Erstellt am 17. Dezember 2015, 05:58

von Astrid Krizanic-Fallmann

Trio als „Gäste“ im Zug. Erwin Frieb aus Rohrbach war im Ersten Weltkrieg in der Kriegsgefangenschaft. Seine Erlebnisse in Sibirien und in der Mandschurei schrieb er in einem Manuskript auf.

Handschriftlich notierte Erwin Frieb die Begebenheiten.  |  NOEN, Foto: privat

Im Ersten Weltkrieg war Erwin Frieb, der am 2. September 1880 geboren wurde und am 12. September 1959 verstorben ist, als Gefangener in Tschita, Sibirien, inhaftiert.
Am 16. August 1918 fuhr der Major mit einem Passierschein der Roten Armee mit dem Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes, Kapitän Astrand, und dem deutschen Kriegsgefangenen Jonas in die Mandschurei, um Lebensmittelspenden abzuholen. In Mandschuria (Manzhouli) angekommen, erfuhren sie, dass die Ladung von General Grigori Michailowitsch Semjonof – einem Führer der Weißen im russischen Bürgerkrieg – requiriert worden war. Als dieser mit japanischen Truppen die Stadt besetzte, bekamen die drei eine Bewilligung zur Rückkehr über die Front.

Nach einem längeren Fußmarsch durch die Steppe hatten sie in einem Ort die Möglichkeit zur Weiterfahrt mit Pferden. Auf dem Weg nach Borsa traf das Trio auf Soldaten der Roten Armee. Diese fragten die „schwedski missia“ über ihren Feind Semjonof aus.

Freundlich bewirtete Gäste im Waggon 

„Wir kamen da etwas in Verlegenheit, denn wir durften doch absolut keiner von beiden kämpferischen Parteien Nachrichten von militärischem Wert geben“, notierte Frieb. „Es musste alles vermieden werden, was auch nur den Schein der Spionage erwecken könnte. Die sechs Reiter waren abgesessen, wir hatten ihnen gute Zigaretten gegeben, welche sie sofort gierig anrauchten. Wir wichen in unseren Antworten dem eigentlich gewünschten Thema geschickt aus und forderten schließlich, zu den nahen Vorposten der Bolschewiks geleitet zu werden.“ Zwei Reiter erhielten vom Patrouillenkommandant den Befehl, sie der ersten Feldwache an der Eisenbahn zu übergeben.

„Wir verabschiedeten uns ganz herzlich von diesen Landsknechten und fuhren weiter. Vor uns ritten die zwei Kosaken, deren dunkle Konturen sich vom Himmel phantastisch abhoben.“ Nach ungefähr einer halben Stunde stießen sie auf eine Feldwache. „Man führte uns nach kurzer Beratung weiter zu einem russischen Bolschewik-Offizier, welcher in einem nahen Bahnwächterhaus saß und am Apparat eifrig telefonierte. Er war über unser Erscheinen sehr erstaunt und wusste absolut nicht, was er mit uns anfangen sollte. Wir rieten ihm, er möge uns doch ganz einfach zum Stab senden, dort wird man uns schon weiterbehandeln. Er war sichtlich froh, uns loszubekommen und bestellte sofort aus Borsa eine Lokomotive und einen Waggon.“

Anfangs glich die Lage der Männer eher den von Verhafteten, erinnerte sich Frieb. „Später lockerte sich jedoch dieser merkwürdige Zustand und schließlich fuhren wir als freundlich bewirtete Gäste im Waggon der Intendanz nach Borsa, wo unsere Ankunft schon avisiert war.“ Gegen ein Uhr in der Früh erreichten sie die Station, nachdem die Front der Roten Armee in der Finsternis passiert worden war.