Erstellt am 18. September 2015, 22:50

Ungarn entwaffnete kroatische Polizisten. Die Flüchtlingstransporte von Kroatien nach Ungarn sind offenbar nicht zwischen den beiden EU-Nachbarn koordiniert. "Ohne jegliche Absprache sind 1.000 Migranten mit dem Zug nach Magyarboly gebracht worden", sagte Ungarns Regierungssprecher Zoltan Kovacs am späten Freitagabend im ungarischen Grenzort Beremend. Die 40 kroatischen Polizisten, die den Zug begleiteten, seien entwaffnet worden.

 |  NOEN, APA (epa/Symbolbild))

Der Zugführer sei festgenommen worden, fügte der Sprecher hinzu. Zuvor waren die Bereitstellung eines ungarischen Zugs zur Abholung der Flüchtlinge im Grenzbahnhof Magyarboly und von Bussen am Grenzübergang Beremend als Anzeichen dafür gedeutet worden, dass die Menschen auf organisierte Weise nach Österreich gebracht würden. Augenzeugen sahen zudem, wie ungarische und kroatische Polizisten in dem Grenzbahnhof gemeinsam agierten. In kroatischen Medien hieß es bereits: "Korridor nach Westen geöffnet".

Am späten Freitagabend mutmaßten ungarische Medien jedoch, dass die Asylbewerber in westungarische Lager gebracht würden. Ein erster Bus traf bereits im Aufnahmezentrum Vamosszabadi bei Györ ein, wie die lokale Webseite "kisalfold.hu" berichtete.

Kroatien hatte am Freitag erklärt, den Flüchtlingsandrang nicht mehr bewältigen zu können. Ungarn hatte am letzten Dienstag seine Grenze zu Serbien für Flüchtlinge abgeschottet. Seitdem kamen aus Serbien mehr als 17.000 Menschen nach Kroatien, um von dort weiter nach Westeuropa zu gelangen.

Die rechtsgerichtete Regierung in Budapest hatte diese Woche schärfere Gesetze eingeführt, um den Zustrom von Migranten zu stoppen. An der Grenze zum Nicht-EU-Land Serbien hat Ungarn einen Grenzzaun errichtet, sodass viele Migranten versuchen, über Kroatien weiter Richtung Österreich und Deutschland zu gelangen. Nun soll auch an einem 40 Kilometer langen Abschnitt an der Grenze zu Kroatien im Eiltempo ein Zaun errichtet werden.

Die kroatische Regierung wiederum erklärte, mit der Registrierung und Aufnahme der Migranten überfordert zu sein und diese deshalb weiterziehen zu lassen. Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel beriet telefonisch mit Kroatiens sozialdemokratischem Regierungschef Zoran Milanovic über die Flüchtlingskrise in Europa. Beide Politiker stimmten demnach "überein, dass das Problem an den Außengrenzen der Europäischen Union gelöst werden müsse". Wie die deutsche Bundesregierung mitteilte, berichtete Milanovic "über die Anstrengungen Kroatiens, bei der Bewältigung der Situation seinen Verpflichtungen vollständig nachzukommen und dabei zu gewährleisten, dass alle Flüchtlinge weiterhin menschenwürdig behandelt werden".

Die EU-Kommission kritisierte Kroatien dafür, Tausende Flüchtlinge einfach nach Ungarn umleiten zu wollen. Migranten weiterreisen zu lassen, ohne sie zu registrieren, sei "in der Tat nicht mit den EU-Regeln vereinbar", sagte eine Sprecherin der EU-Kommission am Freitag in Brüssel. Nach den sogenannten Dublin-Regeln ist dasjenige EU-Land für einen Asylbewerber und dessen Asylverfahren zuständig, in dem dieser erstmals europäischen Boden betreten hat. Das Land muss den Flüchtling registrieren und seine Fingerabdrücke nehmen. Die Sprecherin sagte, wenn Flüchtlinge sich weigerten, Asyl zu beantragen, könnte ihnen die Einreise verweigert werden.

Der Flüchtlingsstrom nach Slowenien nimmt unterdessen langsam zu. Am Freitag stand der Südosten des Landes, der nahe von Kroatiens Hauptstadt Zagreb liegt, am stärksten unter Druck. Rund 600 Flüchtlinge seien in diesem Teil Sloweniens in den vergangenen 24 Stunden über die grüne Grenze von Kroatien gekommen, so der Leiter der Grenzpolizei in der Polizeibehörde Novo mesto, Anton Stubljar, am Abend in Brezice.

Zudem kam es zu turbulenten Zwischenfällen am kroatisch-slowenischen Grenzübergang Harmica-Rigonce. Rund 300 Flüchtlinge durchbrachen gegen 19.20 Uhr den Grenzposten in Kroatien und zogen in Richtung Slowenien. Dort war die Polizei mit Spezialeinheiten im Einsatz. Vorerst kam es zu keinen groben Zusammenstößen, die Flüchtlinge vereinten sich auf einer kleinen Brücke über den Sutla-Fluss im Niemandsland zwischen den beiden ex-jugoslawischen Staaten mit Aktivisten beider Länder, die zur "Flüchtlinge Willkommen" skandiert hatten. Es waren auch Transparente zu sehen.

Die kroatische Grenzwache hatte die Schlagbäume geöffnet, die Beamten zogen sich zurück, sodass am Abend der Übergang in Richtung Kroatien in diesem Abschnitt frei zugänglich war. In Harmica, dem Grenzort in Kroatien, trafen laufend neue Flüchtlinge ein, teilweise per Zug.