Erstellt am 08. Juni 2016, 12:35

von Christoph Hornstein

Nicht ohne meinen Hund. Einer offensichtlich psychisch labilen Obdachlosen konnte durch Zimmervermieterin Aderyn und Ortsvorsteherin Pollauf geholfen werden. Behörden versagten.

Ortsvorsteherin Ingrid Pollauf und die Kritzendorfer Zimmervermieterin Eva Aderyn (v.l.) halfen einer psychisch labilen Obdachlosen über acht Monate lang und zerbrachen dabei an den Behörden.  |  NOEN, Hornstein

In der Früh, an einem Augusttag des Vorjahres, läutet bei Vermieterin Eva Aderyn das Telefon. Am Nachmittag stand sie dann mit ihrem Hund vor ihrer Tür in Kritzendorf. Die 40-jährige Frau schien verwirrt zu sein, erzählte, dass sie aus Deutschland käme und auf der Suche nach ihrer Großmutter sei. „Ich bin obdachlos und brauche eine Übernachtungsmöglichkeit“, sagte sie. Was nun folgt, dauert fast ein Jahr, und ist ein Paradebeispiel für Zivilcourage, Menschlichkeit und Kampf mit den Behörden.

Erfolglose Suche nach Wohnplatz

„Meine Zimmer waren beide belegt, und ich wusste nicht, was ich mit dieser Frau machen sollte. Daher rief ich Ortvorsteherin Ingrid Pollauf an.“ Die beiden Damen fanden eine Übergangslösung. Ein Zimmer im „Roten Hahn“ Höflein war frei.

Mit der Mindestsicherung könnte die 40-Jährige dieses Zimmer auch bezahlen. Bis März 2016 konnte sie bleiben. Diese Zeit nutzten Aderyn und Pollauf, um einen Platz für die offensichtlich psychisch angeschlagene Frau in Wien zu bekommen. „Das war chancenlos. Man bekommt in Wien nur betreutes Wohnen mit psychologischer Betreuung, wenn man vorher in psychischer Behandlung war und Medikamente nimmt. Auch ihr Hund war immer ein Problem. Das ist aber ihre einzige Bezugsperson. Ohne Hund wäre da gar nichts gegangen“, weiß die Ortsvorsteherin. Auch im Tullner Heim „Ikara“ blitzten die beiden ab. Der Grund: wieder ihr Hund. Sie hat aber immer gesagt: „Ohne Hund bring ich mich um.“

Pollauf und Aderyn fanden dann privat in Kritzendorf eine Wohnmöglichkeit, aber nur auf beschränkte Zeit. Fieberhaft wurde nach einer Langzeitlösung gesucht – und gefunden. Ein Heim in Grafenwörth würde Frau und Hund aufnehmen.

„Als wir sie abholen wollten, geriet die Frau in Panik und verbarrikadierte sich in ihrem Zimmer. Wir wussten uns nicht mehr anders zu helfen, als die Polizei zu holen“, so Aderyn.

In Panik verbarrikadiert

Sechs Polizisten des Polizeikommissariats Klosterneuburg schafften das schier Unmögliche: Sie verschafften sich das Vertrauen der Frau, überzeugten sie, die Reise nach Grafenwörth anzutreten, und halfen sogar beim Packen. „Die Polizisten haben mit größter Herzlichkeit und psychologischem Einfühlungsvermögen gehandelt. Ein großes Lob unserer Polizei“, ist Pollauf begeistert, spart aber auch nicht an Kritik: „Unser Sozialsystem hat hier komplett versagt. Für solche Fälle gibt es in Wien anscheinend keine Stelle und in Klosterneuburg nur
eine einzige Wohnmöglichkeit. Trotzdem war Klosterneuburg hilfreicher als Wien.“

Und Aderyn: „Keine der angeblich karitativen Organisationen hat helfen können. Das hätt ich mir aber erwartet. Vielleicht bin ich ein bisschen zu naiv.“

Warum die beiden so viel Eigeninitiative in die Sache gelegt haben? „Sie tat uns einfach leid. Wir wollten einfach nur helfen.“