Erstellt am 15. Oktober 2015, 12:23

Stöger: Rückruf Hunderttausender VW-Dieselautos. Nach der zuvor verkündeten Rückrufaktion für 2,4 Millionen Autos infolge des VW-Abgasskandals in Deutschland hat Verkehrsminister Alois Stöger (SPÖ) am Donnerstag auch in Österreich VW-Diesel in die Werkstätten zurückgerufen.

 |  NOEN, APA (AFP)

Betroffen seien rund 363.000 Fahrzeuge. Die betroffenen Autobesitzer müssten von Porsche Austria verständigt werden. Die Rückrufaktion startet analog zu Deutschland 2016.

"Unsere rechtliche Prüfung hat ergeben, dass die Anordnung des deutschen Kraftfahrt-Bundesamts auch für jene Autos gilt, die in Österreich unterwegs sind", erklärte Ministeriumssprecherin Andrea Heigl am Donnerstag: "Das heißt konkret: Auch in Österreich müssen Inhaber der betroffenen Autos in die Werkstätte fahren. Für die Autofahrer soll kein Nachteil entstehen. Diese Rückrufaktion muss zu 100 Prozent erfüllt werden."

Das Verkehrsministerium prüfe derzeit das rechtliche Vorgehen, um die Überprüfung der Aktion sicherzustellen. "Es ist an Porsche Österreich, die Autofahrerinnen und Autofahrer zu informieren", so Ministeriumssprecherin Heigl.

In Österreich wurden 363.400 Modelle aus der Volkswagen-Konzernmarkenpalette manipuliert - konkret geht es dabei um 180.500 VW-Pkw, 24.400 VW-Nutzfahrzeuge, 72.500 Audi, 54.300 Skoda und 31.700 Seat.

Die "Salzburger Nachrichten" berichteten am Donnerstag, dass die Diskrepanz zwischen den Herstellerangaben und der Realität den österreichischen Behörden seit langem bekannt war. Weil die Stickoxidwerte in Österreich stiegen und ein EU-Mahnverfahren drohte, schrieb die Republik nach Brüssel, dass die hohen Werte dem Land nicht angelastet werden dürften. Begründung: "Messungen zeigen, dass die realen Emissionswerte die Emissionen im gesetzlich vorgeschriebenen Prüfzylus um den Faktor 3 (Euro IV) bis 5 (Euro V) übersteigen."

In Deutschland hatte zuvor Verkehrsminister Alexander Dobrindt verfügt, dass die vom Abgas-Skandal betroffenen 2,4 Millionen Dieselfahrzeuge aus dem VW-Konzern ausnahmslos zur Nachbesserung in die Werkstatt müssen. Die Rückrufaktion sei für jeden Halter verpflichtend, sagte der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt am Donnerstag in Berlin. Der behördlich angeordnete Weg in die Werkstatt werde Anfang 2016 beginnen.

Je nach Motortyp könnten die Fahrzeuge aber auch erst ab September des nächsten Jahres zurückgerufen werden. Die betroffenen Autofahrer müssen nicht selbst aktiv werden, sie bekommen demnächst Post. In den Schreiben wird das weitere Vorgehen erklärt.

Laut Dobrindt (CSU) ist bei VW-Diesel-Fahrzeugen mit 1,6-Liter-Motoren nach derzeitigem Stand ein größerer Eingriff nötig. Die Aktualisierung der Software reiche nicht aus. Anders sei dies bei Fahrzeugen mit Zwei-Liter-Motoren. Hier reiche ein Software-Update aus.

Volkswagen arbeitet derzeit den größten Skandal in seiner Unternehmensgeschichte auf. VW hatte in den USA Abgaswerte von Dieselfahrzeugen durch eine Software manipuliert, die bei Tests zu einem niedrigeren Schadstoffausstoß als im Normalbetrieb führte.

Weltweit wurde die Software in bis zu elf Millionen Autos eingebaut. In Deutschland sind den neuen Angaben von Dobrindt zufolge 2,4 Millionen Autos betroffen. Bisher war die Rede von 2,8 Millionen Fahrzeugen. Diese Zahl ergab sich aus den ursprünglichen Zulassungen. Allerdings seien inzwischen rund 400.000 Wagen nicht mehr in Deutschland unterwegs. Die VW-Führungsriege will am Donnerstag in Leipzig über das weitere Vorgehen in der Krise beraten.

Europa macht unterdessen Fortschritte bei der Einführung schärferer und realistischerer Abgastests für Autos. "Bis Ende des Monats werden wir neue Abgastests auf den Weg bringen", sagte EU-Binnenmarkt-Kommissarin Elzbieta Bienkowska der "Bild"-Zeitung (Donnerstag). Dabei gehe es darum, den Ausstoß von Stickoxiden im tatsächlichen Autoverkehr zu messen. "Die Zeit der Labortests ist vorbei."

Am 28. Oktober sollen nationale Experten eine Vorentscheidung zum Thema treffen. Im Skandal um manipulierte Werte von Diesel-Emissionen müsse VW für Transparenz sorgen, bekräftigte Bienkowska: "Diese Affäre muss vollständig aufgeklärt werden, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen."

VW-Marken-Chef Herbert Diess hatte die EU-Kommissarin bereits Ende September in Brüssel über den damaligen Stand der Aufarbeitung informiert. Auch aus Verbänden, Umweltschutzorganisationen und der Politik gibt es immer lautere Rufe nach neuen Testmethoden, bei denen Autos im realen Fahrbetrieb auf der Straße statt auf dem Prüfstand untersucht werden. Die Verkehrsminister der deutschen Länder forderten den Bund auf, sich auf europäischer Ebene für neue Standards einzusetzen.

In den USA weiten sich die Ermittlungen gegen den Wolfsburger Autobauer unterdessen aus. Neben den Untersuchungen der Umweltbehörde EPA und des Justizministeriums prüft nun auch die Handelsbehörde FTC (Federal Trade Commission) den Fall VW. Dabei geht es nach Angaben des Magazins "Politico" um die Werbung für die als "Clean Diesel" bezeichneten Dieselautos. Die FTC bestätigte das auch anderen Medien.

Nach dem Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren von Autos des Volkswagenkonzerns ermittelt indes auch die italienische Justiz weiter. Die italienische Polizei hat am Donnerstag den Sitz des deutschen Autobauers in Verona durchsucht. Die Ermittlungen laufen gegen einige Manager und lauten auf Betrug, berichteten italienische Medien am Donnerstag.

Durchsuchungen wurden auch am Sitz der VW-Tochter Lamborghini in Bologna durchgeführt. Die Ermittlungen betreffen die Autos des deutschen Autobauers in Italien.

In der Causa ermittelt bereits seit einigen Tagen die Staatsanwaltschaft von Turin. Die Ermittlungen führt Staatsanwalt Raffaele Guariniello, der bei den Olympischen Winterspielen in Turin 2006 das Anti-Doping-Verfahren gegen aktuelle und frühere Mitglieder des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) in die Wege geleitet hatte. Die Ermittlungen sollen auch auf andere Autobauer ausgedehnt werden.