Erstellt am 10. April 2017, 12:35

von Martin Gruber-Dorninger

Riesenviren in Kläranlage gefunden. „Klosneuviren“ sind für Mensch und Tier ungefährlich, haben bis zu 200 Mal mehr Gene als Grippevirus und „sind ganz abgefahren“, so Forscher Michael Wagner.

Erstautor Frederik Schulz mit seiner Familie, Hyunsoo und dem Sohn Torben, der in Klosterneuburg auf die Welt gekommen ist.  |  NOEN, privat

Die Nachricht von der Entdeckung von Riesenviren in der Klosterneuburger Kläranlage hat international hohe Wellen geschlagen. Doch was steckt dahinter? – Die NÖN sprach mit dem Erstautor der sensationellen wissenschaftlichen Publikation, Frederik Schulz, der mittlerweile in den USA weilt, aber nicht nur durch den Riesenvirus einen engen Bezug zu Klosterneuburg pflegt.

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Wenige Kilometer hinter der Klosterneuburger Stadtgrenze, in Spittelau, liegt das Biozentrum der Universität Wien. Darin ist auch das DOME-(Department of Microbial Ecology) beheimatet, dem Michael Wagner als Leiter vorsteht. In dieser erlesenen Forschergruppe, der auch Holger Daims und Matthias Horn angehören, saß, bis vor kurzem auch Frederik Schulz, der durch seine Publikation im wissenschaftlichen Topjournal „Science“ einen internationalen wissenschaftlichen Erfolg feiern konnte. Und das mit dem „Klosneuvirus“, der nach seinem Fundort in der Klosterneuburger Kläranlage benannt wurde.

Derweil arbeitet Schulz am Joint Genome Institute in Walnut Creek (USA), und auch das trug zur Entdeckung bei.

Zufällig entdeckt..

Riesenviren seien zwar nicht das Hauptforschungsgebiet von Dome, „durch diese Entdeckung sind wir jetzt durch Zufall mittendrin“, sagt Wagner. Viren sind normal deutlich kleiner als Bakterien. Die Wisschenschafter fanden die Lebewesen in Amöben (Einzellern) und gingen deshalb zunächst von Infektionen mit Bakterien aus. Mit neuen wissenschaftlichen Methoden am Joint Genome Institute, kamen sie dem Virus auf die Schliche. „Erst als das Erbgut analysiert wurde, ist man drauf gestoßen, dass das ganz abgefahrene Viren sind“, ist Wagner enthusiastisch.

Was den Virus zu einem Riesenvirus macht, ist mitunter die enorme Erbsubstanz. Der Klosneuvirus hat bis zu 200 Mal mehr Gene als etwa das Grippevirus. Für die Vermehrung sind sie zwar – wie alle bekannten Viren – auf die Zellen anderer Wirt-Organismen angewiesen, sie haben aber auch Eigenschaften, die man bisher nur mit eigenständigen Lebewesen in Verbindung brachte. So besitzen sie etwa auch DNA-Bausteine für die Herstellung von Eiweißen (Proteinbiosynthese).

Virus erhält Namen des Fundorts

„Diese neuen Riesenviren wurden zwar zum ersten mal in Klosterneuburg entdeckt, sind allerdings weit verbreitet. Wir haben Verwandte in über 50 Proben weltweit gefunden, unter anderem in Abwasser aus Kapstadt in Südafrika, einer Kläranlage in Hongkong und einem See in den USA“, erklärt Erstautor Schulz gegenüber der NÖN, der noch einen weiteren Bezug zur Babenbergerstadt pflegt: „Unser Sohn Torben wurde in der Klosterneuburger Babyvilla geboren.“

Ob der Virus denn gefährlich ist? – „Es gibt keinerlei Hinweise, dass Riesenviren Menschen oder Tieren gefährlich werden können. Es ist absolut spannend, was man alles Seltsames in Kläranlagen entdecken kann“, ist Schulz von dem Thema gänzlich fasziniert.

Link zum Artikel in Science: http://science.sciencemag.org/ content/356/6333/82