Erstellt am 19. Februar 2016, 05:04

von Valerie Schmid

Allgemeinmedizin ins „Out“ gedrängt. Immer mehr werdende Auflagen und Bestimmungen erschweren den Beruf und schrecken Jungärzte ab.

 |  NOEN, APA (dpa)

Zwei Kassenstellen für Allgemeinmediziner sind derzeit im Bezirk Mistelbach frei. Eine in Laa, eine in Wolkersdorf – diese ist sogar schon seit Oktober unbesetzt. Facharztstellen sind derzeit alle besetzt. Insgesamt gibt es im Bezirk Mistelbach 60 Kassenstellen, in ganz Niederösterreich sind zehn frei. Auch wenn die Fehlstellen wenig klingen, so sind doch 20 % der derzeit unbesetzbaren Arztstellen im Bezirk Mistelbach zu finden.

Bezirksärztevertreter Wolfgang Wiesinger beschreibt die Situation der Allgemeinmediziner als „tragisch“. Während die Kassenmedizin „ins Out geraten ist“, weil sie viele Auflagen, Kosten und Einsparungen tragen muss, erleben die Wahlärztepraxen einen Aufschwung: „Im Jahr muss ich schon einmal mindestens 4.000 Euro an Gebühren zahlen, damit ich überhaupt arbeiten kann“, so Wiesinger. Unter diese Kosten fallen unter anderem die Anschaffung und Reparatur von Geräten und Computern.

„Im Jahr muss ich schon einmal 4.000 Euro 
an Gebühren zahlen, damit ich überhaupt 
arbeiten kann“
Wolfgang Wiesinger, Praktischer Arzt in 
Laa und Bezirksärztevertreter

Des Weiteren spricht er von einem technologischen Stillstand: „Seit ich vor 35 Jahren begonnen habe, ist nichts dazugekommen und damals hat man schon von einem Stillstand gesprochen. Die Leistungskataloge der Kassen spiegeln die Medizin der Fünfzigerjahre wider. Zum Beispiel wird eine Ultraschalluntersuchung für einen Allgemeinmediziner von der Kasse nicht finanziert.“ Die Wochenenddienste hält er für ein eher untergeordnetes Problem, obwohl diese klarerweise für die steigende Anzahl an Frauen in der Medizin nachteilig wirken.

Hausärztesprecher Wolfgang Geppert findet die Situation im Moment nicht so akut, rechnet aber in zwei bis drei Jahren mit einem deutlichen Mangel. Durch die mittlerweile hohe Anzahl an privaten Praxen verschärfe sich die Zweiklassenmedizin. Laut Geppert müsse man dem entgegensteuern, da sie zum Nachteil für finanziell schlechter Gestellte und Migranten werde.

Birgit Jung von der Ärztekammer Niederösterreich vermutet, dass Faktoren wie ein geringeres Einkommen im Vergleich zu Fachärzten und Wochenenddienste doch auch eine Rolle spielen und für Jungärzte weniger attraktiv wirken. Trotzdem bezieht sie auch mit ein, dass durch die höhere Anzahl an Kassenstellen im Allgemeinmedizinbereich (siehe Grafik) klarerweise ein häufigerer „Wechsel“ verzeichnet werden kann. Während in anderen niederösterreichischen Gegenden wie Bruck an der Leitha oder Groß Enzersdorf ein akuter Kinderärztemangel herrscht, kann sich Mistelbach mit zwei besetzen Stellen „als glücklich schätzen“. Laut Birgit Jung „muss man schon froh sein, wenn es überhaupt wen gibt.“

Faktoren zur Lösung der Problematik

Was müsste sich nun ändern, um einem Ärztemangel vor allem unter den Allgemeinmedizinern entgegenzuwirken?

Laut Jung sollte zum einen die Chefarztpflicht gestrichen werden, da „der Chefarzt die Notwendigkeit einer Behandlung beurteilt, ohne den Patienten zu kennen oder ihn untersucht zu haben“ und der hohe Bürokratieaufwand erschwere die Ausübung des Berufs. Des Weiteren sollen „limitierte Leistungen“ abgeschafft werden, da diese „Leistungen sind, die ein Arzt - unabhängig von der Notwendigkeit der Behandlung oder Diagnostik - nur in einer beschränkten Anzahl abrechnen kann.“

Auch Wiesinger nennt als Problem die „Leistungskurse als Zwangskorsett“ und eine „Einengung durch Vertragswerke“ und betont, dass eine „freie Zeitgestaltung“ notwendig sei, da am Tag 80 bis 150 Patienten kommen, die untersucht werden müssten, was eine hohe Belastung darstelle.

Ein weiterer Punkt ist die fehlende Möglichkeit der Kooperation „abseits der Gruppenpraxen“. Im Moment ist es nicht möglich, dass zum Beispiel in Grippezeiten zwei Ärzte in einer Praxis arbeiten oder in Bezug auf Allgemeinmediziner ein Arzt in der Praxis arbeitet und einer unterwegs ist. Laut Jung wäre das gerade am Land wichtig. Auch die Möglichkeit einer Anstellung nennt Geppert als wichtigen Faktor.

Die gängigsten Kassenstellen im Bezirk

x  |  NOEN, Ärztekammer Niederösterreich; Foto: graphic-line/shutterstock; NÖN-Grafik: Bischof