Erstellt am 21. Mai 2016, 05:44

von Astrid Krizanic-Fallmann

Abmarsch aus dem Lager. In Gefangenschaft war Erwin Frieb aus Rohrbach im Ersten Weltkrieg. Seine Erlebnisse in Sibirien und in der Mandschurei schrieb er in einem Manuskript auf.

Handschriftlich notierte Erwin Frieb die Ereignisse, die er fern seiner Heimat erlebte.  |  NOEN, privat
Während des Ersten Weltkrieges war Erwin Frieb, der am 2. September 1880 geboren wurde und am 12. September 1959 verstorben ist, als Gefangener in Tschita, Sibirien, inhaftiert.

Am 16. August 1918 fuhr der Major mit dem Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes, Kapitän Astrand, und dem deutschen Kriegsgefangenen Jonas, mit Erlaubnis der Roten Armee, in die Mandschurei, um Lebensmittelspenden abzuholen. In Mandschuria (Manzhouli) angekommen, wurde ihnen mitgeteilt, dass die Ladung von General Grigori Michailowitsch Semjonof – einem Führer der Weißen im russischen Bürgerkrieg – requiriert worden war.

Als dieser mit japanischen Truppen die Stadt besetzte, trat das Trio zu Fuß, per Wagen und mit Extrazügen eine mit Hindernissen gepflasterte Rückkehr an.

Japanische Truppen zogen in die Baracken

„Im September 1918 saß ich also nach einem bewegten Halbjahr wieder im Lager Pjestrzanka. Mit einiger Besorgnis blickten wir in die Zukunft“, notierte Frieb in seinem Manuskript. Nach dem Umsturz war laut ihm das neue russische Regime „noch kopfloser als die Bolschewiks, aber auch gehässig und talentlos“. „Wir Plenny spürten dies an dem erlahmenden Verwaltungsapparat, am Ausbleiben unserer Gebühren und an der Resultatlosigkeit aller Bitten und Proteste.“

Die pekuniäre Not der kriegsgefangenen Offiziere stieg rapide. „Der Hunger brummte im leeren Magen, man machte Schulden, arbeitete beim Koreaner als Kartoffelgräber, oder als Krauttreter, nur um sich ein paar Rubel herauszuschinden. Die Interesselosigkeit unserer russischen Aufsichtsbehörde ließ uns auch befürchten, dass die Versorgung mit Heizmaterial im bevorstehenden Winter unzureichend sein werde.“

Die schwache Beaufsichtigung ausnützend, begannen die Kriegsgefangenen eiligst das erreichbare Holz zu fällen, und in wenigen Tagen hatte ein jeder einen mächtigen Holzstoß vor seinem Fenster aufgeschlichtet. Auch die Küchen bereiteten sich intensivst für den harten Winter vor. Keller sowie Ställe für Schweine und Hühner wurden gebaut. „Auf diese Art versuchten die erfinderischen Menagemeister der wirtschaftlichen Krise vorzubeugen“, schrieb er auf.

Gerüchte über Abtransport

Als diese Arbeiten im vollen Gang waren, schwirrten Gerüchte über einen Abtransport des Lagers herum. „Die ersten japanischen Truppentransporte waren schon durch Tschita gefahren. Bald darauf richteten sich die Japaner im Verpflegungsmagazin häuslich ein. Mächtige Verpflegsvorräte wurden dort eingelagert und wir wurden misstrauisch.“ Bald darauf kamen japanische Offiziere ins Lager, besichtigten die Baracken und Küchen.

„Jetzt schien die Sache schon gefährlich, und wir machten uns für alle Fälle marschbereit. Für den einzelnen Plenny bedeutete dies keine große Arbeit, welch schwerer Schlag war es aber für die alten Lagereinrichtungen, z. B. für Küchen, Post, Bibliothek und Kaufladen. Die rasche Liquidierung aller dieser durch drei Jahre in Betrieb gestandenen Unternehmungen war nur mit großen Verlusten möglich“, erinnerte sich Frieb.

„Dabei wussten wir nicht einmal annähernd, in welche Himmelsrichtung unsere Reise gehen sollte. Es war so recht das typische Plenny-Gefühl der Unsicherheit, von heute auf morgen um einige tausend Kilometer nach Ost oder West geschleudert zu werden.“

Waggons mehr überfüllt als bei Viehtransporten

Dann platzte die Bombe: Der Befehl langte ein, dass innerhalb von zwei Tagen abtransportiert werde.

„Es wurden aus dem ganzen Offiziers- und Mannschaftslager zwei Transporte gebildet und bald stand der erste zur Abfahrt ins Ungewisse auf der Station. Die wenigen Waggons waren derart überfüllt, dass jeder Viehhändler dagegen protestiert hätte, wenn es eben Vieh gewesen wäre. Aber es waren ja nur Plenny! Was da alles in eine solche Tepluschka hineingestopft wurde, ist nicht zu beschreiben. Der Kriegsgefangene trennt sich nur schwer von seiner geringen Habe, denn er weiß aus Erfahrung, dass er sich im zukünftigen Lager von Grund auf neu einrichten muss, und dass ihm keine Menschenseele auch nur ein Brett gibt. Daher ist es erklärlich, dass jeder Kriegsgefangene bestrebt war, seinen ganzen Tandelmarkt mitzunehmen.“