Erstellt am 17. April 2016, 14:04

von Astrid Krizanic-Fallmann

Rückkehr nach Tschita. In Gefangenschaft war Erwin Frieb aus Rohrbach im Ersten Weltkrieg. Seine Erlebnisse in Sibirien und in der Mandschurei schrieb er in einem Manuskript auf.

Handschriftlich notierte Erwin Frieb die Ereignisse, die er fern seiner Heimat erlebte.  |  NOEN, zVg

Im Ersten Weltkrieg war Erwin Frieb, der am 2. September 1880 geboren wurde und am 12. September 1959 verstorben ist, als Gefangener in Tschita, Sibirien, inhaftiert.

Am 16. August 1918 fuhr der Major mit dem Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes, Kapitän Astrand, und dem deutschen Kriegsgefangenen Jonas, mit Erlaubnis der Roten Armee, in die Mandschurei, um Lebensmittelspenden abzuholen. In Mandschuria (Manzhouli) angekommen, wurde ihnen mitgeteilt, dass die Ladung von General Grigori Michailowitsch Semjonof – einem Führer der Weißen im russischen Bürgerkrieg – requiriert worden war. Als dieser mit japanischen Truppen die Stadt besetzte, trat das Trio eine mit Hindernissen gepflasterte Rückkehr an. Auf einer der Etappen, die zu Fuß, per Wagen oder mit Extrazügen bewältigt wurden, erfuhren sie, dass sich tschechische Verbände schon nahe bei Tschita befänden, die Bolschewiken hingegen auf der Flucht seien.

Am Bahnhof von Antipicha verlangte der Stationsvorstand das Hissen ihrer Nationalflagge oder einer weißen Fahne am Zug. Kapitän Astrand hatte eine schwedische Fahne mitgenommen. Diese wurde am Waggon angebracht. „Der Lokomotivführer wollte auch noch eine weiße Fahne haben. Die Heizer gingen auf die Suche und brachten eine lange Stange“, beschrieb der Rohrbacher Offizier das Geschehen.

Dabei spielte sich laut ihm eine eigenartige Szene ab. „Vom Dache des Weichenwärters flatterte noch eine alte rote Fahne, wie sie damals in den ersten Tagen der Revolution gepflanzt wurde“, notierte er. „Der eine Heizer nahm jene Fahne, riss schmunzelnd das rote Tuch herunter, dann band er mein Handtuch hinauf und hisste die Flagge vorne auf die Lokomotive. So wurden zwei Farben rasch gewechselt, um deren Ideale im ganzen russischen Reiche ein verzweifelter Kampf tobte.“

Trio mit amerikanischer Kommission verwechselt

Die Männer fuhren weiter und erregten großes Aufsehen wegen dieser „Flaggengala“.

Frieb: „Die Leute in der Vorstadt von Tschita liefen aus den Häusern heraus und winkten uns mit Tüchern. Langsam rollte unser Zug am Bahnhof ein. Der Perron war von einer bewaffneten Menge überfüllt. Wir stiegen aus. Ich hatte die schwedische Fahne am linken Arm ausgebreitet. Eine Gruppe bewaffneter Burjaten umringte uns.“ Ein Führer dieses mongolischen Volksstammes in Sibirien sprach sie auf Russisch an. „Er stellte sich als neuer militärischer Kommandant des Bahnhofes Tschita vor und habe gehört, dass wir eine amerikanische Kommission seien – er bitte um unsere Papiere. Die ganze aufgeregte Menschenmenge drängte sich um uns; wir sahen eine Menge Studenten mit Gewehren, Milizen, bewaffnete Bürger. Die Ansprache dieses wackeren Burjatenchefs war so freundlich gehalten, dass wir keinen Grund hatten, beunruhigt zu sein.“

„Niemand hatte es mehr für möglich gehalten, dass wir uns durch all die Fronten werden durchbeißen können.“ Erwin Frieb

Friebs Kollege Jonas erklärte, wer sie wären, und dass das Trio direkt von Semjonof kam. „Dies brachte uns die allgemeine Sympathie der Leute ein; man ließ uns sofort frei, und wir gingen stolz aus dem Bahnhof hinaus“, erinnerte sich der Offizier.

Tschita hatte über Nacht die rote Fahne mit der weißen eingetauscht. „Die Stadt zeigte mit einem Schlage ein anderes Bild. Wir ließen unser Gepäck auf einen chinesischen Lastwagen verladen und marschierten fröhlich in unser Quartier, wo wir mit ,Hurrah‘ empfangen wurden. Niemand hatte es mehr für möglich gehalten, dass wir uns durch all die Fronten werden durchbeißen können“, so Frieb.