Erstellt am 23. März 2016, 12:39

Zeitung meldet Festnahme von Terrorverdächtigem. Nachdem am Mittwochvormittag mehrere belgische Medien die Verhaftung des zentralen Terrorverdächtigen von Brüssel, Najim Laachraoui, bekanntgegeben haben, haben diese zu Mittag ihre Angaben korrigiert.

Material von Videokameras wird von der Polizei ausgewertet  |  NOEN, BELGIAN FEDERAL POLICE

"Anders als wir ursprünglich berichtet haben, soll es sich bei dem in Anderlecht festgenommenen Mann nicht um Najim Laachraoui handeln", schrieb etwa die Zeitung "La Derniere Heure".

Ähnlich äußersten sich "La Libre Belgique" sowie das "Wall Street Journal", das sich auf "zwei unabhängige Quellen" berief. Bereits zuvor hatte die belgische Staatsanwaltschaft eine Pressekonferenz für 13.00 Uhr angekündigt, ohne weitere Details zu nennen.

Laachraoui soll einer der drei Männer sein, die auf einem unmittelbar vor den Anschlägen am Brüsseler Flughafen aufgenommenen Überwachungsvideo zu sehen sind. Nach ihm wird seit dem gestrigen Dienstag mit besonderem Hochdruck gefahndet. Die anderen beiden - ein Brüderpaar - kamen offenbar bei den Attacken am Flughafen Zaventem und in der Metrostation Maelbeek ums Leben. Wie der belgische Sender RTBF am Mittwoch unter Berufung auf Polizeikreise meldete, handelt es sich bei ihnen um die Brüder Khalid und Brahim El Bakraoui. Es besteht demnach eine Verbindung zu dem am Freitag festgenommen Terrorverdächtigen Salah Abdeslam, der für die Anschläge von Paris verantwortlich gemacht wird.

Einer der beiden Brüder, Khalid, hat den Angaben zufolge ein Terrorversteck im Brüsseler Stadtteil Forest gemietet, in der sich nach Erkenntnissen der Ermittler auch Abdeslam aufgehalten hat. Dies berichtete auch der flämische Sender VRT unter Berufung auf Polizeikreise.

Einer der Brüder ist nach den Vermutungen der Ermittler auch für den Anschlag in der Brüsseler U-Bahn-Station Maelbeek nahe des EU-Viertels verantwortlich, berichtete VRT. Der andere soll sich selbst bei dem Anschlag auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem in die Luft gesprengt haben. Bei den Anschlägen wurden mehr als 30 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt.

Najim Laachraoui stand bereits im Fokus der Sicherheitsbehörden und auf deren Fahndungslisten. Seine DNA-Spuren seien nach den Anschlägen von Paris in Wohnungen gefunden worden, die damals von den Attentätern genutzt worden seien, hatte die Staatsanwaltschaft schon am Montag mitgeteilt.

In der Vorwoche war es bei einer Razzia in der Wohnung in Forest zu einem Schusswechsel gekommen. Abdeslam wurde am Freitag im Brüsseler Stadtteil Molenbeek verhaftet. Bei den Brüdern El Bakraoui handelt es sich um Brüsseler, meldete RTBF. Unter ihrem Namen seien beide polizeibekannt gewesen, allerdings wegen Gangstertum, und nicht wegen Terrorismus.

Nach aktuellem Ermittlungsstand besteht "kein Österreich-Bezug" zu den beiden Brüdern, erklärte Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck am Mittwoch auf APA-Anfrage mit. Es gebe keine "Übereinstimmung", so Grundböck auf die Frage, ob es sich bei den Brüdern El Bakraoui um die beiden Komplizen handeln könnte, die mit dem Hauptverdächtigen der Pariser Attentate vom 13. November, Salah Abdeslam, durch Österreich gereist sind. Am 9. September waren drei Männer an der österreichisch-ungarischen Grenze aufgetaucht und wurden in Oberösterreich kontrolliert.

