Erstellt am 23. März 2016, 04:14

von NÖN Redaktion

Krems: Bombentreffer zu Ostern. Das Meister-Wirtshaus wird demächst abgerissen, das Nebenhaus in der Austraße wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges durch eine Bombe zerstört.

Familien-Foto im Waldschlössl im Scheibenhof: Karl Vogt und Anna Tressler (außen), Stefanie Sebor mit Söhnen Kurt und Heinz.  |  NOEN, Foto: privat

Wenn in nächster Zeit das Meister Wirtshaus in der Austraße dem Erdboden gleich gemacht wird, verliert Krems nicht nur ein Stück seiner uralten Gasthaus-Kultur, sondern es wird auch ein Haus geschleift, das am dunkelsten Tag der Stadtgeschichte Ausgangspunkt einer unermesslichen Tragödie wurde. Es geht um den Ostermontag des Jahres 1945, als das Bahnhofsviertel von amerikanischen Luftstreitkräften bombardiert wurde.

Heinz Sebor, jetzt in Egelsee wohnhaft, war damals 6 Jahre alt und schilderte der NÖN seine Erinnerungen an diesen Tag:

„Meine Großmutter Anna Tressler und ihr Lebensgefährte Karl Vogt, der ,Karl-Onkel‘, lebten in den Vierziger-Jahren im langgezogenen Wohntrakt des Meister Wirtshauses in der Au straße. Zu Mittag am Oster-montags 1945 heulten wieder einmal die Bomben-Sirenen. Wir saßen wie die meisten Kremser beim ,Festtags-Essen‘ und wollten uns nach den vielen Fehlalarmen nicht stören lassen. Erst als die Luft von den anfliegenden Bombern erdröhnte, versuchten alle noch schnell den Luftschutz-Keller zu erreichen.“

In der Austraße füllte sich Meisters Keller mit den Hausbewohnern und Leuten aus der Umgebung. Nur der Karl-Onkel blieb in der Wohnung, um mit dem Ohr am Volksempfänger zu erkunden, welcher Ort das Ziel dieses Angriffs sein würde. Die 15. US-Luftflotte hatte an diesem Tag aber das Bahnhofs-viertel in Krems als Angriffsziel, um die Verbindungswege der Bahn zu zerstören.

„Leutln, da san ma nimma sicher, laufts in die Au!“

Schon beim ersten Angriff schlug eine Bombe in der Nachbar-Wohnung ein. Die Zwischenwand hielt dem Luftdruck wie durch ein Wunder stand. Den Karl-Onkel hat es „um die Erd ghaut“, er blieb aber unverletzt. Über die Haustrümmer und um den Bombentreffer lief er in den Luftschutzkeller. Wehrmachts-Soldaten, die im Meister-Garten eine Flak-Stellung betrieben, warfen offensichtlich die Nerven weg und riefen: „Leutln, da san ma nimma sicher, laufts in die Au!“

Und so lief die Schar über den damals endlos breiten und hohen Schutzdamm in die Au Richtung Donau. Die amerikanischen Bomber verfehlten mit ihrer zweiten Angriffs-Welle das Bahnhofsviertel und ein todbringender Bomben-Teppich verwandelte die Au in eine Krater-Landschaft. Durch die vielen Toten in der Au stieg die Zahl der Opfer in Krems auf über 100. Den „Karl-Onkel“ fanden die Hilfstrupps neben einem Bomben-Trichter äußerlich unverletzt, er blutete aus Nase und Ohren – der Luftdruck hatte ihm die Lunge zerfetzt.

„Meine Großmutter blieb verschollen. Nach zwei Wochen erzählte uns eine im Spital beschäftigte Nachbarin, dass eine nicht identifizierte Patientin so aussieht wie die Frau Tressler. Sie war es tatsächlich, war schwer verletzt und traumatisiert, lebte nach dem Kriegsende noch einige Jahre, ohne aber wieder körperlich und psychisch gesund werden zu können“, erzählt Sebor.

Für ihn und Generationen von Kremsern waren die von den Donau-Hochwässern glattgeschliffenen Bomben-Trichter in der Au später nicht nur Zeugen des tragischen Tages, sondern beliebte Mutprobe als „Steilwand-Artisten“ mit dem Fahrrad.