Hainfeld , Ramsau

Erstellt am 15. Oktober 2016, 07:57

von Gila Wohlmann

Astrid Lampl über „das besondere Zuhören“. Wenn Menschen wegen eines tragischen Ereignisses glauben, es geht nicht mehr, dann kommen die Helfer des Akutteams zum Einsatz. Astrid Lampl ist von Anfang an dabei.

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Seit mittlerweile 15 Jahren ist sie Mitglied beim Akutteam NÖ. Dafür wurde die Ramsauerin Astrid Lampl, die in Hainfeld eine psychologische Praxis betreibt, bei der Jubiläumsfeier des Akutteams NÖ geehrt. Im NÖN-Gespräch erzählt sie über die oft herausfordernde Arbeit beim Akutteam.

NÖN: 15 Jahre unermüdlich beim Akutteam neben hauptberuflicher Tätigkeit als klinische und Gesundheitspsychologin. Ist Hilfe für Menschen in Ausnahmesituationen für Sie eine Herzensangelegenheit?
Astrid Lampl: Ja, auf jeden Fall! Als ich vom Akutteam gehört habe, war es mir klar: Da möchte ich dabei sein. Der Bedarf war und ist bis heute ungebrochen da.

Welche Einsätze sind Ihnen in besonderer Erinnerung?
Gleich mein erster Einsatz. Ich musste mich um einen zwölfjährigen Burschen kümmern, dessen Mutter plötzlich verstorben war. So etwas kann man nicht vergessen. Ebenso die Tragik des Vorfalls mit dem Wilderer in Annaberg, wo ich ebenso zur Betreuung betroffener Personen hinzugezogen wurde, oder der unerwartete, krankheitsbedingte Tod einer Schülerin auf einem Skikurs. Natürlich erschüttern auch Naturkatastrophen wie das Hochwasser im Kamptal 2002, wenn man das Ausmaß der Zerstörung sieht und miterlebt, dass manche fast alles verloren haben.

Wird man da nicht emotional so mitgerissen, dass man selbst zu weinen beginnt?
Mein Motto ist „Mitfühlen, die Schwere des Ereignisses mittragen, aber nicht mitleiden“. Das macht die Professionalität als Psychologin aus. Natürlich gab es schon Vorfälle, wo ich Tränen in den Augen hatte, aber das zeigt ja auch wiederum ein Maß an Empathie.

Was unterscheidet das Akutteam NÖ vom Kriseninterventionsteam (KIT) des Roten Kreuzes?
In unserer Organisation agieren Fachkräfte wie Ärzte mit psychologischer Zusatzausbildung, Psychologen oder Psychotherapeuten. Wir sind rund 50 Leute im Team. Beim KIT agieren ehrenamtliche Laien. KIT wird im Zuge eines Rettungseinsatzes angefordert, wir können unabhängig davon alarmiert werden. Das Akutteam betreut bis zu sechs Stunden in der Zeit nach dem schweren Ereignis. Ein wesentlicher Unterschied ist auch, dass wir eine fachliche Einschätzung des psychischen Zustandes des Betroffenen vornehmen.

Gibt es auch Einsätze, wo man mitunter scheitert?
Es gibt sicherlich Einsätze, bei denen man weniger erfolgreich ist. Unsere Aufgabe ist es auch, Menschen über die psychischen Erst- und Folgereaktionen zu informieren. Und zumindest das empfindet fast jeder als hilfreich. Also nehmen die Betroffenen beinahe immer etwas mit. Schwierig kann es werden, wenn sich Menschen in einem extremen psychischen Ausnahmezustand befinden, alkoholisiert oder aggressiv sind. Unser Motto ist aber immer Deeskalation und mit Ruhe auf den Betroffenen zugehen. Zum Glück sind das Ausnahmefälle. Zumeist erfährt man große Dankbarkeit der Betroffenen.

Wer fordert das Akutteam überhaupt an?
Das ist unterschiedlich. Wir werden über 144 Notruf NÖ alarmiert. Das kann die Exekutive sein, wie nach einem schweren Verkehrsunfall oder zur Unterstützung beim Überbringen einer Todesmeldung für die betroffenen Angehörigen. Das kann die Rettung oder KIT sein, Ärzte, Bestatter oder Krankenhäuser. Wir können aber auch privat angefordert werden, wenn jemand selbst oder dessen Angehöriger mit einer Situation im Moment nicht mehr zurechtkommt. Sechs Stunden stehen uns zur Verfügung. Dann müssen wir auf weiterführende Expertenhilfe verweisen.

Was macht einen guten „Ersthelfer“ in Krisensituationen aus?
Ein guter Ersthelfer muss die Situation rasch einschätzen können, flexibel sein, Lösungen parat haben. Ein ruhiges, aber manchmal sehr bestimmendes Auftreten, Stabilität und Flexibilität sind gefragt. Auch eine besondere Form des Zuhörenkönnens und der Anteilnahme ist notwendig. Es bedarf aber nicht immer Worte. Manchmal reicht es, mit dem Betroffenen die Situation auszuhalten und ihm in diesen schweren Stunden tatkräftig beizustehen.