Erstellt am 12. Januar 2016, 22:32

Zehn Tote bei IS-Selbstmordattentat. Ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat im historischen Zentrum Istanbuls zehn Menschen mit in den Tod gerissen, darunter acht Deutsche.

 |  NOEN, APA (AFP/Archiv)

Der Angreifer sprengte sich nach türkischen Angaben am Dienstag mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft.

Bei dem Anschlag wurden acht Deutsche getötet. Das sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Dienstagabend in Berlin. Neun weitere Deutsche seien zum Teil schwer verletzt worden. Eine endgültige Bestätigung durch die deutschen Diplomaten vor Ort gebe es aber noch nicht, sagte Steinmeier. Zuvor hatte es bereits in türkischen Regierungskreisen geheißen, unter den zehn Todesopfern seien neun Deutsche.

Das peruanische Außenministerium realtivierte unterdessen seine früheren Angaben, wonach eines der Opfer des Terroranschlags aus Peru stammt. Dafür gebe es bisher keine Bestätigung, teilte das Ministerium am Dienstagnachmittag (Ortszeit) in Lima mit. Außenministerin Ana María Sánchez hatte zuvor auf einer Pressekonferenz erklärt, unter den zehn Toten sei auch ein Peruaner, der anscheinend als Tourist in die Türkei gereist sei.

Die türkische Polizei habe dem peruanischen Honorarkonsul in Istanbul mitgeteilt, dass zwei Leichen noch nicht identifiziert worden seien, hieß es nun. Das peruanische Außenministerium bestätigte, dass eine der 15 Verletzten eine Peruanerin sei.

Der 28 Jahre alte Attentäter habe der Terrormiliz angehört, sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in Ankara. Davutoglu kündigte an, der Kampf gegen den IS werde fortgesetzt, bis die Terrormiliz keine Gefahr mehr darstelle.

In einem Telefonat sprach Davutoglu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sein Beileid und Bedauern aus, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan machte in Ankara einen "Selbstmordattentäter syrischer Herkunft" für die Tat verantwortlich.

Die deutsche Kanzlerin Merkel verurteilte den Anschlag in Istanbul mit mindestens acht getöteten Deutschen als "mörderischen Akt". "Die Terroristen sind Feinde aller freien Menschen, ja, sie sind Feinde aller Menschlichkeit", sagte sie am Dienstagabend in Berlin.

Die Kanzlerin betonte: "Genau diese Freiheit und unsere Entschlossenheit, gemeinsam mit unseren internationalen Partnern, gegen diese Terroristen vorzugehen, werden sich aber durchsetzen." Möglicherweise könne es noch weitere Todesopfer geben. "Wir können zur Stunde noch nicht wissen, ob es bei dieser Zahl bleibt."

Merkel sagte weiters, sie habe mit dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu und dem türkischen Präsidenten Erdogan telefoniert, die sie über die laufenden Ermittlungen informiert hätten. In einer Sondersitzung des Kabinetts am Abend wollten Außenminister Steinmeier und sie nun die Minister der großen Koalition informieren.

Merkel betonte, dass der Anschlag in Istanbul in einer Reihe stehe mit denen Terrorakten von Paris, Kopenhagen und Tunis. Auch die türkische Bevölkerung habe unter dem Terror zu leiden.

Das Auswärtige Amt richtete nach Angaben Merkels einen Krisenstab ein. "Meine Gedanken sind in diesen Stunden natürlich bei den Angehörigen der Opfer und bei den Verletzten", sagte die Kanzlerin. Außenminister Steinmeier sprach von einem "barbarischen feigen Akt des Terror", den die Bundesregierung auf das Schärfste verurteile. Zugleich versicherte er: "Wir stehen fest an der Seite der Türkei."

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck zeigte sich tief erschüttert. "Es ist entsetzlich, was heute in Istanbul geschehen ist", erklärt er. Wieder seien "bei einem hinterhältigen terroristischen Anschlag" unschuldige Menschen ermordet worden, darunter viele Deutsche. Er werde noch heute mit dem türkischen Präsidenten telefonieren.

Unter den acht deutschen Opfern des Terroranschlags von Istanbul sind mehrere Touristen eines Berliner Reiseunternehmens. "Die schrecklichen Ereignisse des heutigen Tages machen uns tief betroffen", sagte der Geschäftsführer der Lebenslust Touristik GmbH Berlin, Marco Scherer, laut einer Mitteilung am Dienstagabend. Unklar blieb zunächst, woher genau die Opfer stammen. Zum Zeitpunkt des Anschlags seien 33 Menschen mit dem Reiseveranstalter in Istanbul unterwegs gewesen, hieß es.

Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière reist am Mittwoch in die Türkei. Der Minister wolle in Istanbul seinen türkischen Amtskollegen Efkan Ala treffen und sich ein Bild von der Lage machen, sagte eine Sprecherin des Innenressorts am Dienstagabend der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Nach dem Anschlag verhängte die türkische Regierung eine Nachrichtensperre. Zur Begründung teilte die Medienaufsicht RTÜK mit, ein solcher Schritt sei laut Gesetz möglich, wenn er der "nationalen Sicherheit" diene. Eine dpa-Reporterin wurde von Polizisten daran gehindert, in der Umgebung des Anschlagsortes Fotos zu machen. Die dpa-Reporterin berichtete vor Ort von zahlreichen Polizisten sowie Rettungskräften. Auch Bombenentschärfer seien im Einsatz, sagte sie.

Der IS hatte im vergangenen Jahr mehrere Anschläge in der Türkei verübt, sich dabei aber vornehmlich auf kurdische Ziele konzentriert. Touristen waren bisher kein Anschlagsziel des IS.

Im Südosten des Landes läuft außerdem eine Offensive der türkischen Streitkräfte gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die damit gedroht hat, den Konflikt auch in den Westen der Türkei zu tragen. Die PKK greift aber in der Regel staatliche Einrichtungen an und ist bemüht, ihr Verhältnis zu westlichen Ländern zu verbessern.

Eine Reporterin von CNN Türk berichtete von schockierten Touristen, die nach der Explosion auf dem Pflaster gesessen seien. Augenzeugen hätten gesagt, sie hätten einen Feuerball aufsteigen gesehen. Zu der Detonation sei es an dem ägyptischen Obelisken gekommen, der im alten Hippodrom in der Nähe der Hagia Sophia, der Blauen Moschee und des Deutschen Brunnens steht. Die Explosion um 10.15 Uhr (Ortszeit/09.15 MEZ) war noch in einigen Kilometern Entfernung zu hören.

Die EU bekundete ihre Solidarität mit der Türkei. "Ich verurteile den brutalen Terrorakt in Istanbul", schrieb EU-Ratspräsident Donald Tusk auf Twitter. EU-Chefdiplomatin Federica Mogherini erklärte, die EU und die Türkei "stehen vereint gegen alle Formen des Terrorismus". Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg versicherte, die Allianz stehe geschlossen an der Seite ihres Mitglieds Türkei.

Ankara war lange vorgeworfen worden, nicht entschieden gegen die IS-Jihadisten in Syrien vorzugehen. Seit sich Ankara nach langem Zögern im Sommer dem Kampf gegen den IS anschloss, ist die Türkei zunehmend ins Visier der Extremistengruppe geraten.

Die USA verurteilten den Terroranschlag von Istanbul auf das Schärfste. "Dieser abscheuliche Angriff in Istanbuls historischem Herzen hat Türken und ausländische Touristen gleichermaßen getroffen", erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates Ned Price am Dienstag in Washington.

Die USA stünden an der Seite der Türkei als ihrem starken Verbündeten, Nato-Partner und geschätzten Alliierten im Kampf gegen den Islamischen Staat. Auch und gerade angesichts der Attacke von Istanbul versprächen die USA ihre andauernde Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte, es handle sich um ein "verachtenswertes Verbrechen". Den Angehörigen der Opfer sprach er sein Beileid aus und forderte, dass die Verantwortlichen für den Anschlag zur Rechenschaft gezogen werden müssten.

Auch Russland verurteilte das Selbstmordattentat in Istanbul als "zynisches Verbrechen" und sprach den Familien der Opfer sein Beileid aus. "Diese Tat, für die es keine Rechtfertigung gibt, hat einmal mehr die Grausamkeit des internationalen Terrorismus demonstriert.

Umso mehr, als dass friedliche Bürger - einschließlich Ausländer - Opfer dieser schändlichen Aktion wurden", betonte das Außenministerium in Moskau am Dienstag. Der Anschlag zeige, dass die Bildung einer Einheitsfront gegen den Terror dringend notwendig sei.

Der Iran verurteilte das Selbstmordattentat in Istanbul ebenfalls scharf und sprach den Opferfamilien und der türkischen Regierung sein Beileid aus. "Diese Terroraktion hat erneut bewiesen, wie dringend notwendig eine regionale und internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus ist", sagte Außenamtssprecher Jabar Ansari am Dienstag.

Um diese Zusammenarbeit zu ermöglichen, sollten im Vorfeld alle politischen Differenzen in der Region friedlich und politisch gelöst werden, so der Sprecher in einer Presseerklärung.