Erstellt am 13. April 2017, 05:47

Manuel Aichberger: „Gibt noch Luft nach oben“. Der frischgebackene Obmann des Tourismusverbandes Traisen-Gölsental über Quartierangebote, Stärken und Schwächen des Bezirkes.

NÖN

NÖN: Woran krankt es im Tourismus des Bezirkes?
Manuel Aichberger: Die Nächtigungszahlen im Verbandsgebiet haben sich in den letzten 25 Jahren leider mehr als halbiert. In dieser Zeit fand ein großer Strukturwandel im Tourismus statt. Gab es früher in der Region sehr viele Erholungsheime, Gewerkschaftshäuser oder sonstige öffentliche Einrichtungen, die für Gäste zur Verfügung standen, so ist dieses Segment mittlerweile fast gänzlich weggebrochen.
Auch im Bereich von Urlaub am Bauernhof und in der Privatzimmer-Vermietung kam es zu einem großen Umbruch und hat dies der Region damit nachhaltig Gästebetten genommen. Seit 2015 scheint jedoch die Talsohle durchschritten zu sein. Alleine in den letzten beiden Jahren konnten die Nächtigungen wieder um über 28.000 gesteigert werden. Der Strukturwandel ist aber noch nicht abgeschlossen und wird uns auch in den kommenden Jahren beschäftigen.

„Seit 2015 scheint jedoch die Talsohle durchschritten zu sein.“Manuel Aichberger zur eingesetzten Nächtigungssteigerung

Ihre Lösungsansätze dafür?
Vor allem in den alpinen Gemeinden des Verbandsgebietes spielt der Tourismus nach wie vor eine große Rolle. Mit den Initiativen rund um die Landesausstellung 2015 (Naturpark Ötscher-Tormäuer, JUFA Annaberg, Investitionen rund um die Gemeindealpe in Mitterbach etc.) konnte eine Aufbruchsstimmung entfacht werden, die es auch in den kommenden Jahren aufrecht zu erhalten gilt. Durch die Übernahme der Bergbahnen durch das Land Niederösterreich und die Initiative BIN (Bergerlebnis in Niederösterreich) fanden eine Professionalisierung des Angebotes und eine intensive Auseinandersetzung mit den gerade in unserer Region bevorstehenden Änderungen durch den Klimawandel statt.
Hier werden wir uns in Zukunft ebenfalls aktiv einbringen. Erfolgreiche Initiativen und Projekte, wie den Traisentalradweg oder die Via Sacra bzw. den Wr. Wallfahrerweg, gilt es weiter zu entwickeln und auszubauen. Sorgen bereiten uns Orte, in denen die Gastronomie bzw. Beherbergungsbetriebe abhanden kommen. In dem Bereich werden wir uns gemeinsam mit den Gemeinden bemühen müssen, neue Anbieter in die Region zu bekommen. Neben dem Nächtigungstourismus hat aber auch der Ausflugstourismus in unserer Region eine sehr große Bedeutung. Die Region rund um Traisen und Gölsen ist ein wunderbares Naherholungsgebiet für Gäste aus dem städtischen Bereich (St. Pölten, Wien), aber auch für die heimische Bevölkerung, die das umfangreiche freizeittouristische Angebot nutzt.

Welche Stärken orten Sie im heimischen Tourismus?
Die Begriffe Tourismus und ländlicher Raum sind eng miteinander verbunden. Der Natur- und Kulturraum außerhalb der Städte stellt für viele Urlaubs-, Kurzreise- und Tagesgäste eine Attraktion dar. Vor allem Gäste aus dem Großraum und dem Süden Wiens, aber im Herbst auch viele nebelgeplagte St. Pöltner, schätzen es, in nicht mehr als einer Autostunde rasch in unserem Erholungsgebiet des Alpenvorlandes zu sein. Die tollen Rad- und Wanderwege gerade auch auf den Hausberg Muckenkogel sind hier schon ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Da sich die Kundenbedürfnisse verändert haben, müssen Angebote im ländlichen Raum zukünftig qualitäts- und gästeorientiert entwickelt, inszeniert und vermarktet werden. Wichtig ist dabei auch die Rolle des Tourismus als Beitrag zur Regionalentwicklung und zur Stärkung der Regionalvermarktung. Mit dem Team der Mostviertel Tourismus GmbH haben wir zuverlässige und kompetente Partner und Betreuer an der Seite.

Weitere Ziele in Ihrer neuen Funktion?
Die gegenwärtigen Herausforderungen ländlicher Regionen, wie jene des Traisen- und Gölsentales (Stichwort Abwanderung und Bevölkerungsrückgang), können nur gemeinsam bestritten werden. In einem gemeinde- und parteiübergreifenden Miteinander auf Augenhöhe. Davon bin ich überzeugt. Mein Sinn für Zusammenhalt und Zusammenarbeit zum Wohle der Bevölkerung unserer Region habe ich schon als Initiator des seinerzeitigen Jugend-Heimbringer-Busses „N8Buzz“ gezeigt. Auch damals habe ich Bezirksgemeinden unterschiedlicher Größe und politischer Couleur in ein Projekt geholt und vereint. So will ich es auch in Zukunft anlegen, ich lade alle Gemeinden ein, gemeinsam den Tourismus unserer beiden Täler weiterzuentwickeln. Der Tourismus bietet einerseits die Möglichkeit, Arbeitsplätze zu schaffen, andererseits aber auch die Lebensqualität der Region entsprechend zu erhöhen. Eine weitere sehr wichtige Aufgabe im Verband ist es, die positive Tourismusgesinnung in den Gemeinden und in der Bevölkerung aufrecht zu erhalten.

Mit dem JUFA Annaberg und dem vor der Eröffnung stehenden neuen Hotel in Mitterbach ist der Bezirk in puncto Qualitätsquartiere jetzt ausreichend gut aufgestellt?
Auch die Experten sagen, dass es bezüglich Quartierangebot bei uns noch Luft nach oben gibt. In Lilienfeld etwa sehen wir das immer wieder beim Platzbedarf im Rahmen der Internationalen Sommerakademie. Fakt ist, wir haben das erkannt und nehmen uns dieses Themas an. Annaberg und Mitterbach wurden ja bereits positiv angesprochen. Dank unseres Ehrenbürgers Dr. Cornelius Grupp kann in Lilienfeld auch bald ein Qualitätsquartier mit 30 Betten im alten Glockenturmhaus in Marktl entstehen. Auch Privatinitiativen werden begrüßt und sind ausdrücklich erwünscht. Ein aktuelles Positivbeispiel dafür ist etwa der Zeidelhof von Richard Zehetbauer in Lilienfeld, der noch heuer ein paar Apartments eröffnen wird. Wir sollten in diesem Zusammenhang alle nach weiteren Möglichkeiten suchen und uns um Lösungen bemühen.