Erstellt am 21. März 2017, 18:29

von APA Red

Landesgericht Korneuburg: Stiefbruder erschossen. Im Landesgericht Korneuburg ist am Dienstag der Mordprozess gegen den Wiener Banker fortgesetzt worden, der am 18. September 2015 in Wien-Währing seinem um zwei Jahre jüngeren Stiefbruder Eric J. einen tödlichen Kopfschuss beigebracht hat. Der Angeklagte verantwortet sich mit fahrlässiger Tötung und macht einen tragischen Schießunfall geltend.

Als mögliches Motiv gilt Eifersucht  |  APA

Als mögliches Motiv gilt Eifersucht. Der Angeklagte könnte vermutet haben, dass seine Ex-Frau, in die er nach wie vor verliebt ist, ein Verhältnis mit seinem Stiefbruder hatte. Eric J. soll der Frau - einer bei der Wiener Anklagebehörde tätigen Staatsanwältin - zumindest eine schlüpfrige Textnachricht auf ihr iPhone zukommen haben lassen. Ein EDV-Sachverständiger nahm nun zur Frage Stellung, ob der Angeklagte Gelegenheit gehabt hätte, diese Nachricht auf seinem iPhone mitzulesen.

Obwohl sie getrennt waren, nutzten der Banker und die Staatsanwältin dieselbe Apple-ID. Sie hatten damit Zugriff auf iTunes und konnten auf ihren Geräten Musik hören. Allerdings wurden auch Anrufe zwischen den Geräten synchronisiert. Auf die Frage, ob der Angeklagte darüber hinaus Gelegenheit gehabt hätte, bei der Staatsanwältin eingehende iMessages oder SMS mitzulesen, meinte der Gutachter: "Ich würde davon ausgehen, dass er es konnte. Auch mit dem beschränkten Wissen eines Endnutzers."

Ob der Angeklagte das tatsächlich getan hatte - er bestreitet das - , konnte der Sachverständige nicht klären. Fest steht, dass es dem Banker im Tatzeitraum rein theoretisch sogar möglich gewesen wäre, über die iCloud Fotos am Smartphone seiner Ex anzusehen oder ihre Location zu tracken. Apple hat mittlerweile die Standard-Einstellungen geändert, so dass diese Funktion iPhone-Besitzern nicht mehr ohne weiteres zur Verfügung steht, wie der Gutachter mit der Bemerkung "Apple tut sich schwer, Fehler zuzugeben" erklärte.

Gutachen von Ballistiker und Chemiker

Mit dem Ballistiker Ingo Wieser und dem Chemiker Reinhard Binder haben im Mordprozess gegen den Wiener Banker zwei weitere Sachverständige ihre Gutachten abgegeben. Sie stellten fest, dass der tödliche Schuss aus einer Entfernung zwischen 50 und 70 Zentimeter abgegeben wurde.

Der Chemiker hielt es anhand der Schmauchspuren für wahrscheinlicher, dass der Schütze dabei vor und nicht hinter der Küchentheke positioniert war. Der Angeklagte hatte sich auch dahin gehend verantwortet - er behauptet, er wäre auf einem Barhocker direkt seinem Stiefbruder Eric J. gegenüber gesessen. Die Blutspuren-Analytikerin Silke Brodbeck kam dagegen in ihrer schriftlichen Expertise zum Schluss, dass sich der Angeklagte bei der Schussabgabe auf der gegenüber liegenden Seite der Kücheninsel befunden haben muss und seine Angaben nicht stimmen können.

Beschmauchungsspuren fanden sich vor allem im Bauchbereich des T-Shirts des Schützen. Wie der Schießsachverständige Wieser erläuterte, wäre bei der Spurenlage grundsätzlich eine Distanz von 135 Zentimeter zum Opfer möglich gewesen. Von der Lage der Patronenhülse, die auf dem Sideboard rechts von der Küchentheke sichergestellt wurde, sei ein Schluss auf den Ort der Schussabgabe "nicht möglich", betonte Wieser. Brodbeck hatte in ihrer Expertise auch aufgrund der Lage der Hülse die vom Banker behauptete Unfall-Version angezweifelt.

Die Verhandlung wurde am Nachmittag bis 15.20 Uhr unterbrochen. Danach sollten Brodbeck und der Gerichtsmediziner Christian Reiter ihre Gutachten darlegen. Die Verhandlung soll plangemäß morgen, Mittwoch, mit den Schlussvorträgen von Staatsanwältin Gudrun Bischof und Verteidiger Rudolf Mayer fortgesetzt und der anschließenden Beratung der Geschworenen über Schuld und Strafe des Bankers zu Ende gehen.

Zweifel an Tathergang

Die Blutspuren-Analytikerin Silke Brodbeck hat am zweiten Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Banker, der seinen Stiefbruder erschossen hat, den von diesem geschilderten Tathergang angezweifelt. Die Blutspuren am Hemd des Getöteten, dessen Körper- und Kopfposition, die Blutspuren am Tisch und der Schusskanal würden gegen die Angaben des Angeklagten sprechen, so die Gutachterin.

