Erstellt am 13. Oktober 2015, 05:12

von Martin Gruber-Dorninger

Poesie als Notwendigkeit. “Eine leise Sprache ist mir lieber“: Dem Dichter Ernst Herbeck, der zeitweise auch unter dem Pseudonym „Alexander“ publiziert wurde, wird eine Retrospektive gewidmet.

 |  NOEN, Ernst Bütler
Das museum gugging eröffnet am 21. Oktober die Ausstellung „ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber“ (zu sehen bis 22. Mai 2016). Erstmals widmet das Museum Ernst Herbeck (1920-1991), dem Dichter unter den Gugginger Künstlern, eine Retrospektive.

Architektur und Gestaltung der Schau im Novomatic Salon spiegeln Herbecks Themenwelt und seine poetischen Verfahren wider. In enger Zusammenarbeit zwischen Kuratorin Gisela Steinlechner und Ausstellungsgestalter Peter Karlhuber ist eine atmosphärisch dichte Präsentation entstanden. Sie verbindet Dokumentation und Installation und lässt den Besuchern viel Raum für eigene Assoziationen.

„Ich bin geboren am 4. Juni 1920 zu Stockerau und erlernte gar nichts. weil ich es nicht aushielt. Dann trat ich zur Firma Vogel ein. und erlernte die Maschinschreibkunst.“ Diesen Kürzestlebenslauf verfasste Ernst Herbeck 1975. Seit 30 Jahren lebte er damals schon als psychiatrischer Patient in der Niederösterreichischen Landeskrankenanstalt in Gugging bei Klosterneuburg.

Gedichte erst posthum veröffentlicht 

Herbeck wurde mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, weshalb er nur undeutlich und mit Mühe sprechen konnte, eine Beeinträchtigung, die auch durch mehrere Operationen nicht behoben werden konnte. Im alltäglichen Sprechen ist er nicht heimisch geworden, dennoch hat er ein einzigartiges poetisches Werk geschaffen, in dem er die Sprache als „Not-wendigkeit der Menschen“ gleichsam noch einmal erfand.
Poesie als wörtliches Wagnis und Provisorium

Bekannt wurde er ab 1966, zunächst in Veröffentlichungen Leo Navratils, unter dem Pseudonym „Alexander“. Einige seiner Gedichte wurden von Heinar Kipphardt für seine Kunstfigur „Alexander März“ übernommen, was zu einer Kontroverse zwischen Kipphardt und Navratil führte. Wolf Biermann hat drei „März-Gedichte“ vertont und gesungen und damit für weitere Verbreitung gesorgt. 2014 schuf der Komponist Karlheinz Essl junior die Klangperformance „Herbecks Versprechen“ auf Basis einer Tonaufnahme von Herbecks Stimme.

Unter eigenem Namen wurden Herbecks Gedichte erst posthum in zwei Sammlungen veröffentlicht („Im Herbst da reiht der Feenwind“, 1992, und „Der Hase!!!!“, 2013). Das titelgebende Gedicht des erstgenannten Bandes zählt so seinen bekanntesten: „Im Herbst da reiht der / Feenwind / da sich im Schnee die / Mähnen treffen / Amseln pfeifen heer / im Wind und fressen.“

Erstmals zu sehen: Herbecks Zeichnungen

Herbecks Poesie hat besonders unter Autoren und Kunstschaffenden viele Bewunderer und Fürsprecher gefunden, etwa W.G. Sebald, Gerhard Roth, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl oder André Heller. Kuratorin Steinlechner: „Es schreibt hier einer, dem es die Sprache gründlich verschlagen hat, der sich eine neue, andere Art des Sprechens buchstäblich und trickreich erfinden und erkämpfen musste. Nichts daran ist selbstverständlich, alles ein im Wörtlichen spielendes Wagnis oder Provisorium, doch wenn das Kunststück gelingt, wird selbst Unerhörtes für Augenblicke wie mit Händen greifbar.“

Gezeigt werden im museum gugging bisher ungesehene Autographen, Originaldokumente, Bilder, Tonaufnahmen, Filme und viele andere Fundstücke. Auch Ausschnitte aus Heinz Bütlers 1980 entstandenem, mittlerweile legendären Film „Zur Besserung der Person“ sind zu sehen.