Laut belgischen Medienberichten reiste Najim Laachraoui im September durch Österreich und wurde von der Polizei kontrolliert. Laachraoui reiste im September noch unter dem Namen "Soufiane Kayal", den die belgische Staatsanwaltschaft am Montag in einem Fahndungsaufruf als Alias von Laachraoui angab. Als Soufiane Kayal wurde Laachraoui am 9. September an der ungarisch-österreichischen Grenze im Beisein von Salah Abdeslam und Samir Bouzid kontrolliert, wie aus einem Fahndungsaufruf der belgischen Staatsanwaltschaft vom 4. Dezember hervorgeht.

Innenministeriumssprecher Grundböck wollte die Durchreise Laachraouis als Soufiane Kayal durch Österreich, über die auch die "Kleine Zeitung" berichtete hatte, am Mittwoch nicht bestätigen. "Wir haben unsere Feststellungen den belgischen Behörden weitergeleitet", so Grundböck. Die Frage der Übereinstimmung sei allerdings dort zu prüfen. Bisher gebe es seitens der belgischen Kollegen keine offizielle Informationen darüber, ob Laachraoui tatsächlich unter dem Namen Soufiane Kayal im September durch Österreich gereist ist. Generell konnte Grundböck keine genauen Angaben zu den übermittelten "Feststellungen" machen.

Am Samstag soll in Brüssel ein Trauermarsch stattfinden. Auf Facebook wurde für den 26. März ab 14 Uhr ausgehend vom Atomium ein solcher Marsch der Trauer und gegen den Terrorismus angekündigt, teilte "DH" am Mittwoch mit. Dieser würde die Haltung zum Ausdruck bringen, dass "wir nicht in der Angst leben wollen".

Zu den Terroranschlägen soll es in Kürze ein Sondertreffen der für Innere Sicherheit zuständigen EU-Minister geben. Wie die niederländische EU-Ratspräsidentschaft mitteilte, könnte es bereits am kommenden Donnerstag organisiert werden. Als Reaktion auf die Anschläge von Brüssel erwägt die EU-Kommission einem Bericht der deutschen Zeitung "Die Welt" zufolge die Einführung von Sicherheitskontrollen vorzuschlagen, die bereits vor dem Betreten eines Flughafengebäudes stattfinden sollen.

Hunderte Belgier haben am Dienstagabend in Brüssel der Opfer der Anschläge am Flughafen und in der U-Bahn gedacht. Sie versammelten sich auf der Place de la Bourse im Zentrum der belgischen Hauptstadt und legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Viele waren in die belgische Flagge gehüllt. In vielen Städten weltweit wurden am Abend Wahrzeichen in den belgischen Nationalfarben angestrahlt, unter anderem das Brandenburger Tor in Berlin, der Eiffelturm in Paris und der Trevi-Brunnen in Rom.

Die USA riefen ihre Bürger zu erhöhter Wachsamkeit bei Besuchen in Europa auf. Der Flug- und Bahnverkehr von und nach Brüssel war vorübergehend eingestellt worden. Der Flughafen der belgischen Hauptstadt sollte auch noch am Mittwoch geschlossen bleiben. Eine Delegation der US-Bundespolizei FBI hilft nach belgischen Medienberichten bei den Ermittlungen zu den Terroranschlägen von Brüssel. Die US-Ermittler sollen noch am Mittwoch in die belgische Hauptstadt aufbrechen. Bei den Anschlägen sind auch US-Bürger verletzt worden.

Die belgische Gesundheitsministerin Maggie De Block erklärte am Mittwoch in Hinblick auf die laufenden Arbeiten zur Opferidentifizierung: "Wir kennen von einer ganzen Reihe von Menschen ihre Identität. Aber es gibt auch Menschen, die noch in Tiefschlaf gehalten werden und sich in einem kritischen Zustand befinden. Die können wir nicht aufwecken. Der Patient geht vor." Bisher gibt es keine Hinweise auf Opfer aus Österreich.