Erstellt am 17. November 2015, 15:43

von Petra Vock

Film über den „Fall Krems“. Der Spielfilm „Einer von uns“, der auf der Erschießung des 14-jährigen Florian P. im Merkur-Markt in Krems-Lerchenfeld beruht, hat am 19. November im Kremser Kesselhaus-Kino Niederösterreich-Premiere. Die NÖN befragte Regisseur Stephan Richter über sein Motiv, den „Fall Krems“ zu verfilmen.

Einer von uns  |  NOEN, Filmladen Filmverleih

NÖN: Ihr Film „Einer von uns“ beruht auf einem tragischen wahren Fall, der sich in Krems-Lerchenfeld zugetragen hat. Was war Ihr Motiv, diesen Fall zu verfilmen?
Stephan Richter: Der gesellschaftliche und mediale Umgang mit dem Fall hat mich damals sehr betroffen gemacht. Manche Menschen haben sehr schnell und hart über die Jugendlichen geurteilt, und die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht, sagt meiner Ansicht nach sehr viel über deren Zustand aus. Darüber hinaus hat sich das traurige Bild eines toten Jungen in der bunten Warenwelt eines Supermarkts in meinem Kopf festgesetzt. Ich musste immer wieder daran denken und bin dem intuitiv gefolgt. Zwei Jahre später, im Jahre 2011, habe ich dann begonnen an dem Drehbuch zu arbeiten.

x  |  NOEN, Lili Schagerl

Wie wichtig war es Ihnen dabei, den Fakten treu zu bleiben? Wie intensiv waren Ihre Recherchen vor Ort? Haben Sie mit betroffenen Personen gesprochen?
In erster Linie ging es mir darum, einen Zeitgeist einzufangen, denn die Geschichte hätte sich genauso gut in einer anderen österreichischen Vorstadt zutragen können. Ich war natürlich mehrmals in Lerchenfeld oder Krems und habe dort viel Zeit verbracht, vor allem rund um den Supermarkt. Ich habe kleine Geschichten gesammelt und mit Jugendlichen oder Sozialarbeitern geredet. Später habe ich auch Prozessbeobachter oder Polizeiexperten zu dem Fall befragt und Florians Familie kontaktiert. Bei der Aufstellung der Figuren habe ich mich ebenfalls an dem Vorfall in Lerchenfeld orientiert, die Charaktere dann aber mit den Darstellern frei entwickelt. So bleibt der Film letztendlich eine fiktive Interpretation. Sie werden im Film exemplarische Geschichten finden, die von der Realität inspiriert sind, aber keinen faktischen Wahrheitsanspruch haben. Aber die Bewohner aus Lerchenfeld können trotzdem viele Anspielungen, kleine Anekdoten und hoffentlich ein gewisses Lebensgefühl vorfinden. Zum Beispiel habe ich das „Only god can judge me“-Graffiti im Film so in der Nähe des Supermarkts gefunden, wo im Sommer Teenager sitzen und Shisha rauchen. Auch Jugendslang-Worte wie „Smerk“, die Christopher Schärf als „Vickerl“ gern verwendet, habe ich hier aufgeschnappt. 
 
Der Film wurde nicht in Krems, sondern in Wels gedreht. Haben Sie versucht, in Krems eine Drehgenehmigung zu bekommen, oder haben Sie sich bewusst für einen anderen Drehort entschieden, und wenn ja, warum?
Es war essentiell für den Film, einen Supermarkt zu finden, der bereit ist mit uns zu kooperieren. Das war sehr schwierig. Die großen Konzerne haben uns alle abgesagt. Erst in Wels wurden wir fündig. Auch hier haben wir Jugendliche gefunden, die die großen Betonflächen als Treffpunkt benutzen. Letztendlich war es auch gut für den Prozess, dass wir ein wenig Abstand zu den Ereignissen hatten und so eine eigene glaubhafte Version der Geschichte erarbeiten konnten. Ich glaube, ein Dreh in Lerchenfeld hätte wirklich viele alte Wunden wieder aufgerissen. Das wollten wir bewusst vermeiden.

