Krems

Erstellt am 26. April 2017, 05:10

von Petra Vock

Buch als Denkmal für toten Freund . Zum 100. Geburtstag von Alois Mahrer wurde dessen Buch „Bora“ neu veröffentlicht. Am Freitag wird die Neuauflage in Krems präsentiert.

Bei einer Lesung in Serbien:Gemeinderat Wolfgang Mahrer, sein Sohn Klaus Mahrer und seine Schwester Eva Richter-Mahrer.  |  privat

Erzählt hat Alois (Louis) Mahrer (1917–1977) seinen Kindern nie von seinen Erlebnissen in Serbien, aber er schrieb ein Buch darüber, das 1947 veröffentlicht wurde und das jetzt – 70 Jahre später und zu seinem 100. Geburtstag – in kommentierter Form neu herausgegeben wurde.

„Er konnte nicht darüber sprechen“, erinnert sich KLS-Gemeinderat Wolfgang Mahrer. Vom Widerstand des Vaters gegen das NS-Regime, der einem Freund das Leben kostete, erfuhren er und seine Schwester Eva als Jugendliche durch die heimliche Lektüre von „Bora“.

Buch über Widerstand von Chmiel und Mahrer

„Mit diesem Buch hat unser Vater seinem Kampfgefährten Gerhard Chmiel ein Denkmal gesetzt“, erklärt Wolfgang Mahrer. „Er hat im Buch seinen eigenen Namen geändert, denn der Name des Freundes sollte im Vordergrund stehen.“

„Bora“ handelt vom Widerstand der beiden Wehrmachtssoldaten Gerhard Chmiel und Louis Mahrer in Serbien. Da sie der Ermordung von Zivilisten in Kraljevo und Kragujevac nicht länger zusehen wollten, unterschlugen sie als Horchfunker empfangene Nachrichten der Partisanen, ermöglichten damit den Ausbruch tausender Verwundeter bei einer Kesselschlacht und warnten die Widerstandskämpfer, dass deren Funkcodes entschlüsselt wurden.

Aufgrund der darauffolgenden Änderung der Funkcodes kam es zum Kontrollverlust der Wehrmacht über den jugoslawischen Balkanraum und zum raschen Rückzug von Wehrmacht und SS – wodurch vielen Menschen auf beiden Seiten das Leben gerettet wurde.

Gerhard Chmiel wurde dafür wegen Hochverrates erschossen, konnte aber durch eine Falschaussage seinen Freund Mahrer vor der Hinrichtung bewahren.

Gäste aus Serbien sind am Freitag in Krems

Ein Versuch des Vaters, bei einer Jugoslawien-Reise im Jahr 1965 an die Orte des Geschehens zurückzukehren, schlug fehl, erzählt Wolfgang Mahrer: „Er hat es nicht geschafft.“

An seiner statt reisten nun seine Kinder und sein Enkel Klaus Mahrer an die Handlungsorte. Anlass waren Lesungen aus der – ebenfalls neuen – serbischen Übersetzung von „Bora“.

„Es war sensationell. Wir wurden empfangen wie Staatsgäste“, freut sich Wolfgang Mahrer über den großen Widerhall, den das Buch in Serbien fand.

Gäste aus Serbien – darunter die Übersetzerin – werden auch zur Präsentation der deutschen Neuauflage von „Bora“ am Freitag, 28. April, 19 Uhr, in der Galerie Kultur Mitte (Obere Landstraße 8) kommen.

Die Neuauflage beinhaltet einen umfangreichen Kommentar des Historikers Robert Streibel, in dem auch familiäre Zusammenhänge erklärt werden. Es wird auch ein begleitender Dokumentarfilm zum Buch von Gerhard Pazderka gezeigt und eine von Robert Streibel kuratierte Ausstellung zu diesem Thema eröffnet, die bis 12. Mai zu sehen ist (jeweils Montag bis Freitag, 9–14 Uhr).

Louis Mahrer wurde 1917 als Sohn des sozialdemokratischen Kremser Stadtrats Alois Mahrer geboren. 1943 heiratete er Therese Lutzer, die 1945-1950 als Stadträtin wesentliche Grundlagen für Krems als Schul- und Kulturstadt schuf. 1947 bis zu seinem Tod 1977 unterrichtete Louis Mahrer Deutsch und Französisch an der HTL in Krems.