Erstellt am 15. Juli 2016, 09:05

von Markus Nurschinger

Herbert Prohaska: „Island hat überrascht“. Für den Klosterneuburger Herbert Prohaska waren Island und Wales die größten Überraschungen der EM. Vom Abschneiden der Österreicher war er enttäuscht.

Der Kierlinger Herbert Prohaska war bei der Europameisterschaft in Frankreich für den ORF als Spezialist im Einsatz. Im NÖN-Interview berichtet er über die Tops und Flops, das Abschneiden der Österreicher und Portugal als Europameister. Foto: Privat  |  NOEN, Privat

Für den ORF war der Kierlinger Herbert Prohaska als Analyse-Spezialist bei der Europameisterschaft in Frankreich live mit dabei. Der österreichische Jahrhundertfußballer brachte gemeinsam mit Roman Mählich viel gute Laune in die Berichterstattungen. Die NÖN bat ihn nach seiner Rückkehr aus Frankreich zum Interview. Das frühe Ausscheiden der Österreicher, das Finalspiel und Tops und Flops aus der Sicht von Herbert Prohaska.

NÖN: Das erste Viertelfinale bestritten Portugal und Wales. Hat es Portugal aus Ihrer Sicht verdient gewonnen?

Herbert Prohaska: Das ist ganz einfach. Für Wales verlief diese EM ähnlich, wie für die Isländer. Das Erreichen des Halbfinales beim ersten Antreten, ist für sie wie der Gewinn des Titels. Das Spiel von Wales war in der ganzen EM von zwei Spielern getragen, Gareth Bale und Aaron Ramsey. Da Ramsey im Halbfinale gesperrt war, fehlte er den Walisern extrem. Daher hat meiner Meinung nach, Portugal verdient gewonnen.

Im zweiten Halbfinale konnten sich die Franzosen gegen Turnierfavorit Deutschland durchsetzen. War das für Sie eine Überraschung?

Prohaska: Die Deutschen mussten bereits vor dem Spiel vier Spieler vorgeben. Die Ausfälle von Gomez und Hummels haben mit Sicherheit sehr geschmerzt. Im Endeffekt hat die bessere Taktik das Spiel gewonnen, denn im Spiel waren die Deutschen eigentlich die bessere Mannschaft. Sie hatten auch sehr gute Torchancen, aber Hugo Lorris hat an diesem Tag sehr gut gehalten. Der Unterschied war, dass die Offensive der Franzosen getroffen hat, die Deutschen hatten auch viel Pech vor dem Tor. Kurios ist, dass Thomas Müller, der schon einmal WM-Torschützenkönig war und auch sonst einer der besten Stürmer Deutschlands ist, bei der EM keinen einzigen Treffer erzielt hat. Aber genau diese Unberechenbarkeit macht den Fußball aus.

Im Finale musste Superstar Christiano Ronaldo sehr früh verletzt ausgewechselt werden. Haben die Portugiesen dadurch noch mehr um den Titel gekämpft?

Prohaska: Das ist auf jeden Fall so. In der Pause haben sie sich mit Sicherheit noch mehr eingeschworen, um auch für Ronaldo den Titel zu holen. Das kann dann auch noch zusätzliche Kräfte freisetzen.

Hat Portugal verdient den Titel gewonnen?

Prohaska: Frankreich hat Turnierfavorit Deutschland ausgeschaltet. Daher hat vermutlich jeder, abgesehen von den Portugiesen selbst, auf Frankreich gesetzt. Die Franzosen hätten es sich auch mehr verdient gehabt, sie hatten die klareren Torchancen. Rui Patricio hat in diesem Finale aber überragend gehalten. Außerdem hatten die Franzosen vor dem Tor viel Pech. Ich denke da an den Kopfball von Antoine Griezmann, der nur knapp über die Latte ging. Normalerweise trifft er diesen Ball. Aber es bewahrheitet sich im Fußball immer wieder - wenn du vorne die Chancen nicht nutzt, dann bekommst du irgendwann hinten das Tor.

Was waren für Sie die positiven Überraschungen bei dieser Europameisterschaft?

Prohaska: Die größte Überraschung war mit Sicherheit Island. So ein kleines Land, das beim ersten Antreten bei einer Europameisterschaft gleich ins Viertelfinale kommt, ist für mich die Überraschung des Turniers gewesen. Aber auch die Waliser waren zum ersten Mal bei einer Euro und haben es sogar ins Halbfinale geschafft. Die beiden Teams sind für mich die positiven Überraschungen.

Von welchen Teams waren Sie besonders enttäuscht?

Prohaska: Von den Belgiern war ich schon sehr negativ überrascht. Sie sind als einer der Mitfavoriten auf den Titel in die EM gestartet, denn in der Offensive sind sie wahnsinnig gut aufgestellt. Was man aber wieder gesehen hat, man kann es sich nicht leisten einfach nur vorne stehen zu bleiben. Das ganze Team muss mitverteidigen. Das haben die Belgier einfach nicht gemacht. Auch von Spanien und Kroatien hätte ich bei dieser EM mehr erwartet.

Wie beurteilen Sie das Abschneiden der Österreicher bei der Europameisterschaft?

Prohaska: Unser Team hat mich schon enttäuscht. Wir haben in der Qualifikation sehr gut gespielt und unser Können bei der Euro einfach nur eine Halbzeit gegen Island gezeigt. Ich glaube aber nicht, dass zu viel Druck auf der Mannschaft war, denn es sind fast alles Legionäre, die jedes Wochenende vor mehr als 40.000 Zusehern spielen. Allerdings hatten wir nicht die Erfahrungswerte anderer Teams.

Nach der EM gab es angeblich Streitigkeiten innerhalb der Mannschaft. Was wissen Sie darüber?

Prohaska: Darüber weiß ich nichts. Ich finde aber, dass das Team viel zu abgeschottet war. Wenn der Koch nicht einmal verraten darf, was die Spieler im Hotel zu essen bekommen finde ich das schon überzogen.