Erstellt am 08. Oktober 2015, 16:17

von APA/Red

Für Alonso wird 250. Formel-1-GP zum Rennen gegen den Frust. Für Fernando Alonso wird sein Formel-1-Jubiläum zum Rennen gegen den Frust. Das Gastspiel in Sotschi ist das 250. Grand-Prix-Wochenende für den Spanier, doch selten zuvor dürften den 34-Jährigen so viele Zweifel an die Strecke begleitet haben.

Vom Podium kann der Spanier derzeit nur träumen  |  NOEN, APA (AFP)

 In der sportlichen Dauerkrise seines Arbeitgebers muss der zweimalige Weltmeister seine ganze Willenskraft und Routine aufbringen.

Selbst Rücktrittsgerüchte dementierte der Spanier erst mit Verzögerung. "Dieses Wochenende ist ein besonderes für mich", twitterte Alonso immerhin pflichtschuldig vor dem Aufbruch nach Russland.

So deprimierend hatte sich der Asturier den Neuanfang bei McLaren sicher nicht vorgestellt. Dafür sprechen seine öffentlichen Wutausbrüche am Boxenfunk. "Ihr lasst mich wie einen Amateur aussehen", beschimpfte er unlängst sein Team. Zuletzt in Japan stellte er Partner Honda bei dessen Heimspiel bloß, als er seinen Motor via Funk als bestenfalls geeignet für die Nachwuchsserie GP2 verunglimpfte.

"Alles, was auf diese Weise derzeit von unseren Piloten kommt, ist durch Enttäuschung und Frustration und Demotivation begründet", erklärte McLaren-Präsident Ron Dennis. Quälend langsam nur geht der Fortschritt beim umformierten Traditionsteam, das einst mit Fahrern wie Ayrton Senna, Alain Prost oder Mika Häkkinen reihenweise Siege und Titel sammelte. Der Abstand zur Spitze ist weiter gewaltig, die technischen Probleme bremsen Alonso und seinen Teamkollegen Jenson Button immer wieder ein. "Wir müssen durch diesen Schmerz durch und diese Lernkurve absolvieren", stellte Dennis fest.

Für Alonso scheint das im Herbst seiner Karriere schwer zu ertragen. Als Gute-Laune-Onkel und Motivator ist er im Fahrerlager eher nicht bekannt. Nach seinem steilen Aufstieg vom Hinterherfahrer im Minardi zum Doppel-Champion mit Renault, als er auch Michael Schumacher bezwang, stand sich Alonso auf der zunehmend verbissenen Jagd nach weiteren Triumphen oft selbst im Weg.

Bei seinem ersten McLaren-Engagement hätte sein Hass-Duell mit dem aufstrebenden Lewis Hamilton fast den Rennstall zerrissen. Alonso flüchtete nach nur einem Jahr zurück ins Renault-Team, das aber nicht mehr titelfähig war. Auch die Wunsch-Ehe mit Ferrari zerbrach, weil Alonso die Scuderia nicht wie einst Schumacher mitreißen und zur Siegmaschine formen konnte. Zermürbt von den Niederlagen gegen Sebastian Vettel löste der Spanier seinen Rentenvertrag auf. Ferrari wehrte sich kaum, mit Nachfolger Vettel blüht das Team wieder auf.

Alonso dagegen ist weiter entfernt vom ersehnten dritten Titel als je zuvor. Nur zweimal fuhr er in diesem Jahr bisher in die Punkte, Platz fünf in Ungarn ist sein bestes Resultat. Einen frischen Pokal für sein eigenes Museum in seiner Heimatstadt Oviedo konnte Alonso zuletzt vor 14 Monaten mitbringen.

So muss sich der Altmeister in diesen Tagen zu Durchhalteparolen zwingen. "Wir arbeiten weiter hart", sagt er dann und bestreitet, ein Sabbatical 2016 oder gar einen endgültigen Abschied erwogen zu haben. "Keiner sollte auch nur den Hauch eines Zweifels haben, dass ich einen Dreijahresvertrag mit McLaren habe und dass meine Karriere bei diesem Team zu Ende gehen wird. Hoffentlich als Sieger."

Alonso hat sich indes gegen die Ausstrahlung des Boxenfunks im Fernsehen ausgesprochen. "Was man am Funk sagt, sollte privat bleiben. Man spricht ja mit dem Team und nicht für die Öffentlichkeit", sagte der Spanier am Donnerstag vor dem Grand Prix im russischen Sotschi. "Das ist ein einzigartiger Sport, wir haben ein Mikrofon im Helm. Man stelle sich das einmal in der NBA oder anderen Sportarten vor", erklärte Alonso.

Auch Niki Lauda fürchtet, dass Alonso mit seinem Wechsel zu McLaren aktuell auf dem Abstellgleis gelandet sein könnte. "Zur richtigen Zeit im richtigen Cockpit zu sitzen, ist eine Grundvoraussetzung für Erfolg", weiß der dreifache Weltmeister aus eigener Erfahrung. "Es gibt genügend Beispiele, wo Piloten weltmeisterlich gefahren sind, aber im falschen Auto saßen."

Auch, weil sie keine sportliche, sondern eine Geld-Entscheidung getroffen hätten. Lauda: "Alonso ist von Ferrari weg zu McLaren in dem Wissen, dass er einen Honda-Motor zu bewegen hat, der zwei Jahre braucht, bis er auf Trab kommt. Dafür wird er dort gut bezahlt. Er kriegt Schmerzensgeld und darf sich nicht aufregen, wenn der Motor nicht geht", urteilte der Österreicher, der derzeit als Aufsichtsratschef des Mercedes-Teams engagiert ist. "Wenn sich sein Auto entwickelt, wird auch Alonso wieder Erfolg haben. Er muss nur aufpassen, dass er nicht zu alt wird."