Erstellt am 06. Juli 2017, 05:00

von Veronika Löwenstein

„Unter neuem Gesetz leiden die Tiere“. Private Vereine dürfen nicht mehr vermitteln und laufen gegen Gesetzesänderung Sturm. Die NÖN hörte sich im Bezirk um.

Birgit Prohaska mit ihren eigenen drei Hunden. Ihr Verein „Welpennesterl“ hat Teile seine Arbeit vorerst eingestellt.  |  privat

Die privaten Tierschutzvereine im Bezirk sind in heller Aufruhr: Sie dürfen zwar Tiere retten und sie pflegen, die öffentliche Suche nach einem guten Plätzchen verbietet aber das neue Tierschutzgesetz, das mit 1. Juli in Kraft getreten ist. Das Anbieten von Tieren ist nur noch Vereinen vorbehalten, die ein Tierheim betreiben.

"Zur Handlungsunfähigkeit gezwungen"

Birgit Prohaska, die seit 2014 in Korneuburg den Verein „Welpennesterl“ führt, hat bereits Konsequenzen gezogen und beendet vorerst einen Teil ihrer Tätigkeit. Das neue Gesetz lässt ihre keine andere Wahl. „Wir werden auch in Notfällen zur Handlungsunfähigkeit gezwungen, da wir uns strafbar machen, wenn wir die Tiere inserieren“, bedauert sie.

3.500 Euro Strafe drohen

Sie darf gerettete Tiere weder im Internet anbieten noch über einen Aushang Interessenten suchen. Lediglich Mundpropaganda ist noch erlaubt. 3.500 Euro Strafe drohen ihr, wenn sie gegen das Gesetz verstößt. Prohaska ist empört, weil die ursprüngliche Intention des Gesetzgebers die Falschen treffe: „Man wollte den Auslandstierhandel stoppen und hat uns da hinein bugsiert.“ Sie müsste viel Geld in die Hand nehmen, Kurse besuchen, eine Betriebsstätte gründen und strenge räumliche Auflagen erfüllen, wollte sie weiter privat Tiere vermitteln.

200 Hunde hat Prohaska in den letzten drei Jahren an gute Plätze vergeben, schätzt sie. Auch von überfüllten Tierheimen hat sie immer wieder Vierbeiner übernommen. Was jetzt mit den Tieren passiert, stünde in den Sternen, „es werden sicher mehr und mehr ausgesetzt“, ärgert sich die Tierschützerin. Als letzte Konsequenz könnten Tötungsstationen wie in den osteuropäischen Ländern entstehen, fürchtet sie.

"Aufforderung zum Aussetzen"

Elisabeth Kern von der Tierhilfe Gerasdorf betreut derzeit 60 Katzen.Vermitteln darf sie diese nicht mehr.  |  privat

Dass über kurz oder lang eine Population an Streunerhunden und -katzen in Österreich entsteht, glaubt auch Elisabeth Kern von der Tierhilfe Gerasdorf. Seit 30 Jahren arbeitet sie schon im Tierschutz und vermittelt Katzen, 60 Samtpfoten leben derzeit bei ihr daheim. „Das neue Tierschutzgesetz ist eine Aufforderung zum Aussetzen“, führt sie vor Augen, „wer sein Tier schnell loswerden will, setzt es aus“, so ihre große Befürchtung. Ihr bleibt derzeit nur noch die Mundpropaganda, um einzelne Tiere zu vermitteln.

„Dabei habe ich über Facebook wirkliche Top-Plätze gefunden“, trauert sie dem alten Gesetz nach. „Unter dem neuen leiden letztlich nur die Tiere“, ist Kern überzeugt. Den ersten Kurs, um künftig privat vermitteln zu dürfen, hat sie übrigens schon hinter sich: „Ich habe alles über Fische gelernt“, schüttelt sie den Kopf.

„Eine Katastrophe“, reagiert auch Harald Nikodemus vom Tierschutzbund Austria in Stockerau bestürzt auf das neue Gesetz. Seit 2016 hilft der Verein Straßenhunden in Bosnien. Zehn bis 15 Hunde hat der kleine Tierschutzverein seit der Gründung in liebevolle Hände vermittelt. Wie man jetzt weiter verfährt, wisse man noch nicht.

"Bauen Gnadenhof in Sarajevo"

Derzeit konzentriert sich der Verein auf die Hilfe vor Ort. „Wir kaufen in Sarajevo ein Grundstück und bauen einen Gnadenhof“, kündigt Nikodemus an. Bis zu 150 Hunde und Katzen sollen hier eine sichere Unterkunft finden. „Wir können keine Tiere mehr herbringen, um sie zu vermitteln“, sind ihm durch das neue Tierschutzgesetz die Hände gebunden.

Wie viele andere Tierschützer ist auch er überzeugt, dass dieses Gesetz nicht halten wird. Österreichweit haben sich private Vereine bereits zusammengeschlossen, um gemeinsam zu protestieren. „Der Schuss geht nach hinten los. Es werden wieder mehr Tiere ausgesetzt und die Tierheime überfüllt“, ist Nikodemus sicher.

Tierhandel wird unterbunden

Otto Vogl-Proschinger, Präsident des Weinviertler Tierheims Dechanthof in Mistelbach, will die Auswirkungen einmal abwarten. Grundsätzlich ortet er in dem neuen Gesetz aber auch eine Verbesserung im Tierschutz, weil der Tierhandel auf diversen Internet-Plattformen unterbunden werde.

Zu Einschläferungen aufgrund von Platznot werde es jedenfalls nicht kommen, verspricht der Dechanthof in einer Stellungnahme. Sorgen macht man sich hier vor allem um die Streunerkatzen: „Sicher ist, dass durch das derzeitig gültige Tierschutzgesetz die Arbeit von Katzenvereinen, welche jahrelang Streunerkatzenkolonien kastriert haben, zunichte gemacht wird.“