Erstellt am 14. März 2016, 08:50

von Astrid Krizanic-Fallmann

Russenoffizier warnt Trio. Erwin Frieb aus Rohrbach war im Ersten Weltkrieg in Gefangenschaft. Seine Erlebnisse im Lager in Sibirien und in der Mandschurei schrieb er in einem Manuskript auf.

Erwin Frieb. Foto: privat  |  NOEN, privat
Im Ersten Weltkrieg war Erwin Frieb, der am 2. September 1880 geboren wurde und am 12. September 1959 verstorben ist, als Gefangener in Tschita, Sibirien, inhaftiert.

Am 16. August 1918 fuhr der Major mit dem Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes, Kapitän Astrand, und dem deutschen Kriegsgefangenen Jonas, mit Erlaubnis der Roten Armee, in die Mandschurei, um Lebensmittelspenden abzuholen.

In Mandschuria (Manzhouli) angekommen, erfuhren sie, dass die Ladung von General Grigori Michailowitsch Semjonof – einem Führer der Weißen im russischen Bürgerkrieg – requiriert worden war. Als dieser mit japanischen Truppen die Stadt besetzte, bekamen die drei eine Bewilligung zur Rückkehr.

Bei dieser gerieten sie in weitere Kampfhandlungen. Am Bahnhof in Karinskaja wurde das Trio dann aufgeklärt, dass tschechische Verbände schon nahe bei Tschita, die Bolschewiken hingegen auf der Flucht seien.

„Unser Zug war kaum stehen geblieben, als unser Impresario wieder einstieg. Er hatte beim Bahnhofsrestaurant ein Nachtmahl für uns bestellt, wozu wir ihn gerne einluden. Das Essen wurde bald im Waggon serviert“, notierte Frieb. „Da klopfte es, und herein trat ein eleganter älterer Herr in russischer Uniform, mit blassen, verstörten Zügen. Er stellte sich in französischer Sprache als der militärische Kommandant von Karinskaja vor. Wir boten ihm einen Platz an. Mit heiserer, schwerer Stimme erzählte er uns, dass in den Nachtstunden die ersten Züge der fliehenden Bolschewik-Armee aus Tschita hier durchgefahren seien. Die Zucht und Ordnung unter der Mannschaft war völlig gelockert, die Leute waren roh und wüst, sie aßen und tranken, ohne zu bezahlen, zerschlugen das Geschirr und schossen ihre Gewehre zum Vergnügen ab.“

Niemand kümmert sich um Befehle. Der Gast stand als ehemals russischer Gardeoffizier dabei mit einem Fuß im Grab. „Er durfte seinen Dienstposten nicht verlassen und wenn es der trunkenen Soldateska einfiel, so schoss sie ihn glatt über den Haufen. Wer sollte denn hier einen Richter abgeben?“

Der Russe vergewisserte sich bei ihnen, ob die Absicht zur Weiterfahrt bestehe. Frieb: „Wir bejahten. Da sagte er leise zu uns: Meine Herren, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, so fahren Sie jetzt nicht nach Tschita. Dort selbst wütet derzeit eine Schlacht, ich weiß es genau. Ihr Zug würde bei der Einfahrt zweifellos von der feindlichen tschechischen Artillerie beschossen werden. Ich kann Ihnen also nur abraten.“

Die Warnung fiel jedoch nicht auf fruchtbaren Boden. „Das waren allerdings keine guten Aussichten für uns, doch hatten wir einmütig beschlossen, durch dick und dünn nach Tschita zu kommen“, so der Rohrbacher Offizier in seinen Aufzeichnungen.