Erstellt am 08. April 2017, 21:06

von APA Red

Mutmaßlicher Stockholm-Attentäter ist Usbeke. Der mutmaßliche Terroranschlag mit einem Lastwagen in der Stockholmer Innenstadt geht nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden auf das Konto eines 39-jährigen Usbeken.

Ob der am Freitagabend festgenommene Mann aus Sympathie für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gehandelt habe, werde noch untersucht.

"Nichts besagt, dass wir die falsche Person festgenommen haben", betonte Reichspolizeichef Dan Eliasson am Samstag auf einer Pressekonferenz in Stockholm. Man könne aber noch nicht ausschließen, dass mehrere Menschen an der Tat beteiligt gewesen seien. Staatsanwalt Hans Ihrman sagte auf die Frage nach einem terroristischen Motiv: "Viel spricht zum jetzigen Zeitpunkt dafür, dass das der Fall ist." Das Telefon des Verdächtigen und seine Aktivitäten in sozialen Netzwerken würden untersucht, teilten die Ermittler weiter mit.

Am Vortag war ein Lastwagen im Zentrum der schwedischen Hauptstadt in eine Menschenmenge und dann in ein Kaufhaus gefahren. Dabei wurden vier Menschen getötet. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden gab es außerdem 15 Verletzte. Davon befanden sich am Samstagnachmittag noch acht im Krankenhaus.

Der Verdächtige war der Polizei seit dem Vorjahr namentlich bekannt. "Wir konnten keine Verbindungen zu extremistischen Milieus bestätigen", sagte Anders Thornberg von der schwedischen Sicherheitspolizei mit Blick auf die damaligen Untersuchungen. Nach dem Anschlag in Stockholm gebe es genügend Verdachtsmomente, um den Mann festzuhalten. Das Tatmotiv sei derzeit aber noch unklar. "Wir kennen seine Absichten nicht", sagte Eliasson über den 39-Jährigen.

Eine angebliche Bekannte des Tatverdächtigen hat den 39-jährigen Usbeken Medien zufolge als "ganz normalen Arbeiter" bezeichnet. Er sei "kein religiöser Fanatiker", sagte die Frau der Tageszeitung "Dagens Nyheter". Sie gab an, dem usbekischen Landsmann ihre Postadresse zur Verfügung gestellt zu haben. Vor einiger Zeit habe ein gemeinsamer Bekannter sie gefragt, ob der Mann seine Post an ihre Adresse schicken lassen könne, und sie habe zugestimmt. "Wir Usbeken helfen einander", sagte die Frau dem Blatt. Sie habe in den vergangenen Jahren nur bei der Übergabe der Post Kontakt mit dem Mann gehabt. Zuletzt habe sie ihn im Sommer 2016 gesehen.

Demnach soll der 39-Jährige im Baugewerbe gearbeitet haben. Seine Frau und Kinder hätten nicht in Schweden gelebt. "Ich kann nicht verstehen, dass irgendjemand unschuldige Menschen würde töten wollen", wurde die Frau von der Zeitung zitiert. "Ich habe nie irgendwelche Anzeichen gesehen, dass er ein Extremist war oder sich für Religion interessierte. Im Gegenteil, wie viele Usbeken in Schweden hat er gefeiert und Alkohol getrunken."

Der Täter war am Freitagnachmittag mit einem gekaperten Lastwagen zuerst in eine Menschenmenge in einer großen Stockholmer Einkaufstraße gefahren, dann in die Front eines Kaufhauses. Dort fing der Lkw Feuer, der Täter floh. Schwedischen Medien zufolge wurde der Mann in einem Geschäft in Märsta nördlich von Stockholm festgenommen worden.

Die Polizei fand auf dem Fahrersitz in dem Lastwagen "ein technisches Gerät, das dort nicht sein sollte". Man könne aber noch nicht sagen, ob es sich bei dem Fund um eine brennbare Substanz handle. Das solle nun eine Untersuchung klären, so Eliasson. Der staatliche Sender SVT hatte zuvor berichtet, die Ermittler hätten in dem Tatfahrzeug Sprengstoff gefunden. Dieser sei in einer Tasche entdeckt worden.

Der Anschlag hat die Hauptstadt und das nordeuropäische Land tief erschüttert, das öffentliche Leben kam weitgehend zum Erliegen. Augenzeugen berichteten von "Unmengen an Blut" und Leichen auf dem Asphalt.

Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag öffnet das Kaufhaus, in das der Täter mit einem Lkw gerast war, am Sonntag teilweise wieder. Das teilte das Einkaufszentrum Åhlens City am Samstagabend mit. Die meisten Etagen sollten aber bis Montag geschlossen bleiben, hieß es.

Der Lastwagen wurde in der Nacht auf Samstag abgeschleppt und soll nun kriminaltechnisch untersucht werden. Der Tatort und die Umgebung blieben zunächst abgesperrt. Nachdem der U-Bahn- und Zugverkehr in Stockholm stundenlang stillgestanden war, rollten am frühen Morgen wieder Züge aus den Bahnhöfen. Die schwedischen Behörden bleiben in Alarmbereitschaft. Zehn Tage lang sollen alle Ausreisenden an den Grenzen kontrolliert werden, sagte Ministerpräsident Stefan Löfven.

In der Einkaufsstraße Drottninggatan hatte es bereits im Dezember 2010 einen Anschlag gegeben. Damals explodierte dort ein Auto, während sich fast zur gleichen Zeit an einer anderen Straße im Zentrum Stockholms ein 28-jähriger Schwede irakischer Abstammung in die Luft sprengte. Zwei Passanten wurden leicht verletzt. Auch der Mord an dem damaligen schwedischen Regierungschef Olof Palme 1986 hatte sich ganz in der Nähe abgespielt.

Für die Opfer des Lkw-Anschlags soll es am Montag zu Mittag eine Gedenkfeier und eine landesweite Schweigeminute geben, kündigte Löfven an, nachdem er einen Strauß roter Rosen in der Nähe des Tatorts niedergelegt hatte. Nun müssten er und seine Landsleute versuchen, ihre Wut in etwas Konstruktives zu verwandeln. "Wir sind eine offene, demokratische Gesellschaft, und das werden wir auch bleiben."

Schwedens König Carl XVI. Gustaf verurteilte den Lkw-Anschlag als "verachtenswürdig". Dennoch gebe es ihm Hoffnung, "dass all diejenigen unter uns, die helfen wollen, viel zahlreicher sind als diejenigen, die uns schaden wollen", sagte der Monarch am Samstagnachmittag in einer Stellungnahme vor dem Königspalast in der Hauptstadt. Zudem lobte er Polizei und Rettungsdienste für ihre "tolle Arbeit" nach dem Vorfall.

Die schwedische Kronprinzessin Victoria (39) und ihr Mann Prinz Daniel (43) legten am Tag nach dem Lkw-Anschlag in der Nähe des Tatorts rote Rosen nieder. "Ich fühle große Trauer und Leere", sagte die Thronfolgerin laut Boulevardzeitung "Aftonbladet". "Aber ich fühle trotzdem eine Stärke, denn die Gesellschaft hat mit enormer Kraft gezeigt, dass wir uns dem hier entgegensetzen."