Erstellt am 19. April 2017, 05:00

Neugier auf „Skandal-Friseur“ in Ybbs. Weil türkischer Friseur nur Herren- und Kinderschnitt anbietet, muss er sich rechtfertigen.

shuttersock/Nejron Photo

Der Friseursalon von Sükrü Karakoc in Ybbs hat seit knapp zwei Wochen geöffnet. Nach jahrelanger Erfahrung als Friseurmeister brachte ihn der Wunsch, der eigene Chef zu sein, in die Stadt an der Donau.

Auf den ersten Blick wirkt sein Geschäft wie ein ganz normaler Friseursalon. Klassische Salonsessel für die Kundschaft, viele Spiegel, eine gemütliche Warteecke, große Fenster. Trotzdem darf sich Karakoc und sein Mitarbeiter Yüksel Sakinoglu seit vergangener Woche über bundesweite Aufmerksamkeit freuen. Den vermeintlichen Aufreger brachte die größte österreichische Boulevardzeitung ins Rollen.

Yüksel Sakinoglu wehrt sich gegen die Vorwürfe in einem Artikel der größten österreichischen Boulevardzeitung.  |  privat

Der Grund: Der „Friseur Ybbs“ hat sich auf Herren und Kinder spezialisiert – und bedient demnach keine Frauen. Das Boulevardblatt unterstellt dem Lokal Frauenfeindlichkeit, anonyme Ybbser kritisieren im Artikel, dass dadurch das Zusammenleben in Ybbs erschwert wird.

Nach dem Artikel rückten auch TV-Stationen nach Ybbs aus, um kritische Ybbser vor das Mikrofon zu zerren. Wie NÖN-Recherchen ergaben, rückten diese aber wieder ohne Sendungsbericht ab – man fand nicht genügend Ybbser, die sich negativ äußerten.

Schroll: "90 Prozent haben damit kein Problem"

Ähnlich sieht es auch der Ybbser SP-Bürgermeister Alois Schroll: „90 Prozent der Leute in der Stadt haben damit kein Problem. Es gibt in ganz Österreich Herren- oder Damenfriseure. Alles, was im gesetzlichen Rahmen ist, ist in Ybbs erlaubt.“ Allerdings gibt es tatsächlich ein „Problem“ mit dem Friseur – wegen seines Eingangsschildes. „Dieses hält die Altstadtkommission für nicht konform. Der Inhaber hat uns aber bereits signalisiert, es zu ändern“, erklärt Schroll gegenüber der NÖN.

Stylist Yüksel Sakinoglu versteht weder die Wortwahl im Boulevard-Artikel noch den Wirbel: „Es ist ganz einfach: Wir haben uns beide auf Herrenschnitte und Rasur spezialisiert. Es gibt viele Barbiere- und reine Herrensalons in Österreich.“ Dass die Ybbser kein Problem mit ihrem Geschäft haben, bestätigt auch der Friseur: „Wir sind in Ybbs gut angekommen. In unser Geschäft kommen auch viele Österreicher. Ich hatte eher das Gefühl, dass die Leute froh sind, dass wir da sind.“

"Ich persönlich habe kein Händchen für Dauerwellen, aber Rasieren kann ich sehr gut. Warum soll ich nicht das anbieten, was ich kann?“

Karakoc und Sakinoglu haben ihre Wurzeln in der Türkei. Sie haben beide bei verschiedenen österreichischen Friseuren gearbeitet und Erfahrungen gesammelt. Sakinoglu weiß: „Ich kenne viele tolle Friseure aus Österreich. Es gibt nun mal unterschiedliche Arbeiten und Techniken in dieser Branche. Ich persönlich habe zum Beispiel kein Händchen für Dauerwellen, aber Rasieren kann ich sehr gut. Warum soll ich nicht das anbieten, was ich kann?“

Den medialen Rummel um den „Friseur Ybbs“ sieht der Stylist mit einem Augenzwinkern: „Ybbs ist neugierig auf den ‚Skandal-Friseur‘. Nachdem wir durchgehend positives Feedback unserer Kunden bekommen, sehen wir es als Werbung: Spätestens jetzt kennen uns alle.“