Pöchlarn

Erstellt am 18. Juli 2017, 05:00

von Anna Faltner

Wolke war kein Tornado. Eine sogenannte „Böenwalze“ sorgte am Mittwochabend für Staunen. Trotz heftigem Sturm und Ausfall der Westbahnstrecke handelte es sich allerdings nicht um einen Tornado.

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Spektakuläre Bilder einer Trichterwolke am Himmel über Pöchlarn, Golling und Krummnußbaum kursierten nach dem Unwetter am Mittwochabend im Internet. Mehrfach war sogar von einem Tornado die Rede, nach Schwechat also schon der zweite innerhalb einer Woche.

Laut Experten sind die beiden Unwetter allerdings nicht zu vergleichen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Naturspektakel über Pöchlarn nicht um einen Tornado.

Vermutlich "Böenwalze"

„Auf den Bildern erkennt man eine kräftige Gewitterzelle mit sogenanntem Böenkragen und einzelnen Bewölkungsfetzen an deren Unterseite“, klärt Rainer Kaltenberger von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf. In dieser Zone treten besonders starke Turbulenzen auf. Wenn sich die Wolkenunterseite auch „rollenartig“ bewegt, dann spricht man von einer „Böenwalze“.

Dabei handelt es sich um den Zwischenbereich von warmer Luft, die in das Gewitter einfließt und der herausfließenden, kühlen und feuchten Luft. Für einen Tornado hingegen muss ein rotierendes Wolkenanhängsel (Trichterwolke) den Boden erreicht haben.

Diese Art von Unwetter ist für die Region um den Bezirk Melk nicht untypisch. „Linienförmige Gewitter mit Böenwalzen kommen besonders an der Alpennordseite mehrmals im Jahr vor“, berichtet Kaltenberger. Etwa zehn Prozent aller Gewitterzellen sind Superzellen, aber nur wenige davon erzeugen einen Tornado.

"Jährlich ca. fünf Tornados in Österreich"

„Durchschnittlich treten in Österreich jährlich etwa fünf Tornados auf“, sagt der Experte. Der bisher heftigste Tornado war jener am 10. Juli 1916 in Wiener Neustadt, bei dem 32 Menschen ums Leben kamen, 328 wurden verletzt.

Für den Fall, dass tatsächlich ein Tornado auftreten sollte, empfiehlt Kaltenberger: „Unbedingt geschützte Räume aufsuchen, am besten im Keller. Und keinesfalls mit dem Auto in Richtung des Tornados fahren.“ Die größte Gefahr sind umherfliegende Trümmerteile wie Dachziegel, Äste oder Bäume.

Ein endgültiger Schluss über die Gewitterzelle kann aber erst nach einer Analyse der Schäden vor Ort gezogen werden. Dass das Unwetter seine Spuren hinterlassen hat, war aber deutlich zu sehen: Unzählige Bäume wurden gefällt und lagen auf Straßen oder Wegen. Durch den Sturm riss in Krummnußbaum etwa auch eine Freileitung der EVN und fiel auf die Hochspannungsleitung der ÖBB. Für fast drei Stunden war die Westbahnstrecke außer Betrieb.

Die „Böenwalze“ bewegte sich rollenartig. Auf dem Bild erkennt man die in die Gewitterzelle einfließende, warme Luft (rote Pfeile) sowie die ausfließende, kühle Luft (blaue Pfeile). Im Grenzbereich (graue Pfeile) kommt es zu starken Turbulenzen.  |  Meierhofer