Erstellt am 21. Mai 2016, 05:04

von Markus Glück

Kadenbach: „Die EU braucht Spielregeln“. Karin Kadenbach sitzt seit 2009 im EU-Parlament. Mit der NÖN spricht sie über TTIP, Erfolge und das Leben mit dem Terror.

Die Großmuglerin Karin Kadenbach setzt sich federführend für Gesundheits- und Konsumentenschutzthemen im EU-Parlament ein. Foto: privat  |  NOEN, privat
751 Abgeordnete umfasst das Europäische Parlament in Brüssel und Straßburg – eine von ihnen ist die Großmuglerin Karin Kadenbach. Seit 2009 sitzt die ehemalige Landesrätin und Gemeinderätin für die SPÖ im EU-Parlament und gestaltet so maßgeblich die Entwicklung der EU mit.

„Es reicht nicht,wenn man nur am
Wochenende zwei Stunden Zeit für
Gemeindearbeit hat.“
Karin Kadenbach,
EU-Parlamentarierin (SPÖ)


„Die Europäische Union hat sich in diesen Jahren sehr verändert“, resümiert Kadenbach, um in der Folge auch die Gründe zu nennen: „Zu Beginn gab es einen Umbruch, da der Vertrag von Lissabon in Kraft getreten war und dadurch das Parlament zusätzliche Aufgaben und ein eigenes Selbstbewusstsein erhalten hatte.“

Auch persönlich verändert man sich, wie Kadenbach zugibt: „Glaubt man zu Beginn noch, über alles Bescheid wissen zu müssen, konzentriert man sich jetzt lieber auf die Arbeit in Ausschüssen.“

Die Unterschiede zu ihren früheren Tätigkeiten als Gemeinde- oder Landesrätin sind gravierend. „In der Landesregierung ist man unmittelbarer am Bürger. Jetzt ist die Arbeit viel abstrakter“, so die Politikerin.

In der Landesregierung spricht man zudem Themen an, die aktuell anstehen. „Auf europäischer Ebene besprechen wir jetzt Themen, die im besten Fall in zwei Jahren schlagend werden. Das bedeutet aber auch, wenn wir jetzt in Brüssel das Abfallwirtschaftsgesetz besprechen, kommt es bei den Leuten erst dann an, wenn sie ein anderes Müllsystem bekommen.“

Bei TTIP glaubt sie nicht an einen Abschluss

Das Gefühl, dass der Gemeinderat in Großmugl mehr entscheidet als das Europäische Parlament, täuscht aber, wie Kadenbach erklärt. „In Umweltfragen kommen etwa 80 Prozent der Vorlagen aus dem Europäischen Parlament“, informiert die Abgeordnete über die EU-Kompetenzen. Als EU-Parlamentarierin kann man aber auch Dinge verändern.

So war Kadenbach maßgeblich an der Lebensmittelkennzeichnungs-Verordnung beteiligt. „Jetzt bekommt der Konsument die Chance, eine informierte Wahl anhand der Verpackung zu treffen“, spricht sie von einem großen Schritt.

Auch an dem „Health Claim“, bei dem Produkte nur dann mit Gesundheitsanspruch gekennzeichnet werden dürfen, wenn dies durch Studien belegt werden kann, war sie beteiligt: „Gerade Eltern neigen bei ihren Kindern dazu, Produkte zu kaufen, die etwa Intelligenz fördern. Bei Tests hat sich aber gezeigt, dass vieles davon nicht stimmt. Von 50.000 Produkten sind 90 Prozent weggefallen.“

Beim Thema TTIP glaubt die Großmuglerin nicht daran, dass es noch zu einem Abschluss kommen wird: „Zudem sind beide Präsidentschaftskandidaten dagegen.“

Innerhalb der EU wünscht sie sich aber mehr Zusammenhalt. „In einem gemeinsamen Markt kann einer nicht nach den Fußball- und der andere nach Handball-Regeln spielen“, braucht es laut Kadenbach mehr Sank-
tionsmöglichkeiten.

Tägliches Militärpräsenz macht Gefahr deutlich

Nach den Terroranschlägen am 22. März hat sich für die Politikerin auch das private Leben in Brüssel verändert. „Die ständige Präsenz von Militär macht einem die Gefahr täglich bewusst“, schildert Kadenbach. Dabei spricht sie aus persönlicher Erfahrung: Wie von der NÖN berichtet, entkam ihr Sohn nur knapp den Anschlägen bei der U-Bahnstation Maelbeek.

„Als ich das erste Mal am Flughafen und der Station vorbeigegangen bin, war ich tief betroffen. Wir dürfen aber nicht vergessen, wie viele tagtäglich im Mittelmeer ertrinken. Nur weil etwas in unserer Nähe ist, darf das nicht mehr wert sein als anderes“, so Kadenbach.

Beim Blick in die Heimat schmerzt die SP-Politikerin, dass ihre Partei in Großmugl nicht mehr im Gemeinderat vertreten ist. „Wir brauchen Leute, die in das tägliche Leben integriert sind. Es reicht nicht, wenn man nur am Wochenende Zeit für Gemeindearbeit hat“, setzt sie sich für eine breite SP-Basis ein, die auch im Ort verwurzelt ist.