Erstellt am 20. Oktober 2015, 06:02

von Elisabeth Schuster

Notärztemangel in Melk. Während in Melk Notarztdienste unbesetzt blieben, gibt es in Ybbs und Pöggstall kein Problem.

Durchschnittlich vergehen 12.40 Minuten vom Notruf bis zum Eintreffen des Notarztes am Einsatzort. Derzeit gibt es zwar genug Ärzte, jedoch zu wenig, die sich in den Notarzt-Dienst stellen.  |  NOEN, Plutsch
In einem Leserbrief an die NÖN kritisierte in der Vorwoche ein Melker den Mangel an Notärzten in der Bezirkshauptstadt: „Im Land NÖ kann zunehmend häufiger an kleineren Dienststellen der Notarztdienst nicht mehr besetzt werden. Das war auch am 2. und 10. Oktober in Melk so. An diesen beiden Tagen waren zwar die Sanitäter, aber kein Notarzt vorhanden“, lautet der Vorwurf.

Bestätigt wird die Kritik auch von einem praktischen Arzt aus Melk: „Ich hatte am 10. und 11. Oktober Wochenenddienst in meiner Ordination. Bei einer Patientin war ein Notarzt erforderlich. Weil in Melk jedoch keiner Dienst hatte, musste der Notarzt aus St. Pölten kommen.“ Dieses Problem kennt Hannes Haberfellner, Geschäftsführer der Rotkreuz-Bezirksstelle Ybbs nicht. „Melk wird von der Holding besetzt. Ybbs und Pöggstall sind freie Notarztstützpunkte“, klärt Haberfellner auf. Das heißt, dort gibt es einen leitenden Notarzt, der die Dienstpläne einteilt. Wobei Pöggstall ein Nachtstützpunkt ist und Ybbs rund um die Uhr einen Notarzt hat.

Einsatz von Notarzt oft nicht erforderlich

Im NÖN-Gespräch nimmt auch Doktor Fritz Firlinger, Präsident der Notarztbörse, zu der Melker Problematik Stellung: „Der Arzt ist keine aussterbende Rasse. Es gibt aber zu wenig Ärzte die sich in den Notarzt-Dienst stellen.“ Gründe dafür gibt es laut Firlinger einige: einerseits die zu geringe Entlohnung, das hohe Maß an Fehleinsätzen oder auch das rechtliche Risiko der Tätigkeit an sich.“ Dazu kommt seiner Meinung nach die Tatsache, dass durch das Arbeitszeitgesetz die Ärzte vermehrt an ihren Abteilungen benötigt werden und für diese Zusatztätigkeit nicht mehr freigestellt werden können.

„In knapp 80 Prozent der Einsätze war ein Notarzt, im Nachhinein betrachtet, nicht erforderlich. Hier würden Notfallsanitäter, mit einer Regelkompetenz ausgestattet, völlig ausreichen. Derzeit werden meist Rettungssanitäter zu den Einsätzen geschickt, während die Notfallsanitäter nur zum Teil so eingesetzt werden, wie es ihnen das Sanitätergesetz erlauben würde“, so Firlinger.

„In knapp 80 Prozent der Einsätze war
ein Notarzt im Nachhinein betrachtet
nicht erforderlich.“
Doktor Fritz Firlinger,
Präsident der Notarztbörse

Eine Lösung für die Zukunft könnte laut dem Notarztbörse-Präsident sein: Rettungswagen mit Notfallsanitätern breit aufzustellen und parallel mit reduzierter Anzahl an Stützpunkten den Notärzten erlauben, den Notarztdienst nebenberuflich auszuüben. „Rund 1.000 Ausfahrten gibt es jährlich vom Notarztwagen des Melker Roten Kreuzes“, erklärt Sonja Kellner vom Roten Kreuz NÖ.

Großteils sind das Ausrückungen im Bezirk Melk. Fällt der Notarzt in Melk aus – oder ist gerade auf Einsatz – so springen die Notarztkollegen aus Ybbs, Pöggstall, Scheibbs oder St. Pölten ein. Auch der Hubschrauber in Ybbsitz und Krems ist immer einsatzbereit. Ausnahmen gibt es wetterbedingt oder in der Nacht. „Es ist nicht wichtig, woher der Notarzt kommt, sondern wie schnell er am Einsatzort ist“, erklärt Christa Pehn vom Landesklinikum Melk.


Daten und Fakten

  • Der Verein „Notarztbörse“ besetzt seit mehr als zwölf Jahren Stützpunkte in weiten Teilen Österreichs. Alle qualifizierten Ärzte, die freiberuflich Notarzt-Dienst machen wollen, werden Mitglied und dann vermittelt. Präsident der Notarztbörse ist Doktor Fritz Firlinger.
  • Ein Notfallsanitäter muss 520 Ausbildungsstunden absolvieren.
  • Insgesamt vergehen vom Notruf bis zum Eintreffen des Notarztes am Einsatzort durchschnittlich 12.40 Minuten. Damit liegt das niederösterreichische Notarztsystem weit unter den Hilfsfristen vergleichbarer Bundesländer z. B. in Deutschland.
  • Niederösterreich: 12.40 Minuten (19.000 km2 )
  • Thüringen: 17 Minuten (16.000 km2).
  • Grundsätzlich wird bei einem 144-Anruf zwischen einem absoluten Notfall und keiner akuten Situation unterschieden. Gibt es eine lebensbedrohliche Situation, rücken Notfallsanitäter und Notarzt aus. Ansonsten sind die Rettungssanitäter gefordert. Natürlich kann ein Notarzt jederzeit nachgefordert werden.
  • Die Einsatzradien der diensthabenden Notärzte überlappen sich. Die Versorgungsregionen sind damit bestmöglich abgedeckt.
  • Nicht-ärztliche Rettungsteams ergänzen das Notarzt-System und können via GPS permanent geortet und koordiniert werden.