Erstellt am 11. Februar 2016, 05:03

von Michael Pfabigan

 Drei Patientinnen.  Einsatz im Krisengebiet /  Die Mistelbacher Ärztin Antonia Rau war für MISTELBACH /  „Ich wollte das immer schon machen!“ Antonia Rau, Gynäkologie-Oberärztin am Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf meldete sich freiwillig und war für

Die Gynäkologin des Landesklinikums Mistelbach Antonia Rau (re.) war sechs Wochen für »Ärzte ohne Grenzen« in einer Geburtenklinik im islamistischen Norden Nigerias im Einsatz.  |  NOEN, zVg

„Ich wollte das immer schon machen!“ Antonia Rau, Gynäkologie-Oberärztin am Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf meldete sich freiwillig und war für „Ärzte ohne Grenzen“ sechs Wochen in einer Geburtenklinik im Norden Nigerias.

„Die Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“ hat mich immer schon fasziniert: Menschen, egal welcher Hautfarbe, Nation oder Religion zu helfen!“ Also bewarb sie sich für einen Einsatz. Zuerst musste sie sich einem Hearing stellen, als sie das bestanden hatte, ging alles ganz schnell: „Der erste Einsatz, der mir angeboten wurde, war Pakistan“, erzählt die Ärztin. Als Einstieg war ihr das doch eine Nummer zu groß. Zweites Angebot: Nigeria.

Die Entscheidung für den Einsatz fiel dann binnen zwei Wochen: „Da bin ich meinem Chef auf der Gynäkologie, meinen Kollegen und der Ärztlichen Direktion dankbar, dass sie mir das so kurzfristig ermöglicht haben!“, sagt Rau. Wie hat eigentlich die Familie reagiert? „Offiziell haben sie mich immer unterstützt und in der Idee bestärkt. Aber insgeheim haben sie sich schon Sorgen gemacht und waren froh, als ich heil wieder zurück war“, lacht die Ärztin.

„Da lernt man als Arzt wieder seine Hände, 
Augen und Ohren für die Diagnostik einzusetzen!“
Antonia Rau, Gynäkologin

Das Einsatzgebiet? Jahun im nigerianischen Bundesstaat Jigawa im Norden des Sahelzonen-Landes. Die Kontrolle in diesem Gebiet haben die radikalislamischen Boko Haram, es gilt die Scharia. Viel Zeit für Sightseeing gab es nicht, eine Runde mit dem Auto im Ort war schon die weiteste Tour. Sonst bewegten sich Rau und ihre internationalen Kollegen nur zwischen Klinikum und ihrem Quartier. Das Team: Zwölf Mediziner aus Japan, Italien, Australien, Belgien, Indien, der Elfenbeinküste und Kenia: „Wir waren die einzigen Ausländer in der Region“, erzählt Rau.

„Ärzte ohne Grenzen“ betreibt seit 2008 die Geburtenklinik, die Region ist gekennzeichnet durch hohe Säuglings- und Müttersterblichkeit: Zirka 1000 Patienten werden monatlich in der Einrichtung aufgenommen, 700 Geburten gibt es im Schnitt: „In Mistelbach haben wir zum Vergleich 750 in einem Jahr!“, sagt Rau. Und: Diese 700 Geburten sind alles Problemgeburten. Denn ist alles in Ordnung, dann wird zuhause entbunden. „Wenn dann etwas nicht stimmt, dann kommen sie weit her und sind teilweise zu zehnt im Auto. Es ist unvorstellbar“, erzählt die Gynäkologin.

Medizinische Hilfe unter mit einfachsten Mitteln

Wie ist die Arbeit in der Klinik? „Von der Hygiene her ok, Medikamente gab’s halt andere und billigere als bei uns.“ Nicht vorhanden war allerdings die Unterstützung anderer medizinischer Fächer: Andere Fachärzte gab es kaum. Für die Diagnostik hatte das internationale Ärzteteam gerade mal ein Ultraschallgerät und vier Tester, mit denen das Blut auf HIV, Malaria und Syphilis untersucht werden konnte: „Da lernt man als Arzt wieder seine Hände, Augen und Ohren für die Diagnostik einzusetzen!“, sagt Rau.

Auch operationstechnisch war der Einsatz in Nigeria für Antonia Rau eine andere Welt: „Da wurden OPs gemacht, die kann man in keinem Lehrbuch mehr nachlesen. Das sieht man nur noch in medizinhistorischen Einrichtungen!“ Im Bettentrakt standen 45 Betten, die reichten aber lange nicht: „In den Betten sind die Frauen zu zweit oder zu dritt gelegen. Und alle in einem riesigen Saal!“ Vergleicht sie, mit welchen Problemen sie manchmal im Weinviertel konfrontiert wird, dann werden diese plötzlich sehr klein. „Ich habe dort eine Frau elend an Tetanus sterben gesehen“, erinnert sie sich: Insofern könne sie manche Diskussion um die Notwendigkeit von Impfungen bei uns nicht mehr nachvollziehen: „Da wird man dann schon ein wenig grantig!“

Was wird ihr in Erinnerung bleiben? „Der ungeheure Zusammenhalt im internationalen Team. Wir, die helfen wollten, waren uns besonders verbunden“, sagt Rau: „Und die Dankbarkeit der Menschen!“

Ob sie wieder in einen „Ärzte ohne Grenzen“-Einsatz gehen wird? Rau ist sich sicher, dass sie das machen wird: „Mit meinem jetzigen Wissen würde ich für „Ärzte ohne Grenzen“ auch in ein Kriegsgebiet gehen“, vertraut sie der Risikoeinschätzung der internationalen Organisation. Denn wo es nicht sicher ist für die Ärzte, dort werden sie auch nicht hingeschickt.


Im Detail

„Ärzte ohne Grenzen“ ist die deutsche Übersetzung des Namens der 1971 gegründeten größten internationalen Organisation für medizinische Nothilfe „Médecins Sans Frontières“.

Die private, unabhängige Hilfsorganisation leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten. Hierfür wurde ihr 1999 der Friedensnobelpreis verliehen.

Spenden: Erste Bank, IBAN: AT43 2011 1289 2684 7600

www.aerzte-ohne-grenzen.at