x  |  NOEN, Filmladen Filmverleih

Sie haben in einem Interview gesagt, Ihr Film könne nur eine Interpretation sein, da im Fall zu viel im Dunklen geblieben ist. Hat die Einsicht in die Prozessunterlagen Ihnen weitergeholfen? Auf welche Fragen gibt es letztlich keine endgültige Antwort?
Der Prozess hat zwar einige Fragen geklärt, andere aber offen gelassen. Die Aussagen haben sich teilweise widersprochen oder wurden von Gutachtern widerlegt. Ich habe mich in Bezug auf die Tatnacht zwar an den Fakten orientiert, musste aber letztendlich auch die Interpretation wagen, weil viel im Dunkeln geblieben ist. Das gilt vor allem in Bezug auf die Motive der einzelnen Beteiligten und die Frage, warum die Situation so schnell und so heftig eskaliert ist. Wenn man alles bildlich darstellen muss, ist plötzlich jedes Detail relevant. Man arbeitet da als Regisseur fast wie ein Detektiv. Für mich war es dabei aber nicht wichtig, einen Schuldigen zu finden, sondern die Geschehnisse so einzufangen, dass wir alle Charaktere und deren Beweggründe gleichermaßen ernst nehmen und glaubhaft zeichnen.
 
Der Supermarkt nimmt im Film eine zentrale Rolle ein. Er wirkt wie eine abgeschlossene Konsumwelt, zu der Jugendlichen teilweise der Zutritt verwehrt ist. Inwiefern sehen Sie darin ein Sinnbild für unsere Gesellschaft?
Schauen Sie, was sich in Europa abspielt. Wir leben in einem Geld- und Warensystem, das langsam kollabiert. Vor allem die junge Generation bekommt das am härtesten zu spüren. Trotzdem versuchen wir alle aus Angst vor der Veränderung die schöne bunte Fassade aufrechtzuerhalten und übersehen dabei, dass viele Menschen keinen Platz mehr in diesem System finden. Der Supermarkt ist eine Metapher für dieses Problem, und die Charaktere im Film leben in vielerlei Hinsicht aneinander vorbei. Konkreter gesprochen: Schauen Sie sich an, wie viel Platz Supermärkte und Einkaufszentren in der vorstädtischen Landschaft einnehmen. und vergleichen Sie das mal mit dem kleinen Jugendzentrum in Lerchenfeld. Da stimmen die Verhältnisse nicht mehr.
 
Um Schuldzuweisungen an Individuen geht es Ihnen nicht, wenn ich Sie richtig verstehe. Worum geht es Ihnen? Was für eine Wirkung würden Sie sich wünschen?
Derzeit lese ich in Online-Foren zum Film Kommentare wie „Der Junge war KEINER VON UNS“. Das schlägt in dieselbe Kerbe wie „Wer alt genug ist zum Einbrechen, ist auch alt genug zum Sterben“. So kann man mit diesem Vorfall nicht umgehen. Das ist respektlos dem toten Jungen und der Familie gegenüber. Da ist ein junger Teenager erschossen worden und wir alle sollten ein Interesse daran haben, dass so etwas nicht wieder passiert. Darüber hinaus hoffe ich, dass die Menschen im Film ein Stück österreichischer Lebensrealität wiederfinden und weniger streng über alle Beteiligten urteilen. Persönlich würde ich mir auch ganz konkret wünschen, dass der Film in der Polizei-und Jugendarbeit Verwendung findet und den Dialog zwischen den beiden Gruppen anregt.


Niederösterreich-Premiere

„Einer von uns“ hat am 19. November im Kesselhaus-Kino in Anwesenheit von Regisseur Stephan Richter Niederösterreich-Premiere und wird dort bis 29. November gezeigt. Infos & Karten: www.kinoimkesselhaus.at , 02732/90 80 00.