Erstellt am 22. August 2016, 17:00

Forscher erklären wie Menschheit Natur beschleunigt. Wiener Wissenschafter haben herausgefunden, dass nicht nur gesellschaftliche und technische Entwicklungen immer schneller ablaufen, sondern die Menschen auch für die Natur das Rad der Zeit beschleunigt haben. Durch die Landnutzung werden weltweit die Stoffe in Pflanzen doppelt so schnell umgesetzt wie in einer natürlichen Vegetation, berichteten sie im Fachmagazin "Nature Geoscience".

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Bisher war weitgehend unbekannt, wie lange eine Substanz wie Kohlenstoff in der Biomasse gebunden bleibt, bis er wieder in den Kreislauf abgegeben wird, also zum Beispiel in die Atmosphäre oder in den Boden gelangt, so die Wissenschafter um Karl-Heinz Erb vom im Wien ansässigen Institut für Soziale Ökologie der Universität Klagenfurt. Dadurch war die Vegetation in den Klimamodellen schlecht berücksichtigt und deren Vorhersagen ungenau.

Erb und Kollegen haben nun diese globale Biomasse-Umsatzrate bei den heutigen Landnutzungs-Verhältnissen errechnet, und wie groß sie bei einer natürlichen Vegetation wäre. Wenn die Flora weltweit sich selbst überlassen wäre, bliebe ein Kohlenstoff-Atom im Schnitt dreizehn Jahre in der Biomasse gebunden, durch Ackerbau und Forstwirtschaft wurde diese Zeitspanne auf sieben Jahre verkürzt, erklärte Erb der APA.

Zu 59 Prozenten ist der Umbruch von Wäldern zu landwirtschaftlichen Flächen für diese Beschleunigung verantwortlich, die Forstwirtschaft zu 26 Prozenten und die Beweidung von natürlichen Grasländern zu 15 Prozenten, so die Forscher.

Mit diesem Wissen könne und müsse man nicht nur die Klimamodelle genauer machen, sondern es sollte auch in öko-politischen Entscheidungen berücksichtigt werden, meint Erb. Je mehr Biomasse man nutzt, indem man die Landnutzung ausdehnt und intensiviert, umso mehr werden die Ökosystem-Umsatzraten beschleunigt.

Es könnte passieren, dass dadurch noch weniger Kohlenstoff in der Vegetation gebunden bleibt als ohnehin und der Klimawandel nicht gebremst, sondern vorangetrieben wird.

Weltweit ist aber der Bedarf an Biomasse am steigen, weil immer mehr Menschen ernährt werden müssen und der Fleischkonsum steigt - Tiere müssen viel mehr Pflanzennahrung aufnehmen als sie Fleisch "liefern".

Zudem soll Biomasse fossile Brennstoffe als Energieträger ersetzen. Zum Beispiel in Österreich ist der Weg zu erneuerbaren Energien sehr auf Biomasse ausgerichtet, so Erb. Man müsse sich für lokale oder globale Strategien aber jeweils genau anschauen, ob die vermehrte Biomasse-Nutzung klimatechnisch nicht mehr schadet als bringt.

Die natürliche Vegetation in Österreich wäre zum Großteil (über 90 Prozent) Wald, erklärte der Ökologe. In tiefen Lagen würden dichte Eichen-Hainbuchen vorherrschen, mit zunehmender Seehöhe Nadelhölzer zunehmen und sich die Wälder lichten.

Im Gebirge gäbe es auch alpine Matten und Grasländer und in den Tälern Feuchtgebiete und Sümpfe. Durch das viele Ackerland, das in eigentlichen Waldgebieten angelegt wurde, und die intensive forstwirtschaftliche Nutzung befände sich Österreich wohl im "gehobenen Mittelfeld", was die globale Biomasse-Umsetzrate betrifft, schätzt Erb.