wie etwa den organisierten Transport der Menschen mit Bussen oder Zügen als eigene Leistung ausgegeben und dafür kassiert. "Das Geschäft ist nie wirklich zurückgegangen", betonte Tatzgern.

Während in Mitteleuropa in der Regel die Handlanger tätig sind, sitzen die Drahtzieher der Schlepperei überwiegend in der Türkei, in Griechenland und in Serbien. "Den 'Big Boss' gibt es nicht. Es handelt sich vielmehr um Hunderte, manchmal nur aus wenigen Personen bestehende Netzwerke, die fallweise kooperieren", erläuterte Tatzgern. "Die Nachfrage ist so groß, dass das Geschäft kaum zu bewältigen ist."