Widerlegen konnte Brodbeck am Dienstag im Landesgericht Korneuburg die Darstellung des Angeklagten aber nicht. Sie operierte mit Hypothesen und Wahrscheinlichkeiten, wobei sie ihre Hypothese, derzufolge sich der Angeklagte bei der Schussabgabe an einer anderen als der von ihm beschriebenen Stelle befunden haben muss, für "eher wahrscheinlich" hielt. Explizit ausschließen konnte sie die vom Banker behauptete Sitzposition aber nicht.

Der Wiener Banker behauptet, der Schuss, der Eric J. (42) das Leben kostete, hätte sich unabsichtlich gelöst, als er diesem seine Glock-Pistole zeigte. Der Angeklagte spricht von einem Schießunfall, wobei der 45-Jährige seinem Stiefbruder am 18. September 2015 in seiner Wohnung in Wien-Währing in der Küchenzeile gegenüber gesessen sein will. Die beiden Barhocker, auf denen die Männer saßen, sollen sich direkt zugewandt gewesen sein.

Brodbeck geht - ausgehend von Tatortfotos mit der Leiche - demgegenüber davon aus, dass sich Eric J. zum Zeitpunkt der Schussabgabe etwas links zum Küchentisch, in seiner Nähe befindlichen Laptop ausgerichtet hatte. Sie ist überzeugt, dass sich der Laptop in aufgeklapptem Zustand vor dem Getöteten und nicht - wie vom Angeklagten angegeben - hinter dem 45-Jährigen befunden haben muss. Dafür würden einzelne Blutspritzer am Laptop sprechen.

Dass das weiße Hemd, das der Getötete trug, rechts oben und kopfnahe überhaupt kein Beblutung und dass der Küchentisch trichterförmige Blutspuren aufwies, interpretierte Brodbeck dahin gehend, dass der Schütze "eher nicht" vor dem Küchentresen dem Stiefbruder gegenüber gesessen sein dürfte. Gegen eine Position seitlich oder hinter dem Tresen sprechen allerdings beidseitig gleichmäßige Schmauchspuren an der Jogginghose, die der Angeklagte trug. Diese waren an den Oberschenkeln nachzuweisen und nahmen kniewärts ab.

Die Verhandlung wird am Mittwoch um 8.30 Uhr fortgesetzt.

Gerichtmediziner korrigiert Blutspurenmuster-Analytikerin

Gerichtsmediziner Christian Reiter hat am Dienstagabend im Mordprozess gegen den Wiener Banker, der seinen Stiefbruder erschossen hat, die Blutspurenmuster-Analytikerin Silke Brodbeck korrigiert. Die Hauptblutungsquelle war demnach das linke Ohr und nicht - wie von Brodbeck dargelegt - das linke Auge. Für Reiter war der Schusskanal mit der Darstellung des Angeklagten in Einklang zu bringen.

Das Projektil hatte Eric J. knapp oberhalb der linken Augenbraue getroffen. Laut Reiter handelte es sich um einen "Nahschuss, ein paar Lauflängen entfernt". Zunächst wurde das Auge aus der Augenhöhle "herausgeschleudert und ist geplatzt", sagte Reiter. Starke Blutungen bewirkte das dem Gerichtsmediziner zufolge zunächst aber nicht: "Es wurde nur die Augapfelarterie beschädigt."

Das Projektil drang in weiterer Folge bis zum Felsenbein vor, wo das Mittelohr liegt. Dort befindet sich eine der dicksten Venen, die für den Hauptabfluss des Gehirns zuständig ist. Das Projektil legte das Mittelohr frei, das Trommelfell riss, eine großflächige Blutung setzte ein. "Schwallartig, es ist nicht gespritzt", führte Reiter aus, wobei den Geschworenen zur Illustration seiner Ausführungen die Tatortmappe mit Bildern der Leiche überreicht wurde.

Eine Laienrichterin war damit überfordert. Ihr wurde übel, die Verhandlung musste kurz unterbrochen werden. "Tut mir leid, das war nicht meine Absicht", entschuldigte sich Reiter bei der Laienrichterin, die sich rasch erholte.

Der Angeklagte hatte in seiner Einvernahme geschildert, er sei seinem Stiefbruder unmittelbar gegenüber gesessen, habe vermutlich ein Bein über das andere geschlagen und die Pistole auf dem Knie abgelegt. Dann habe sich unabsichtlich der Schuss gelöst. Der festgestellte Schusskanal sei mit dieser beschriebenen Haltung "in Deckung zu bringen", betonte Reiter. Er ging davon aus, dass der Getötete fast parallel zur Küchenfront saß, den Kopf leicht nach rechts Richtung Brust geneigt bzw. gesenkt hatte und dann links wegsackte. Brodbeck hatte demgegenüber zuvor erläutert, der Getötete wäre wahrscheinlich links Richtung Küchentisch ausgerichtet gewesen.

Auf diesen Widerspruch angesprochen, meinte Reiter, bezogen auf Brodbecks Hypothese: "Dann hätte ich Blutverunreinigungen auf der Schulter links erwartet. Und die liegen nicht vor." Die Verhandlung soll morgen, Mittwoch, abgeschlossen werden. Es wird um 10.00 Uhr mit einer Zusammenfassung der Verfahrensergebnisse fortgesetzt. Danach folgen bereits die Schlussplädoyers.