Erstellt am 16. März 2016, 05:04

von Werner Kraus

„Ärzte sind keine Terminatoren". Bezirksärztevertreter Wolfgang Wiesinger sieht das Problem fehlender Landärzte nicht in fehlenden Prämien.

Die Wartezimmer der Ärzte sind übervoll, die Verdienstmöglichkeiten mit Kassenhonoraren gering, die Überlastung riesig. Bezirksärztevertreter Wolfgang Wiesinger übt Kritik am System,  |  NOEN, Shutterstock, zVg

„Es sind nicht primär die finanziellen Anreize, die Ärzte aufs Land ziehen, sonder das Bedürfnis, dicht an seinem Patienten zu leben und ihnen als guter Arzt und Mitmensch nahe zu sein!“ Bezirksärztevertreter Wolfgang Wiesinger, praktischer Kassenarzt in Laa, kann das Vorhaben der Laaer Stadtregierung und Opposition nicht ganz nachvollziehen: Sie wollen mit Willkommensprämien Ärzten die Kassenstelle in der Grenzregion schmackhaft machen -

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„Der Wunsch nach mehr zeitlicher Zuwendung 
kann in der Kassenordination nicht erfüllt werden, 
sondern ist zu einer romantischen Illusion in 
TV-Doktorserien geworden!“
Wolfgang R. Wiesinger, praktischer Arzt und Bezirksärztevertreter

„Mein eigenes ärztliches Bedürfnis ist es in der Sprechstunde meinen Patienten jene Zeit und Zuwendung zu geben, die sie sich verdient haben!“, sagt Wiesinger. Das System der kassenärztlichen Praxis und der Mangel an Ärzten stünden dem diametral entgegen.

Und der Wunsch mancher Patienten, nach mehr zeitlicher Zuwendung des Arztes sei zu nichts, als einer romantischen Illusion aus TV-Doktorserien geworden: „Darüber sind nicht nur viele Patienten traurig, auch ich selber bin es!“ Hinzu kommen die Arbeitszeiten: Nimmt ein Arzt seinen Job ernst, dann kommt er mit den vordefinierten Stunden nicht aus. Die wartenden Patienten aus dem Sprechzimmer heim schicken? Das geht auch nicht.

„Ärzte sind keine Terminatoren, die nie müde werden und im Fall des Falles sich selber reparieren können!“, nutzt der Bezirksärztevertreter ein Bild aus der populären Science Fiction. Längerfristiges Überschreiten der Belastungsgrenzen führe zu Frustration und Krankheit.

Hohe Kosten und niedrige Kassenhonorare

Dazu kommt noch die an Ausbeutung grenzenden Kassenhonorare: Pro Patientenuntersuchung bekommt ein Hausarzt acht Euro gezahlt: „Da wird Kassenmedizin zur trostlosen, zettelschreibenden Massenabfertigung!“, sagt Wiesinger. Dem stünden die hohen Kosten gegenüber, die das Einrichten und betreiben einer Praxis bedeutet. Und der Hornorarkatalog 2016 der Krankenkasse würde die Medizin der 1950er-Jahre widerspiegeln - die Folge sei ein 40-jähriger Technologiestillstand, die Kassenleistungen reglementiert und in frustrierender Weise deckelt.

„Die Kassenpraxis für Allgemeinmedizin ist zum rastlosen, rasenden Hamsterrad geworden. Die Kassenärzte sind zu Underdogs der modernen Medizin abgestürzt!“, macht sich der Allgemeinmediziner wenig Illusionen.

Wie schwierig es ist, Hausarzt-Kassenstellen zu besetzen, zeigen auch die aktuellen Zahlen der Gebietskrankenkassa: Im Bezirk ist Wolkersdorf seit Oktober 2015 frei, Laa wird mit April, Interessenten gibt es nicht. Wolkersdorf wurde bereits neun Mal, Laa immerhin vier Mal ausgeschrieben.

Die neunmalige Ausschreibung von Wolkersdorf ist übrigens niederösterreichweit ein Rekord: Keine andere Kassenstelle ist derzeit derart oft ausgeschrieben, ohne dass sich ein Interessent fände.

Die Wartezimmer der Ärzte sind übervoll, die Verdienstmöglichkeiten mit Kassenhonoraren gering, die Überlastung riesig. Bezirksärztevertreter Wolfgang Wiesinger übt Kritik am System.Shutterstock,zVg

 


Offene Arztstellen im Bezirk

Laa an der Thaya:

per 1. April 2016

Wolkersdorf:

vakant seit 1. Oktober 2015